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16.10.13 / 00:03
Heft 20/2013 Politik
Freie Berufe in Europa

Stabiles Element in Krisenzeiten

Die BZÄK nutzte auf ihrem Europatag in Brüssel die Gelegenheit, die Rolle der Freien Berufe für die europäische Politik in den Fokus zu rücken. Welche Erfahrungen bringt die duale Ausbildung in Deutschland mit sich? Und welchen Beitrag leisten Freiberufler zur Bewältigung der Krise? Diese Themen wurden in zwei Expertenrunden diskutiert. Das Fazit: Die Stärkung der Freiberuflichkeit ist in der EU ein stabiles Element in wirtschaftlich turbulenten Zeiten.




Auf dem Europatag am 18. September diskutierten nationale und internationale Experten sowie Referenten aus Politik und Verbänden. „Freiberufler sind eine erfolgreiche Sonderform klein- und mittelständischer Unternehmen mit gesellschaftlichem Mehrwert. Sie brauchen den richtigen Rahmen, um handeln zu können,“ sagte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel in Brüssel vor einem Fachpublikum aus rund 80 Teilnehmern. Er forderte die europäische Gesetz-gebung auf, die freiberuflichen Strukturen in Europa zu stärken.

Freiberufler setzen Engel zufolge wichtige beschäftigungspolitische Impulse, wenn das ordnungspolitische Umfeld stimmt. Die durch die Euro- und Schuldenkrise ausgelöste Wirtschaftskrise habe zu einem dramatischen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in der EU geführt. Dass Deutschland in dieser Hinsicht vergleichsweise gut da stehe, sei auf das duale Ausbildungssystem zurückzuführen, das den Übergang von der Schule ins Berufsleben erleichtere. Das durch die berufliche Selbstverwaltung geprägte System der Freien Berufe in Deutschland sei ein wichtiger Garant für die Ausbildung junger Menschen auf hohem Qualitätsniveau.

Was die Rolle der Freien Berufe in Europa angeht, stechen laut Engel zwei unterschiedliche Strömungen in der EU-Kommission ins Auge: Die Generaldirektion Unternehmen hat im Januar ihren Aktionsplan Unternehmertum 2020 veröffentlicht. Dort wird dazu aufgerufen, das wirtschaftliche Potenzial der Freiberufler besser zu nutzen. Eine eigene Arbeitsgruppe analysiert derzeit die Bedarfe.

Mit Sorge beobachte man jedoch die Diskussionen in der Generaldirektion Binnenmarkt, die das schwächelnde Wirtschaftswachstum in Europa durch den Abbau von Regulierungen im Bereich der reglementierten Berufe stimulieren will. Deregulierung allein um des Wachstums willen sei nicht der richtige Weg, so Engel.

Daran anknüpfend warf Prof. Dr. Martin Henssler, Europäisches Zentrum für Freie Berufe, Universität Köln, die Frage auf, wie eine gute Regulierung bei den Freien Berufen aussehen könnte. Henssler präsentierte erste Ergebnisse einer Studie über die Lage der Freien Berufe und ihre Bedeutung in der EU. Harmonisierende Vorgaben des EU-Gesetzgebers für gut funktionierende, regulierte Märkte freiberuflicher Leistungen bedürfen der Rechtfertigung und Überprüfung, erklärte er. Eine sachgerechte Regulierung müsse auf jeden Fall dem Schutz der Marktgegenseite (Verbraucher, Mandanten, Patienten) und dem Gemeinwohlinteresse dienen. Die freiberuflichen Leistungen spiegelten als Dienstleistungen hoch qualifizierter Berufsträger die Stärke des europäischen Wirtschaftsraums wieder und sollten EU-weit gefördert werden. Und das duale Ausbildungssystem in Deutschland könne eine Vorbildfunktion für Europa haben.

Erfolgsmodell

In zwei Podiumsdiskussionen, moderiert von der Fachjournalistin Petra Spielberg, wurden die angerissenen Themen vertieft. Im ersten Block ging es um Erfahrungen mit dem dualen System in Deutschland. Dank der dualen Ausbildung stehe Deutschland, was Fachkräfte angehe, im internationalen Feld relativ gut da, meinte der Leiter des OECD-Zentrums Berlin, Heino von Meyer. Man müsse aber hinterfragen, ob man angesichts 350 verschiedener Ausbildungsfelder nicht auch am Bedarf vorbei ausbilde. Herausforderungen im gesundheitlichen Bereich seien der demografische Wandel und die Pflegebedarfe der Zukunft. Hier gelte es, für die Fachkräfte attraktiv zu bleiben. Er plädierte dafür, dass die Freien Berufe das Beispiel der dualen Ausbildung als best-practise-Modell in die europäischen Diskussionen mit einbringe.

Laut Dr. Detlef Eckert, Direktor Europa 2020 Beschäftigungspolitik in der EU-Generaldirektion Beschäftigung, sei das deutsche duale System zwar ein Erfolgsmodell, jedoch lasse es sich nicht so ohne Weiteres in andere EU-Länder übertragen. Es gelte, Wege zu finden, um die Idee auch in anderen Staaten publik zu machen. Hier könnten sich die Freien Berufe einbringen. Dr. Otmar Kloiber, Generalsekretär der World Medical Association, schlug bei den Debatten um Jugendarbeitslosigkeit ein Umdenken vor: Freie Dienstleistung würde immer noch unter dem Gesichtspunkt betrachtet, den Menschen zur Arbeit zu bringen. Ziel- führender seien hingegen Programme, die die Arbeit zum Menschen brächten. So sei es beispielsweise sinnvoll, Angebote für die Region zu machen.

Um den Beitrag der Freien Berufe zur Bewältigung der Krise ging es im zweiten Diskussionsblock. „Freie Berufe sind krisensicher“, betonte Dr. Wolfgang Doneus, Präsident des Council of European Dentists (CED), in seinem Impulsreferat. Ihr Wirkungsfeld in Europa zu stärken, trage zu mehr Stabilität im Wirtschaftsgefüge bei. Doneus verwies auf die im CED auf Initiative der BZÄK entwickelte Charta der Freien Berufe, die auch in den politischen Diskussionen in Brüssel auf Interesse stoße.

Stephanie Mitchell, stellvertretende Referatsleiterin Unternehmen in der Generaldirektion Unternehmen der EU-Kommission, sprach den Aktionsplan Unternehmertum 2020 an, den die Kommission im Januar 2013 aufgestellt hatte. „Sie haben ein großartiges System, machen Sie es publik“, sagte sie an die deutsche zahnärztliche Selbstverwaltung gerichtet. Nadja Hirsch, MdEP, stellvertretende Vorsitzende des Beschäftigungsausschusses im Europäischen Parlament, bekräftigte, dass sich die deutschen Abgeordneten im Parlament vehement für die Freiberuflichkeit einsetzten und deren Belange auf die Agenda setzten. Um die Arbeitslosigkeit in der EU, die unter Jugendlichen besonders hoch ist, wirksam bekämpfen zu können, müssen die Mitgliedstaaten endlich strukturelle Reformen vorantreiben. Darüber hinaus brauchen wir flexible und zukunftsweisende Modelle wie die Freiberuflichkeit. Mit einem Anstieg um fast 62 Prozent ist sie ein wahrer Wachstumsmotor für die EU.



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