zm-online
16.03.05 / 00:11
Heft 06/2005 Zahnmedizin
Jahrestagung der Neuen Gruppe

Standortbestimmung für den praktisch tätigen Zahnarzt

Das vordergründige Anliegen der Tagung war es, den derzeitigen Stand der Zahnmedizin in einigen wesentlichen Teilbereichen darzustellen, und zwar vor dem Hintergrund, Ursachen für Misserfolge in der zahnärztlichen Tätigkeit und sich daraus ergebende Konsequenzen für die Therapie aufzuzeigen




Nach einführenden Worten des Präsidenten der Neuen Gruppe, Dr. Jürgen Koob, Hamburg, und des Präsidenten der Hamburger Zahnärztekammer, Prof. Dr. Wolfgang Sprekels, Hamburg, eröffnete Dr. Sascha A. Jovanovic, Los Angeles, die Vortragsrunde. Unter dem Thema „Periimplantäres Hartund Weichgewebsmanagement im ästhetisch relevanten Bereich – Vermeidung von Komplikationen und Misserfolgen durch moderne OP-Techniken und Materialien“ stellte der Referent die heute gültigen biologischen Aspekte bei Implantatversorgungen heraus. Während in der Vergangenheit Implantatversorgungen vordergründig unter der Prämisse der funktionellen Rehabilitation standen, sieht Dr. Jovanovic heute den Ersatz von Zähnen mithilfe von Implantaten als eine komplexe Aufgabenstellung zur Optimierung der Ästhetik, Funktion und natürlich zur Verbesserung der Mundgesundheit der Patienten.

Eine gesicherte Vorhersagbarkeit von Behandlungsergebnissen wird heute durch eine umfassende Diagnostik und Behandlungsplanung möglich. Die Versorgung einer Einzelzahnlücke ist im Sinne einer Tissue Preservation durchzuführen. Der Erhalt des periimplantären Gewebes soll durch die optimale Wahl der Implantatposition in seinen drei Dimensionen, durch die optimale Auswahl des Implantatdesigns und des Implantatmaterials gesichert werden. Die Schaffung einer frühzeitig stabilen periimplantären Situation ist dabei wichtig. Bei unzureichendem Hart- und Weichgewebsangebot soll eine Tissue Augmentation optimale Bedingungen für eine Implantatinsertion schaffen.

Misserfolge durch optimal Materialwahl vermeiden

„Misserfolge bei der Anwendung restaurativer Techniken können begründet sein in der Invasivität der Maßnahme und deren kurz- oder langfristigen Auswirkungen auf den Zahn.“ Diese einleitenden Worte von Privatdozent Dr. Burkhard Hugo, Würzburg, waren kennzeichnend für seinen Vortrag. Dr. Hugo zeigte auf, dass neben den beeinflussenden Faktoren Patient und Material der Zahnarzt entscheidende Verantwortung für den Zahnerhalt im Rahmen seiner restaurativen Tätigkeiten trägt. Eine Abkehr von der Extension for Prevention hin zur adhäsiven Versorgung defektbezogener minimalinvasiver Präparationen ist ein Beitrag, den der Zahnarzt leisten kann. Die verbesserte Eigenstabilität des Zahnes gilt dabei ebenso als Vorteil wie der aus einer verringerten Eröffnung von Dentintubuli resultierende Pulpenschutz. Um Misserfolgen vorzubeugen, ist auf eine exakte Kariesentfernung, gegebenenfalls unter Einsatz einer Lupenbrille, und auf ein funktionierendes Recallsystem zu achten. Da es nachweislich bei Präparationen approximaler Kavitäten mit rotierenden Instrumenten in nahezu 100 Prozent zu Verletzungen der Nachbarzähne kommt, ist der Einsatz von oszillierenden Präparationsinstrumenten ratsam. Eine ausgefeilte Matrizentechnik ist maßgeblich, um ein nachträgliches Ausarbeiten der Kavitätenränder zu vermeiden, beziehungsweise zu erleichtern. Neuartige Zwei- Krümmungs-Matrizensysteme, die ein großflächiges Anpressen der Matrize an den Zahn ermöglichen, vereinfachen die Arbeit. Die Literatur zeigt im Vergleich von adhäsiv versorgten Kavitäten zu herkömmlichen Restaurationstechniken mit plastischen Füllmaterialien gute bis sehr gute Ergebnisse.

Unbedingt die Grundregeln der Ästhetik beherrschen

Das tägliche Leben beweist: gutes Aussehen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wie man minimalinvasiv Frontzähne drehen und protrudieren, Zahnformen ändern und Lücken schließen, sogar „Schmelz liften“ kann, ohne einen Kieferorthopäden, einen Chirurgen oder einen Zahntechniker zu Rate zu ziehen, zeigte Prof. Dr. Bernd Klaiber, Würzburg. Wichtig ist das Beherrschen der Grundregeln der Ästhetik , mit denen der Referent die Zuhörer vertraut machte. Prof. Klaiber zeigte, wie mit speziellen Kompositmaterialien und modifizierten Schichtungs- und Matrizentechniken Ergebnisse erzielt werden können, die dem Vergleich mit aufwändigen laborgefertigten Restaurationen standhalten. So lässt sich ein gutes Risiko- beziehungsweise Kosten- Nutzen-Verhältnis für den Patienten realisieren. Das Präparationstrauma, der Substanzverlust und die Kosten sind geringer, und die Behandlung kann in einer Sitzung beendet werden. Der Aufbau ganzer Zähne ist allerdings sehr anspruchsvoll und wird sicher auch in der Zukunft durch prothetische Maßnahmen erfolgen.

Jedoch auch der Erfolg von Restaurationen mit Veneers, zahnfarbenen Inlays und Onlays/ Teilkronen hängt in hohem Maße von der Sorgfalt des Behandlers ab. Prof. Dr. Jean-François Roulet, Schaan, informierte über die guten Ergebnisse zahnfarbener Restaurationsmaterialien. Da die Langlebigkeit jedoch schlecht dokumentiert ist und prospektive kontrollierte klinische Studien die Überlebensrate im Vergleich zum Praxisalltag zu hoch einzuschätzen scheinen, ging der Referent detailliert auf die Lebensdauer beeinflussende Faktoren ein. Neben Materialeigenschaften, wie Biokompatibilität und Festigkeit, und neben dem Patienten mit seinen Ernährungs- und Mundhygienegewohnheiten selbst, ist es vor allem der Zahnarzt mit seiner Ethik, Indikationsstellung, Verarbeitung und Kontrolle, der erheblichen Einfluss auf die Langlebigkeit seiner Restaurationen hat. Prof. Roulet empfahl zur Vermeidung von Misserfolgen eine präzise Behandlungsplanung und -durchführung und ging dabei insbesondere auf die Bedeutung der adhäsiven Befestigung der Restaurationen ein.

Prof. Dr. Thomas Kerschbaum, Köln, nahm in seinem Vortrag das Langzeitverhalten metallkeramischer Restaurationen unter die Lupe. Nach seinen Ausführungen dürften in Deutschland derzeit ungefähr 95 Prozent aller Kronen- und Brückenversorgungen metallkeramische Restaurationen sein. Im Gegensatz zur Vollkeramik steht ein umfangreiches Datenmaterial zum Langzeitverhalten dieser Restaurationen zur Verfügung. Im Durchschnitt lässt sich eine Lebensdauer von 20 Jahren nachweisen. Vor diesem Hintergrund gilt die Versorgung von Patienten mit metallkeramischen Restaurationen nach wie vor als Goldstandard. Ähnlich gute Ergebnisse vollkeramischer Restaurationen konnte Prof. Kerschbaum nur für Einzelzahnkronen ausmachen. Für diese Indikation ist die Vollkeramik wegen der besseren Ästhetik und der guten Biokompatibilität eine echte Alternative zur Metallkeramik.

Kanalanatomie richtig beherrschen

„It works if you do it right”, lautete das Credo von Dr. John D. West, Tacoma. Nachdem die Neue Gruppe ihn bereits für einen spannenden Vorkongresskurs gewinnen konnte, referierte Dr. West über die wichtigen Veränderungen in der Endodontie der letzten Jahre. Die Grundlage für den Erfolg einer endodontischen Therapie stellt jedoch nach wie vor die effektive Reinigung des kompletten Wurzelkanalsystems dar. Als Voraussetzung dafür sind die Kenntnis der Kanalanatomie, die Herstellung hydraulisch geeigneter Formen und die effektive Spülung zur chemischen Reinigung aller Hohlräume anzusehen. Die Verwendung von Kofferdam und eine bakteriendichte postendodontische Versorgung stellen eine Conditio sine qua non dar. „The Look“ der Wurzelfüllung im Röntgenbild nach Abschluss der Therapie gibt Auskunft über die Güte der mechanischen Aufbereitung. Ursachen für Misserfolge sind neben unzureichender chemomechanischer Reinigung und Aufbereitung in der Unterfüllung von Wurzelkanälen, in der Überextension von Füllmaterial, in übersehenen und deshalb unbehandelten Kanalsystemen sowie in der Verblockung von Kanälen und in der Verlagerung von anatomischen Wurzelkanalstrukturen zu suchen. Dass es jedoch heute auch für diese Misserfolge primärer endodontischer Behandlungen konservative Therapieansätze gibt, konnte Dr. West in seinem Vortrag unter Beweis stellen.

Die Unterschiede zwischen autologem Knochen und Knochenersatzmaterial im Rahmen einer Sinusbodenaugmentation beleuchtete Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Neukam, Erlangen. Von entscheidender Bedeutung für die Prognose einer entsprechenden Therapie ist die präzise Behandlungsplanung mit Hilfe eines CTs zur Darstellung der vorhandenen Knochenstrukturen. Autologe Knochentransplantate stellen aufgrund ihrer osteogenen Potenz ein geeignetes Augmentationsmaterial dar und sind als Goldstandard anzusehen. Dabei passt sich der transplantierte Knochen unabhängig von seinem Entnahmeort in der Dichte dem ortsständigen Knochen an. Die Literatur zeigt, dass zwölf Monate nach der Implantatinsertion mit einer Implantatüberlebensrate von 92 bis 100 Prozent gerechnet werden kann. Unerlässlich für den Einsatz von Knochenersatzmaterialien ist die Abwesenheit von lokalen Infektionen und Abstoßungsreaktionen. Als Nachteil gegenüber autologem Material können die fehlende Osteoinduktivität und eine längere notwendige Einheilzeit angesehen werden. Der Kombination von autologem Knochen und Knochenersatzmaterial sollte in jedem Fall der Vorzug vor dem alleinigen Einsatz von Knochenersatzmaterial gegeben werden. Bei guten Voraussetzungen kann mit einer ähnlichen Erfolgswahrscheinlichkeit wie beim Einsatz von autologem Knochen allein gerechnet werden. In den letzten Jahren konnte die Technik des Tissue engineering von Knochen auf der Basis autologer Osteoprogenitorzellen etabliert werden und kann heute als gleichberechtigtes Augmentationsverfahren angesehen werden. Die Erfolgsaussichten kieferorthopädischer Behandlungen beleuchtete Prof. Dr. Bärbel Kahl- Nieke. Bei einer Metaanalyse der internationalen Literatur sind die Langzeitergebnisse verschiedener Therapien mit einer Rezidivrate von 50 bis 75 Prozent unbefriedigend. Verschiedene Ursachen sind auszumachen. Insgesamt handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen bei dem dem prätherapeutischen Befund eine wichtige Rolle zukommt. Einem rechtzeitigen Behandlungsbeginn, der bei bestimmten Dysgnatieformen eine Frühbehandlung mit zwischenzeitlichen Behandlungspausen bedeuten kann, kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Eine Zusammenarbeit der behandelnden Zahnärzte mit Kieferorthopäden ist unabdingbar.

Dr. Martin Brüsehaber
Mühlenweg 10
18211 Rethwisch

zm-Info

Die nächste Jahrestagung wird vom 17. bis 19. 11. 2005 im CCH Hamburg zum Thema „Kontroversen in der
Parodontologie“ stattfinden. Einzelheiten, auch zum Vorkongresskurs unter der Leitung von M. Nevins, sind unter www.neue-gruppe.com zu finden.



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