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01.12.10 / 12:00
Heft 23/2010 Gastkommentar

Stiefkind Prävention

Prävention spielt für die Krankenkassen kaum eine Rolle. Das muss sich dringend ändern, meint Dr. Dorothea Siems, Politikkorrespondentin der Welt, Berlin.




Deutschlands Bevölkerung wird immer älter. Das Statistische Bundesamt hat jüngst die aktualisierten Sterbetafeln veröffentlicht. Seit Beginn der Berechnungen vor 130 Jahren hat sich die Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Ein großartiger Fortschritt! Doch damit die Menschen die gewonnenen Jahre genießen können, muss Gesundheitsvorsorge in Zukunft einen anderen Stellenwert bekommen, als die Prävention heute hat. Schließlich sollen die Menschen nicht nur länger arbeiten, sondern auch bis ins hohe Alter gesundheitlich und mental fit bleiben.

Die gesetzlichen Krankenkassen behandeln Vorsorge allerdings seit jeher als Stiefkind. Der Präventionsbericht 2010, den der Spitzenverband der Kassen kürzlich vorlegte, belegt dies einmal mehr. Nur etwa zwei Prozent der Gesamtausgaben entfallen auf die Vorsorge. 311 Millionen Euro gaben die Kassen für Prävention aus; das entspricht 4,44 Euro pro Versicherten. Diese bescheidene Summe macht deutlich, dass die gesetzliche Krankenversicherung einseitig auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet ist und viel zu wenig in Vorsorgemaßnahmen und damit in das Ziel investiert, dass die Versicherten möglichst gesund bleiben.

Die Tatsache, dass der Krankheitsfall solidarisch abgesichert ist, die Aufwendungen für ein gesundheitsbewusstes Verhalten jedoch weitgehend jedem selbst überlassen bleiben, ist einer der Gründe, warum hierzulande die sogenannten Zivilisationskrankheiten auf dem Vormarsch sind. Es ist dieser Fehlanreiz, der die langfristige Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems gefährdet. Denn ein wachsender Teil der Kassenausgaben entfällt auf die Behandlung chronischer Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Übergewicht und Stress spielen dabei in vielen Fällen eine Rolle. Beides ist häufig vermeidbar. Wer fahrlässig seine Gesundheit gefährdet, lässt am Ende die Gesellschaft die Zeche zahlen – solidarisch ist das nicht.

Dass ist auch deshalb unfair, weil umgekehrt ein Teil der Versicherten heute viel Geld aus eigener Tasche zahlt, um möglichst gesund zu bleiben, wovon wiederum die Solidargemeinschaft profitiert. Sicher ist nicht alles, was auf dem wachsenden privaten Gesundheitsmarkt angeboten wird, sinnvoll und tatsächlich gesundheitsfördernd. Doch grundsätzlich ist das Bemühen um eine gesunde Lebensweise positiv zu sehen.

Krankheitsvorbeugung wird auch in der Wirtschaft immer bedeutender. Wie der Präventionsbericht zeigt, unterstützen die Krankenkassen die betriebliche Gesundheitsförderung punktuell. Dabei leisten sie vor allem Aufklärungsarbeit. Solche Ansätze sind richtig, doch sie reichen nicht aus. Damit die Versicherten tatsächlich ihr Verhalten ändern, ist mehr nötig als Information. Die Eigenverantwortung jedes einzelnen muss gestärkt werden. Alle Erfahrung zeigt, dass die Menschen reagieren, wenn sie die Folgen ihres Tuns am eigenen Geldbeutel spüren. Im Klartext: Das gesamte Finanzierungssystem sollte so umgebaut werden, dass der Einzelne davon finanziell profitiert, wenn er sich fit hält, und belastet wird, wenn er fahrlässig mit seiner Gesundheit umgeht. Der einfachste und beste Weg, die Versicherten zu gesundheitsbewusstem Verhalten anzuregen, sind Selbstbehalt-Tarife, die in der GKV nicht wie bisher eine Aus-nahme, sondern die Regel sein müssten. Die Kassen sollten zudem mehr Spielraum bekommen, um ihre Versicherten für sinnvolle Präventionsmaßnahmen mit einem finanziellen Bonus zu belohnen.

Wie wirksam solche Anreize sind, zeigt die Erfahrung mit der zahnmedizinischen Vorsorge. Hier funktioniert das Zusammenspiel von Aufklärung und finanziellen Anreizen. Für die Versicherten lohnt es sich, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen, weil sie dann, falls sie einmal Zahnersatz benötigen, weniger aus eigener Tasche zahlen müssen. Wer das Gesundheitssystem langfristig finanzierbar halten will, muss dem Einzelnen solche spürbaren Anreize geben, seine Krankheitskosten möglichst niedrig zu halten.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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