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16.06.17 / 00:02
Heft 12/2017 Gesellschaft
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Stigma Spaltkind

Man kann als Nichtbetroffener nur erahnen, wie man sich mit einem „Spaltkind“ fühlt. Maike Herrmann, Psychologiestudentin an der Universität Leipzig, hat im Rahmen eines fünfmonatigen Praktikums bei der Deutschen Cleft Kinderhilfe e. V. in Indien 107 Mütter von Spaltkindern interviewt. Wie Hilfseinsätze konzipiert sein sollten und warum die „Safari-Chirugie“ nicht funktioniert, diskutiert Alexander Gross, Geschäftsführer der Organisation, in seinem Statement.




„Was löst die Geburt eines Spaltkindes bei Ihnen aus? Was wissen Sie über diese Fehlbildung? Wird die Mutter-Kind-Beziehung dadurch beeinträchtigt?“ – mit (unter anderen) diesen Fragen konfrontierte Maike Hermann 107 Mütter von Spaltkindern in Indien. Die Ergebnisse fließen gerade in ihre Masterarbeit ein.

Die Interviews waren kompliziert. Die Studentin musste sich zunächst auf die völlig anderen Lebensumstände einstellen. Viele der Familien, die sie besuchen wollte, verdingen sich als Tagelöhner und riskieren ihren Job, wenn sie der Arbeit einen Tag fernbleiben. Zudem sind sie auf ihr Tageseinkommen angewiesen. So kam es vor, dass die junge Deutsche manchmal nach fünf Stunden Busfahrt in ein abgelegenes Dorf im südindischen Bundesstaat Karnataka trotz Verabredung vor der verschlossenen Tür einer Hütte stand.

Hatte sie dann eine Interviewpartnerin gefunden, wollten die Väter häufig den Raum nicht verlassen und beantworteten anstelle der Frauen die Fragen – mit der Aussage, eine verheiratete Frau wäre doch per se der gleichen Ansicht wie ihr Ehemann. Wenn Herrmann es schaffte, allein mit den Frauen zu reden, brauchte es eine Weile, bis die sich öffneten.

Auf dem Land liegt es an der Mutter

In ihren Gesprächen fand sie heraus, dass gerade in ländlichen Gebieten den Müttern meist die Schuld an der Fehlbildung ihres Kindes gegeben wird. Weit verbreitet ist dort der volkstümliche Glaube, dass schwangere Frauen während einer Sonnenfinsternis nichts schneiden dürfen, weil sie sonst ein Kind mit einer Spalte gebären würden. Etwa die Hälfte der Mütter begründete dies so – nur ein Viertel wusste, dass zum Beispiel auch eine familiäre genetische Vorbelastung eine Rolle bei der Erkrankung spielt.

Die Befragungen haben zudem ergeben, dass die mütterliche Bindung eher stärker ausgeprägt ist, wenn das Kind eine Spaltfehlbildung hat, da die Mütter mehr Zeit in die Pflege ihres Kindes investieren. Im Vergleich zu Müttern von gesunden Babys berichteten Mütter von Spaltkindern aber auch von größerem elterlichem Stress. Den stärksten Druck erleben sie in der Zeit vor der Operation ihres Kindes. Als eindeutige Stresspuffer wirken gute Beziehungen im sozialen Umfeld und ein liebevoller Umgang der Familienmitglieder mit dem Spaltkind.

Eine durch die Deutsche Cleft Kinderhilfe ermöglichte Operation bedeutet für die Mütter vor allem Erleichterung. Nicht nur das Füttern des Kindes und dessen Sprache verbessern sich durch die Behandlung. Kind und Mutter werden bei Familienmitgliedern und Nachbarn deutlich besser akzeptiert. Herrmann fand auch heraus, dass es für die Frauen eine völlig neue Erfahrung ist, ihre Kinder mit Stolz in der Öffentlichkeit zu zeigen.



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