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01.01.05 / 00:14
Heft 01/2005 Politik
Gesundheitsökonomie bittet zur Diskussion

Stimmen für Patienten

Der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) hatte nach Düsseldorf zur Podiumsdiskussion geladen unter dem Thema: „Gesundheitsversorgung im Wandel – wer spricht für den Patienten?“. Auf die gleichlautende Frage antwortete jeder der Podiumsdiskutanten für seine Gruppe: „Wir“. Moderator Dr. Klaus-Jürgen Preuß kitzelte aus den Diskussionsteilnehmern mehr heraus.



Um Patienteninteressen Gehör zu verschaffen, braucht man mehr als eine Stimme. Foto: Ingram

Um auszuloten, „welche Chancen die Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) und das Amt der Patientenbeauftragten beinhalten, aber auch um festzustellen, welche Grenzen dafür bestehen“, provozierte Dr. Christoph von Rothkirch von der Fachgruppe Ökonomie die Diskutanten eingangs mit Fragen, ehe er das Wort an Dr. Klaus-Jürgen Preuß übergab.

• Ist die neue Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nötig, weil – wie oft behauptet– tatsächlich deren Interessen im Ringen um Kompromisse zwischen einzelnen Gruppen zerrieben wurden?

Am Beispiel der jetzt als chronisch klassifizierten Krankheitsbilder Diabetes mellitus und Koronare Herzkrankheit erläuterte Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherverbände, dass Interessen der Patienten seit Januar deutlich intensiver wahrgenommen wurden.

• Was nutzt es den Patienten, wenn ihre Vertreter im G-BA mitreden, ohne mit zu entscheiden, und die eigentlichen Akteure doch die alten bleiben?

Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses hält die Vertretung von Patienten im Ausschuss für wichtig und wirkungsvoll. Sie erhöhe die Akzeptanz wichtiger Entscheidungen, sei allerdings etwa nicht verantwortlich für die (zu) weit gefasste Chroniker-Regelung.

• Solle mit dem „Amt der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange der Patienten und Patientinnen“ – angesiedelt im BMGS in Berlin – deren Einfluss auf die Gesundheitspolitik verstärkt werden oder umgekehrt diese den Betreffenden nahe gebracht werden?

In erster Linie wohl Ersteres, ergab die Antwort von Wilhelm Walzik von besagtem Amt: seit Jahresbeginn hatten sechs Leute 11 000 Anfragen zu Unklarheiten nach dem Start der Reform beantwortet.

• Bestehe nicht angesichts dieser neuen Patientenbeteiligung die Gefahr, dass Gesundheitspolitik auf die Optimierung der Krankenversorgung inklusive Finanzierbarkeit beschränkt werde, während Aspekte wie Prävention, Gesundheitsförderung und andere blockiert würden?

Würden Patienten mir guten Informationen durchs System gesteuert, würden sie mündig, so Prof. Dr. Norbert Klusen. Der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse konnte sich zum Finanzierungspaket die Bemerkung nicht verkneifen: „Was die Bürgerversicherung bringt, haben wir in zwei Jahren verfrühstückt“. Die sei im Übrigen wie die Kopfpauschale ein Scheinthema.

Eine Vision von Patienten, die als Experten für ihre eigene Gesundheit zufriedener, gesünder – und damit kontinuierlicher und länger arbeitsfähig – leben und kostenbewusst handeln, das skizzierte Norbert Glahn, Vorsitzender der Allgemeinen Hospitalgesellschaft AG: „Wir brauchen eine einfacheres System mit so klaren Regeln, dass Willige auch Verantwortung übernehmen können!“

• Und was, was wollen (wir) Patienten denn nun eigentlich? Diese Frage stellte auch Dr. Herbert Rische, Präsident der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) und ergänzte: „Offensichtlich vertreten wir alle hier unterschiedliche Patienteninteressen?!“ Das Gesundheitssystem müsse durchschaubarer werden, auch ein Beschwerdemanagement gehöre zum Beispiel zu den gemeinsamen Ansatzpunkten für eine individuelle Verbesserung. Qualität sei ein weiterer Baustein für Durchschaubarkeit. Der Reha-Sektor arbeitet laut Rische längst bundesweit qualitätsgesichert, mit Qualitäts-Reports von jeder Klinik einschließlich Befragung der Patienten. Und „die wollen“, so schloss er mit einem Seitenhieb auf die Diskussion um Wahl- und Grundleistungen nach dem Sozialgesetzbuch IX den Bogen, „die richtige Leistung zum richtigen Zeitpunkt!. Die wollen nicht ans Tote Meer.“

Schade eigentlich, dass zu der Expertenrunde keine Vertreter für die Niedergelassenen aufs Podium gebeten wurden, monierte schließlich ein Düsseldorfer Hausarzt aus dem Publikum.



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