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01.06.07 / 00:14
Heft 11/2007 Medizin
Statt der Pille für die Frau

Spermienbremse für den Mann

Die Hauptlast bei der Verhütung ruht nach wie vor auf der Frau. Die Pille gilt als zuverlässig, wenn sie korrekt eingenommen wird. Aber manche Frau leidet doch erheblich unter den Nebenwirkungen. Für den Partner gab es da bislang nur einen Ausweg: die Sterilisation. Zwar ist diese bei späterem Kinderwunsch oft reversibel, aber trotz allem mit großem Aufwand und Risiko verbunden. Die Zukunft verspricht neue Möglichkeiten.




Für den Mann gibt es bislang keinen vergleichbaren Eingriff in den Hormonhaushalt. In vier bis fünf Jahren könnte sich das nun ändern. Die Pille für den Mann wird bereits getestet – unter anderem vom Berliner Pharmahersteller Schering. Die Akzeptanz solcher Präparate wird entscheidend davon abhängen, ob die Produktion der Samenfäden zuverlässig wieder anspringt, wenn sich das Paar später für ein Kind entscheidet und den Wirkstoff wieder absetzt.

Kein Grund zur Sorge

In dieser Hinsicht scheint es keinen Grund zur Sorge zu geben, berichten Peter Liu vom Harbour-UCLA Medical Center in Torrance (US-Staat Kalifornien) und seine Kollegen im Fachjournal „The Lancet“ (Bd. 367, S. 1 412). Wer die Bildung seiner Spermien ein Jahr lang mit Hormonen unterdrückt und die Präparate dann absetzt, hat nach vier bis fünf Monaten wieder rund 20 Millionen Spermien in einem Milliliter Sperma. Von diesem Wert an gelten Männer als uneingeschränkt fruchtbar. Zu diesem Resultat kommen die Forscher um Liu, nachdem sie die bisher verfügbaren Studien zu diesem Thema zusammengefasst hatten. Dabei berücksichtigten sie rund 90 Prozent aller auf diese Weise behandelten Männer – insgesamt 1 549 Teilnehmer in 30 Untersuchungen aus der Zeit von 1990 bis 2005.

Spritze statt Pille

In mehreren Studien prüfen Hersteller zurzeit die Sicherheit und Verträglichkeit solcher Präparate. Zu ihnen gehört in Deutschland Jörg Elliesen, der als verantwortlicher Mediziner bei Schering eine Studie rund um die Pille für den Mann leitet. Die Pille ist indes nicht wirklich eine Tablette, sondern besteht aus einer Spritze, kombiniert mit einem Implantat. Dem Mann werden damit zwei Hormone verabreicht: Testosteron und ein Gestagen. „Das Präparat wirkt nach dem gleichen Prinzip wie die Pille für die Frau, die ihren Körper mit Östrogenen und Gestagenen versorgt, nur enthält es eben das männliche Sexualhormon“, sagt Elliesen.

Das Testosteron wird dem Mann in den Po gespritzt. Das Gestagen ist in einem dünnen, sechs Zentimeter langen Stäbchen enthalten, das mit einer Nadel unter die Haut des Oberarms implantiert wird. „Im Körper des Mannes wirkt das Testosteron für drei Monate, das Gestagen gar für ein Jahr“, sagt Elliesen. Das Wirkprinzip: Das Gestagen (genaue Bezeichnung: Etonogestrel) hemmt die Ausschüttung von Botenstoffen, die in den Hoden die Spermienbildung fördern und gleichzeitig die Testosteron-Produktion ankurbeln.

Testosteron-Ersatz

Durch diese hemmende Wirkung wird die Spermienbildung unterdrückt. Gleichzeitig sinkt dabei jedoch die körpereigene Testosteronproduktion, ein unerwünschter Nebeneffekt. Weil das Sexualhormon Testosteron im Körper zahlreiche Aufgaben hat – es fördert zum Beispiel den Muskelaufbau und reguliert die Fettanlagerung und Libido –, muss dieser Mangel ausgeglichen werden. Daher die Spritze in den Po. Dabei hat die Testosterongabe eine zusätzliche Hemmwirkung auf die Spermienbildung. Diese allein reicht jedoch nicht, um zuverlässig zu verhüten.

2010, eher 2011, so schätzt Elliesen, könnte die Pille für den Mann in deutschen Apotheken zu bekommen sein. Dann, so ist sich der Mediziner sicher, wird Mann vermehrt zum aktiven Verhüter in einer Partnerschaft werden. „Die Akzeptanz ist vielversprechend“, ergänzt der Schering-Forscher. Das hätten Umfragen gezeigt. Und, was viel wichtiger ist, es wird erwartet, dass dann die Wirksamkeit bei der „Pille für den Mann“ in etwa so hoch ist wie bei der Pille für die Frau. Das bedeutet, dass auf 100 verhütende Paare rechnerisch etwa ein Baby pro Jahr kommen kann. Die Präparate sind demnach also etwa gleich sicher, zumindest bei der Verhütung könnte bald Gleichberechtigung herrschen.

70 Tage bis zur Sicherheit

Liu konzentrierte sich auf die Frage, wie schnell die Produktion von Spermien wieder anspringt, wenn ein Paar das neue Verhütungsmittel absetzt. „Unsere Resultate zeigen, dass die volle Wiederherstellung der Spermienproduktion nach einer Hormonbehandlung zur Empfängnisverhütung eine realistische Erwartung ist“, schreibt Liu. Im Gegensatz zur Frau, wo zur Verhütung nur eine Eizelle pro Zyklus blockiert werden muss, dauert die Entstehung von Spermien beim Mann gut 70 Tage. Erst drei Monate nach Beginn der Behandlung mit hormonellen Verhütungsmitteln kann Mann sicher sein, dass sein Sperma wirklich unfruchtbar ist.

Männer, die die Hormone absetzten, hatten in 67 Prozent der Fälle nach sechs Monaten wieder 20 Millionen Spermien pro Milliliter Sperma.

90 Prozent der Männer erreichten diesen Wert innerhalb von zwölf Monaten. Nach spätestens 24 Monaten hat jeder Proband diese Marke wieder erreicht. Die Hormone hatten die Produktion der Spermien zuvor in annähernd allen Fällen auf fast null heruntergefahren, schreiben die Wissenschaftler. Zur Empfängnisverhütung reicht ihren Angaben zufolge bereits eine Zahl von weniger als drei Millionen Spermien.

Keine Altersgrenze

Was die Verhütung mit dem neuen Kombinationspräparat angeht, sind alle Männer gleich. „Eine Altersgrenze gibt es nicht. Die Anwendungseinschränkungen sind gering und entsprechen denen für eine Behandlung mit Sexualhormonen“, sagt der Berliner Mediziner Elliesen. Allerdings komme auch dieses Mittel wie viele andere Medikamente nicht ganz ohne Nebenwirkungen daher. „Unsere Probanden berichten von Akne, Gewichtszunahmen und einer abnehmenden oder zunehmenden Libido“, erklärt Elliesen die Begleiterscheinungen der Pille für den Mann.

Bislang können Männer nicht auf eine chemische Verhütungsmethode zurückgreifen. Kondome, Abstinenz, Coitus interruptus und Sterilisation würden von vielen Paaren abgelehnt, weil sie entweder nicht zuverlässig genug seien oder sich nur schwer rückgängig machen ließen, berichtet Peter Liu. Nach Ansicht des Forschers würden viele Männer auf die Pille zurückgreifen, wenn sie sich als zuverlässig erweise.

Maria Panagiotidou
Thilo Resenhoeft
dpa



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