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16.04.17 / 00:02
Heft 08/2017 Zahnmedizin
Zahnärzte bei der IDKO

So werden Katastrophenopfer identifiziert

Nach Naturkatastrophen, Massenunfällen oder Terroranschlägen ist die IDKO, die Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts, gefragt, um eine zweifelsfreie Identifizierung der Opfer zu gewährleisten. Wie sich die Abteilung des BKA zusammensetzt, was ihre Aufgaben sind und mit welchen Methoden sie arbeitet.




Die Kommission wird immer dann zurate gezogen, wenn im In- oder Ausland eine größere Anzahl auch deutscher Opfer zu vermuten ist, wie etwa bei der Tsunamikatastrophe (2004), bei den Unglücken in Ramstein, Brühl, Eschede (1998) oder bei den Flugzeugabstürzen in Überlingen (2002) und MH 17 in der Ukraine im Jahr 2014.

Der letzte Einsatz der Identifizierungskommission erfolgte im Dezember 2016 nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Die Entscheidung für einen Einsatz der Kommission fällt immer der Präsident des Bundeskriminalamts.

Entstehungsgeschichte

1972 gab es ein großes Flugzeugunglück in Santa Cruz de Tenerife, als Unterstützung waren damals viele Beamte des Bundeskriminalamts zur Identifizierung der deutschen Opfer vor Ort. Die bei diesem Einsatz gesammelten Erfahrungen führten letzt- lich zur Errichtung einer Identifizierungskommission beim Bundeskriminalamt. Seit dieser Zeit wurden insgesamt 45 Einsätze im In- und Ausland durchgeführt.

Der bei Weitem größte und längste fand im Zusammenhang mit dem Seebeben statt, das sich Weihnachten 2004 nordwestlich von Sumatra (Indonesien) ereignet hatte. Der durch das Beben ausgelösten Flutwelle fielen Tausende Menschen zum Opfer, darunter viele deutsche Touristen. Zusammen mit den Identifizierungskommissionen anderer Staaten konnten in Sri Lanka und Thailand etwa 2.900 Personen identifiziert werden, darunter 539 deutsche Staatsangehörige und Personen mit Deutschlandbezug. Der Einsatz – mit mehr als 630 Spezialisten des Bundeskriminalamts und der einzelnen Länderpolizeidienststellen, Rechtsmedizinern sowie Zahnärzten – dauerte rund 14 Monate.

Um eine zweifelsfreie Identifizierung der Opfer zu gewährleisten, wird der höchstmögliche Qualitätsstandard (sogenannter IDKO-Standard) angelegt. Für den Identifizierungsprozess werden ausschließlich wissenschaftlich fundierte, 100-prozentig sichere und damit eindeutige Methoden angewendet. Die Kommission setzt dabei die geltenden Interpol-Richtlinien im Bereich der Opferidentifizierung um.

Identifizierungsprozess

Jeder Identifizierungsprozess besteht grundsätzlich aus den drei Bereichen Post-mortem(PM)-Befunderhebung, Ante-mortem(AM)-Befunderhebung und Auswertung (Datenmatching AM/PM).

• PM-Befunderhebung:

Im Rahmen der PM-Befunderhebung dokumentieren die IDKO-Mitarbeiter alle an den geborgenen Leichen(teilen) noch zu erhebenden postmortalen Daten und tragen diese dann in das sogenannte Interpol-PM-Formular ein. Die darin zu dokumentierenden Daten gliedern sich in primäre Identifizierungsmerkmale (DNA, Fingerabdrücke, Zahnstatus) sowie sekundäre Identifizierungsmerkmale (körperliche Beschreibung, medizinische Befunde, Bekleidung, Effekte und mehr).

Die IDKO des BKA erfasst die Post-mortem-Daten digital. Diese werden sofort in Interpol-PM-Formulare eingegeben, die die Identifizierungssoftware „DVI System International“ des dänischen Unternehmens Plass Data für die internationalen DVI(Disaster Victim Identification)-Teams vorhält – innerhalb der Software sind die „dental codes“ implementiert. Diese Codes wurden vorab durch die Mitglieder der FOSWG (Forensic Odontology Sub-Working Group) bei Interpol abgestimmt.

Eine PM-Befunderhebung findet regelmäßig am Schadensort selbst oder zumindest in dessen Nähe (im sogenannten Regionalen Einsatzabschnitt) statt.

• AM-Befunderhebung:

Gleichzeitig und parallel hierzu wird in Wiesbaden eine AM-Befunderhebung durchgeführt. Dafür werden die örtlich zuständigen Polizeidienststellen der Bundesländer – nach Klärung der konkreten Vermisstenlage in der Vermisstenstelle des BKA – über die zuständigen Landeskriminalämter aufgefordert, die entsprechenden primären/sekundären Identifizierungsmerkmale dieser vermissten Personen mithilfe des Interpol-AM-Formulars zu erheben, zu dokumentieren und nach Wiesbaden zu übermitteln.

• Datenmatching AM/PM:

Dort werden die Daten aufbereitet, genau analysiert (wie Extraktion und Typisierung von DNA aus übersandten Proben durch das Kriminaltechnische Institut (KTI) des BKA) und schließlich vervollständigt. Alle Ergebnisse werden ebenfalls in die oben beschriebene Identifizierungssoftware eingepflegt und damit IT-gestützt im „DVI System International“ unter Hinzuziehung weiterer Systeme (AFIS) abgeglichen. Dieser Prozess wird durch Fachkräfte (daktyloskopische Sachverständige, forensische Zahnmediziner, DNA-Spezialisten) unterstützt und überprüft.

Nur in dem Fall, dass mindestens ein primäres Identifizierungsmerkmal – Zahnstatus, Daktyloskopie oder DNA – übereinstimmt und die Auswertung aller vorliegenden sekundären Informationen (Asservate, Bekleidung, medizinische Befunde, körperliche Beschreibung etc.) ohne Widersprüche verläuft, wird eine sichere Identifizierung ausgesprochen.



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