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16.03.13 / 12:00
Heft 06/2013 Medizin
Virushepatitiden

Steigende Fallzahlen bei der Hepatitis E

Bis vor wenigen Jahren galt die Hepatitis E hierzulande als Rarität , die man sich vor allem bei Reisen in tropische Länder „einfangen“ kann. Inzwischen aber mehren sich die „autochthonen“ Krankheitsfälle, also Infektionen ohne Reiseanamnese. Ursache dürfte vor allem der Verzehr von infiziertem Fleisch sein. Zum Problem werden Hepatitis-E-Infektionen insbesondere bei immun-supprimierten Patienten.




Bei der Hepatitis E handelt es sich im Allgemeinen um eine selbstlimitierende Erkrankung, die allerdings unterschiedlich schwer verlaufen kann. Klinisch zeigt sich meist ein der Hepatitis A vergleichbares Bild, allerdings sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) durchaus auch fulminante Infektionen möglich bis hin zum akuten Leberversagen. Gefährdet sind vor allem Schwangere sowie Patienten nach einer Organtransplantation, bei denen sich im Fall einer Hepatitis E nicht selten ein chronischer Verlauf zeigt.

Erregerreservoir sind Wild- und Schweine

Erstmals beschrieben wurde das Hepatitis-E-Virus (HEV), ein kleines, hepatotropes RNA-Virus, Anfang der 80er-Jahre in Indien, nachgewiesen wurde HEV 1983 nach einem Selbstversuch durch einen russischen Virologen. Das Genom des Virus wurde 1991 charakterisiert, HEV wurde dabei zunächst der Familie der Caliciviridae, dann aber 2005 der eigenen Familie der Hepeviridae zugeordnet. Inzwischen sind vier humanpathogene Genotypen bekannt. Die Genotypen 1 und 2 scheinen nur beim Menschen vorzukommen, während die Genotypen 3 und 4 auch bei Schweinen und Wildschweinen nachgewiesen wurden, die damit quasi als Erregerreservoir dienen können.

Endemisch ist HEV vor allem in Asien, Afrika und dem Mittleren Osten, wobei in China seit April 2012 ein Impfstoff zugelassen ist. Die Infektion erfolgt in den Endemieregionen fäkal-oral, häufig im Rahmen von Trinkwasser-bedingten Ausbrüchen infolge mangelnder hygienischer Verhältnisse nach Überschwemmungen in der Monsunzeit oder bei anderen Naturkatastrophen. Möglich sind ferner eine parenterale Übertragung in der Schwangerschaft sowie eine Übertragung durch Bluttransfusionen.

Unspezifische Symptomatik

Klinisch ist die HEV nur schwer von anderen Virushepatitiden zu unterscheiden, die Symptomatik ist variabel und oft unspezifisch. Abgeschlagenheit, Fieber, Gliederschmerzen, Arthralgien und abdominelle Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen sowie Diarrhoen sind die Hauptsymptome. Sie treten nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich 40 Tagen auf, wobei die Infektion in aller Regel als akute Hepatitis verläuft und sich die Laborwerte meist innerhalb von sechs bis acht Wochen normalisieren. Allerdings kann die Erkrankung auch letal enden, die Mortalität ist sogar etwas höher als bei der Hepatitis A. Chronische Verläufe sind bislang nur bei einer Immunsuppression beschrieben, können dann allerdings in eine Leberzirrhose münden.

Zeigt sich ein chronischer Verlauf, so ist eine antivirale Behandlung indiziert, Therapieerfolge mit pegyliertem Interferon sowie Ribavirin sind beschrieben, wenn auch bislang nur im Rahmen von Fallberichten.

Auch Patienten ohne Fernreisen erkranken

In Industrieländern wurde die Infektion lange Zeit lediglich im Zusammenhang mit Reisen in Endemiegebiete beobachtet. Das aber hat sich geändert, wobei der Verzehr von infiziertem Schweine- und Wildschweinfleisch als wesentliche Ursache hierfür gilt. In Deutschland ist die Hepatitis E seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001 meldepflichtig, die Fallzahlen sind seitdem kontinuierlich gestiegen.

Da die konkreten Übertragungswege hierzulande zumeist unklar waren, hat das RKI bereits 2006 ein Projekt zur Epidemiologie der Hepatitis E in Deutschland gestartet und eine Fall-Kontroll-Studie gemeinsam mit Gesundheitsämtern, Landesstellen und dem Konsiliarlabor für Hepatitis A und E veranlasst. Dabei wurden im Studienzeitraum Mai 2006 bis August 2007 insgesamt 96 Hepatitis-E-Fälle mit Labornachweis ermittelt. In 68 Prozent der Fälle handelte es sich um eine autochthone HEV-Infektion, wobei die Krankheitsfälle geografisch über ganz Deutschland verteilt waren. Es zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zum Verzehr von Innereien und von Wildschweinfleisch, 53 Prozent der betroffenen Patienten hatten in den zwei Monaten vor Symptombeginn mindestens eines der beiden Produkte zu sich genommen. Dies steht im Einklang mit Daten, wonach die Hepatitis E in unseren Breitengraden endemisch als Zoonose existiert: So wurde HEV-RNA in Deutschland bei fünf Prozent der untersuchten Wildschweinseren nachgewiesen, aus den Niederlanden gibt es Befunde, wonach sieben Prozent der kommerziell angebotenen Schweinelebern HEV-positiv sind.

In einem epidemiologischen Bulletin gab das RKI dabei schon im Jahr 2010 zu bedenken, dass die Hepatitis E bisher in Deutschland relativ selten diagnostiziert und gemeldet wird, dass aber aufgrund der oft uncharakteristischen klinischen Symptomatik von einer erheblichen Untererfassung auszugehen ist. „In bevölkerungsbezogenen Surveys in einzelnen anderen Industrieländern wurden teilweise Seroprävalenzen von HEV-Antikörpern von deutlich über zehn Prozent gefunden“, heißt es in dem Bericht. In Deutschland wird die Seroprävalenz mit derzeit zwei Prozent angegeben. Der Wert scheint nach Angaben von Dr. Elisabeth Panther, Universitätsklinikum Freiburg, relativ stabil zu sein. Das legt die Vermutung nahe, dass der beobachtete „Fallanstieg“ nicht zuletzt auch durch eine verbesserte Diagnostik bedingt sein dürfte.

Das RKI macht in seinem Bericht übrigens auch auf mögliche präventive Maßnahmen aufmerksam: So sollten zum Schutz vor einer lebensmittelbedingten HEV-Infektion Fleischprodukte und Innereien mit ausreichend hohen Temperaturen lange genug gegart und zudem durch sorgfältige Küchenhygiene Kreuzkontaminationen vermieden werden. Es besteht aus Sicht des Instituts zudem in Deutschland wie auch in anderen Industrieländern noch ein deutlicher Forschungsbedarf zum Vorkommen von HEV in Tierpopulationen und zur HEV-Kontamination von Fleischprodukten.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
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info@christine-vetter.de



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