sg
01.09.11 / 00:03
Heft 17/2011 Praxis
Geldanlage in der Schuldenkrise

Stichwort Diversifikation

Selbst die entspanntesten Zeitgenossen verlieren allmählich die Ruhe. Angesichts der nicht enden wollenden Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt sorgen sie sich um ihre Altersvorsorge und um ihr Vermögen. Sie suchen einen sicheren Hafen für ihr Geld. Es lohnt sich daher, die eigene Anlagestrategie zu überprüfen und das Kapital geschickt auf verschiedene Bereiche zu verteilen.




Griechenland pleite, Portugal und Irland halten sich gerade noch über Wasser, Spaniens Rating in Gefahr, Italien im Fokus der Zocker und die USA als größte Volkswirtschaft der Welt bekommen ihre Schulden ebenfalls nicht in den Griff. Zwar haben sich Demokraten und Konservative in allerletzter Minute auf den kleinstmöglichen Nenner geeinigt. Doch die Marktteilnehmer erwarten, dass die Regierung endlich ein Konzept für einen nachhaltigen Schuldenabbau vorlegt. Dem verleihen die Ratingagenturen Nachdruck. Anfang August stufte Standard& Poor’s als erste die USA herunter auf den Wertungsstand AA+.

Die Probleme weltweit und besonders in Europa bleiben vorerst unüberschaubar. Die Finanzwelt wird trotz der Bemühungen der EU noch lange nicht zur Ruhe kommen. Während die Profis die Schuldenkrise für ihre Zockergeschäfte schamlos ausnutzen, wissen verunsicherte private Anleger oft nicht, wie sicher ihre Anlage noch ist. Zum jetzigen Zeitpunkt (Anfang August 2011) dürften sich die meisten Sparer jedoch noch sicher fühlen. Sie sollten aber berücksichtigen, dass so mancher Immobilienmakler und Anlageberater jetzt seine Chance wittert und die Unsicherheit seines Kunden für seine Verkaufsabsichten schürt.

Bei allen Problemen – die Realität sieht weniger dramatisch aus, als sie scheint: Die Inflation hält sich in Euroland mit derzeit 2,5 Prozent noch im Rahmen und ist von einer galoppierenden Geldentwertung, die bei mindestens 50 Prozent im Monat einsetzt, weit entfernt. Eine Staatspleite hat es bis jetzt auch noch nicht gegeben.

Am besten breit streuen

Einen sicheren Schutz gegen alle negativen Einflüsse aber gibt es nicht. Wer sich in den Finanzmarkt begibt, muss mit den Risiken leben. Doch er kann sie überschaubar halten, in dem er sein Vermögen möglichst breit streut. Das gilt zunächst für die beiden großen Bereiche Geld- und Sachvermögen. Zu den Geldwerten zählen Bargeld, Tagesund Festgelder, Bausparverträge, festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen sowie Zertifikate und die Lebens- und Rentenversicherungen. Alle damit verbundenen Risiken hängen davon ab, wie gut der Schuldner ist. Geht er pleite, ist das eingesetzte Kapital weg oder es greift die Einlagensicherung.

Bei den Sachwerten investiert der Anleger sein Geld in Aktien, Immobilien oder Gold. Die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts hält sich hier eher in Grenzen. Es kann passieren, dass ein Unternehmen insolvent wird. Doch bei sorgfältiger Auswahl der Aktien ist das Ausfallrisiko gering. Und auch diese Gefahr lässt sich mit einem weltweit investierenden Aktienfonds verkleinern. Immobilien oder Gold können im Wert steigen oder fallen. Einen Totalverlust erleidet man aber nur bei Raub oder Enteignung.

Individuelle Reaktion der Anlageprodukte

Deutsche Anleger brauchen sich derzeit keine allzu großen Sorgen zu machen, wenn sie achtsam bleiben. Doch sie sollten wissen, wie die Produkte ihrer Wahl unter den gegebenen Umständen reagieren:

• Tages- und Termineinlagen

Weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Kapital, bevorzugen immer noch viele Anleger Tages- und Festgeldkonten oder Sparbriefe. Inzwischen haben die Zinsen auch bei diesen Produkten deutlich angezogen. So zahlt die PSD Bank RheinNeckarSaar wieder drei Prozent für täglich fälliges Geld (Stand: Anfang August 2011). In allen Beispielen kommt es bei der Sicherheit auf die Einlagensicherung an. Gesetzlich geschützt sind in Deutschland inzwischen 100 000 Euro. Darüber hinaus bieten die Einlagensicherung der deutschen Banken oder die Sicherungseinrichtungen von Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken zusätzlichen Schutz für höhere Beträge. Wer sein Geld bei einer ausländischen Bank zu vielleicht attraktiveren Zinsen anlegt, sollte auf deren Sicherung achten.

•  Zertifikate

Zertifikate, Genuss- und Optionsscheine und die von Privatbanken herausgegebenen Inhaber-Schuldverschreibungen fallen nicht unter die Einlagensicherung. Bei diesen kommt es auf die Bonität des Schuldners an. Gerade Zertifikate sind oft so kompliziert konstruiert, dass ein privater Anleger die Wirkungsweise des Papiers nicht durchschauen kann. Weil er aber das Risiko eines Zahlungsausfalls alleine trägt, sollte er nur Papiere kaufen, die er versteht. Viele Zertifikate basieren auf Aktien oder Aktienkörben. Oft handelt es sich um Wetten auf bestimmte Entwicklungen in der Zukunft. Unter den gegebenen Umständen hilft da nur ein Blick auf die Kristallkugel, konkrete Anhaltspunkte gibt es derzeit kaum.

Zurzeit noch geschützt sind die Zertifikate, die Sparkassen und Genossenschaftsbanken emittieren. Der Name täuscht etwas, denn sie werden behandelt wie Einlagen und nicht an der Börse gehandelt. Doch Niels Nauhauser, Anlageexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, weist darauf hin: „Denkbar ist, dass diese Produkte zukünftig vom Institutsschutz ausgenommen werden.“

•  Anleihen

Wer an die deutsche Wirtschaft glaubt, es aber etwas vorsichtiger angehen lassen will, kann auch in ausgesuchte Unternehmensanleihen investieren. Handelt es sich um einen sehr guten Schuldner – unbedingte Voraussetzung für den Kauf –, zahlt der am Ende der Laufzeit seine Schulden zu 100 Prozent zurück und bis dahin regelmäßig Zinsen. Allerdings warnt Marc Tüngler, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) vor zu langen Laufzeiten: „Bei Anleihen sollte man kurze Laufzeiten wählen.

Die Zinsen werden weiter steigen.“ Das heißt, neue Anleihen sind höher verzinst. Die älteren lassen sich nur mit Kursabschlägen verkaufen. Wie für Aktien gilt auch für Unternehmensanleihen: Papiere von Unternehmen, die auf der ganzen Welt vertreten und solide finanziert sind, trifft das Auf und Ab der Konjunktur nicht so hart wie beispielsweise die Auto- oder die Baubranche. Unter die Einlagensicherung fallen Anleihen nicht. Das Ausfallrisiko trägt der Gläubiger allein.

Dank der sehr guten Bonität fließt immer noch viel ausländisches Kapital in deutsche Bundesanleihen. Dementsprechend niedrig ist die Verzinsung. Sicherheitsbewusste Anleger können auf eine Investition in Bundespapiere vertrauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr Geld nicht wiedersehen, ist denkbar gering. Dafür bleiben die Zinsen niedrig, solange die Bundesanleihen als Fluchtburg für das internationale Kapital dienen. Manche Anleger, die dem Euro nicht trauen, flüchten in ausländische Währungen von Ländern, die sich ebenfalls mit einem AAA schmücken.

Erste Anlaufstelle ist der Schweizer Franken. Er hat sich gegenüber Euro und Dollar inzwischen so stark verteuert, dass Anleger mit Verlusten rechnen müssen, wenn die Lage sich entspannt. Dann fällt der Kurs des Franken. Veräußerungsgewinne, die in Euro getauscht werden, fallen dann magerer aus. Als Alternative winken noch die norwegische Krone oder der australische Dollar. Mit dem Risiko, dass auch die Kurse dieser Währungen nachgeben, müssen Anleger rechnen. Was die Rückzahlung der Anleihen angeht, sind sie auf der sicheren Seite. Besitzer von Rentenfonds sollten überprüfen, mit welchen Papieren der Fonds gefüllt ist. Anteile von Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland oder auch Spanien und Italien können die Rendite schmälern.

•  Lebens- und Rentenversicherungen

Die klassischen Versicherungen legen maximal 35 Prozent in Aktien an. Im Schnitt liegt der Anteil deutlich niedriger. Das meiste Geld fließt in festverzinsliche Papiere wie Staatsanleihen verschiedener Länder und Schuldverschreibungen. Ein kleiner Teil der Papiere stammt aus Schuldnerländern wie Griechenland, Portugal oder Italien. Fällt das Rating unter den Investor’s Grade, muss die Versicherung die Papiere verkaufen und eventuelle Verluste hinnehmen.

Mit größeren Risiken behaftet sind fondsgebundene Policen. Sie investieren deutlich mehr in Aktien und unterliegen so den Schwankungen an der Börse. Das Risiko liegt beim Versicherten.

•  Aktien

Die Nachricht von der Herabstufung der USA und der Druck auf Italien und Spanien lösten Anfang August einen heftigen Einbruch der Aktienkurse an den internationalen Börsen aus. Der Dax sank auf den Jahrestiefstand von 6 070 Punkten. 14 Tage zuvor lag er noch bei 7 500 Punkten, Tendenz steigend. Jetzt trauen die Anleger den Verantwortlichen in den USA und in der EU nicht mehr zu, dass sie die Probleme schnell in den Griff bekommen. Sie verkaufen ihre Papiere und flüchten in Geldanlagen und Edelmetalle.

Dabei glauben viele Experten, dass vor allem in den deutschen Werten noch viel Potenzial steckt. Dieser Meinung ist auch Marc Tüngler von der DSW: „Die deutschen Unternehmen sind hervorragend aufgestellt. Sie haben die Kosten reduziert. Doch der Markt spiegelt das zurzeit nicht wider. Deutsche Aktien sind niedrig bewertet.“ Fällt der Dax noch weiter, bieten sich gute Einstiegschancen. Anleger sollten allerdings nach wie vor auf Werte von Finanzdienstleistern und Energieversorgern verzichten. Die einen kämpfen trotz EU-Programm mit den Schuldentiteln sowie den anstehenden Regulierungen, die eine Erhöhung des Eigenkapitals nach sich ziehen werden. Die anderen müssen ihre Unternehmen umstrukturieren, denn die Kehrtwende der Regierung bei der Atompolitik verursacht Milliardenlöcher bei den Einnahmen und Streichungen bei den Arbeitsplätzen.

Vor allem Aktien von exportorientierten Unternehmen kommen infrage. Gute Chancen rechnen Experten auch der Pharmabranche zu. Allerdings eignen sich Aktien nur für Anleger, die sich der Risiken bewusst sind. Gewinn und Verlust liegen nahe beieinander. Erfahrene Anleger wissen, dass Aktien sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Ein schnelles Rein und Raus kostet nur Geld. Außerdem bieten die Papiere einen guten Schutz gegen Inflation. „Denn“, so Tüngler, „Aktien sind ein Sachwert. Das ist in den letzten Jahren nicht beachtet worden.“ Um sich nicht dem Risiko einzelner Werte auszusetzen, bieten sich Aktienfonds als Alternative an. Das dort eingesetzte Kapital der Anleger bleibt auch dann als Sondervermögen geschützt, wenn die emittierende Bank pleite geht. Außerdem verteilen sich die mit der Börse verbundenen Risiken auf viele Aktien.

•  Immobilien

Das eigene Haus dient mehr denn je als Hort der Sicherheit. In den vergangenen Monaten haben die Preise für Immobilien in Deutschland deutlich angezogen. Viele Zahnärzte besitzen bereits ein Eigenheim oder Mietobjekte. Wer sich jetzt von der Krise dazu verleiten lässt, hektisch Geld in weitere Immobilien zu investieren, zahlt möglicherweise einen zu hohen Preis. Wertpapierspezialist Tüngler weist darauf hin, dass „Immobilien eine sehr unflexible Anlage sind. Im Notfall lässt sie sich häufig nur mit Verlust verkaufen.“ Als Alternative bieten sich Immobilienfonds an. Doch diese Branche hat ihre eigene Krise noch nicht überwunden. Hier heißt es, besser noch abwarten. Wer dennoch investieren will, sollte das Kapital auf mehrere Fonds verteilen.

•  Gold

Ende Juli stieg der Preis für eine Unze Gold auf die Rekordhöhe von 1 632 Dollar. Die Einigung im Schuldenstreit der USA sorgte zwar für eine kleine Delle, doch Experten rechnen weiterhin mit einem anziehenden Kurs. Martin Siegel, ausgewiesener Goldfachmann und Betreiber der Edelmetallhandelsfirma Westgold, hält einen weiteren Kursanstieg für möglich. Allerdings warnt er vor übertriebenen Hoffnungen und mahnt zur Vorsicht: „Unter 1 600 Dollar pro Unze bleibt der Goldpreis unterbewertet, über 1 800 Dollar pro Unze (nach heutiger Kaufkraft) sehen wir den Beginn einer Goldblase.“ Das heißt, die wirtschaftliche Entwicklung unterstützt höhere Preise nicht mehr. Die Blase kann platzen und es kommt zu einem Kurssturz. Dieser Gefahr sollten sich alle bewusst sein, die jetzt einsteigen und auf einen dauerhaft steigenden Goldpreis spekulieren.

Den meisten privaten Anlegern dient Gold als Sicherheitspolster in der Krise. Deshalb rät auch Verbraucherschützer Nauhauser dazu, einen Teil des Vermögens in das gelbe Metall zu investieren: „Gold ist ein Schutz, egal bei welchem Preis. Gold ist ein Instrument zur Diversifikation.“ Den richtigen Preis zum Einstieg erzielt man jetzt nicht mehr. Der lag in 2001 bei etwa 300 Dollar pro Unze. Seit 2005 zieht er stetig an. Nauhauser rät privaten Anlegern zum Kauf von Ein-Unzen-Münzen. Das Aufgeld liegt bei 20 bis 30 Euro. Sie lassen sich leichter verwahren und im Notfall auch einfacher verkaufen als große Barren. Und sinkt der Goldpreis wieder, weil die Konjunktur in den USA anzieht und die europäischen Regierungen ein Konzept finden, das die Märkte überzeugt, steigen die Kurse der Aktien wieder.

Deshalb bleibt der beste Schutz gegen die Auswirkungen der Krise die Verteilung des Vermögens auf verschieden Anlageklassen wie Tagesgeld, Aktien, Staatsanleihen erster Bonität sowie Immobilien und Gold.

Marlene Endruweit
Fachjournalistin für Wirtschaft
m.endruweit@netcologne.de



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