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01.11.14 / 00:01
Heft 21/2014 Politik
FDI-Kongress in Neu-Delhi

Strategien global denken

Der Umgang mit Dentalamalgam, die Behandlung von HIV-Erkrankten, Strahlenschutz in der Zahnheilkunde – diese und weitere Themen wurden auf dem 102. Weltjahreskongress der FDI World Dental Organisation diskutiert. Vom 8. bis zum 15. September kamen über 17000 Teilnehmer in Neu-Delhi zusammen.




Die Delegierten kamen aus über 140 Ländern, vertreten waren 203 internationale Berufsverbände. Die politischen Debatten erfolgten in zahlreichen Geschäftssitzungen des FDI-Parlaments. Im Fokus der Diskussion stand dabei unter anderem das Minamata-Übereinkommen, ein internationales Übereinkommen zum Schutz menschlicher Gesundheit und der Umwelt vor den Nebenwirkungen von Quecksilber.

Minamata-Abkommen ist konsentiert

Das FDI-Komitee für zahnärztliche Berufsausübung, in dem Dr. Michael Sereny, Präsident der Landeszahnärztekammer Niedersachsen, die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) vertritt, unterstützte in einer Stellungnahme das 2013 in Japan unterzeichnete Minamata-Übereinkommen. Dessen wichtigsten Punkte sind das Verbot neuer Quecksilberminen, die Befristung existierender Minen, Kontrollmaßnahmen für Luftemissionen und die internationale Regelung des informellen Sektors des Goldkleinbergbaus. Das Übereinkommen ruft auch zu einer Annäherung an einen schrittweisen Verzicht auf Dentalamalgam auf. Schwerpunkte sollen nach Aussage der Delegierten zukünftig besonders auf die Prävention, auf die Erforschung neuer Dentalmaterialien und auf richtlinienkonformen Einsatz gelegt werden.

Eine weitere Stellungnahme bezog sich auf Präventionsmaßnahmen für die Mundgesundheit im Mutterleib und bei Kleinkindern. Die Delegierten sprachen sich dafür aus, Mütter und Betreuer sowie deren ärztliche, zahnärztliche und sonstigen Versorger über die Sicherheit und Bedeutung der Zahnpflege während der Schwangerschaft und bei der Kontrolluntersuchung nach dem ersten Lebensjahr verstärkt aufzuklären. Um diese Beratung gewährleisten zu können, sollten leicht zugängliche und regelmäßige Mundgesundheitsdienste für Schwangere, Säuglinge und Kinder angeboten werden. Außerdem soll die Überwachung der Prävalenz von Karies bei Kleinkindern von null bis fünf Jahren für alle Länder eingerichtet werden.

Strahlenrisiko reduzieren

Der deutsche Delegierte Prof. Dr. Georg Meyer von der Universität Greifswald ist für die Bundeszahnärztekammer im wissenschaftlichen Komitee tätig. Das Gremium brachte eine Stellungnahme zum Thema Strahlenschutz in der Zahnheilkunde ein, die von den Delegierten verabschiedet wurde. Als Fazit der Diskussion kann festgehalten werden, dass entsprechend der gesetzlichen Vorgaben in Deutschland Röntgenaufnahmen nur dann angefertigt werden dürfen, wenn zuvor festgestellt wurde, dass der gesundheitliche Nutzen der Anwendung am Menschen gegenüber dem Strahlenrisiko überwiegt. Bei Röntgenaufnahmen seien alle vernünftigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Strahlenexposition zu reduzieren, ohne die Diagnose zu beeinträchtigen, so die Delegierten.

Zur Früherkennung von HIV-Infektionen und zur entsprechenden Behandlung von Personen mit HIV-Infektion/AIDS gab das wissenschaftliche Komitee folgende Empfehlung ab: Die FDI sollte sich für die Implementierung von Strategien zur effizienten Beteiligung von Angehörigen der Mund- gesundheitsberufe an HIV/AIDS-Kontrollprogrammen einsetzen, diese unterstützen und daran arbeiten. Zudem sollte die FDI aufklärende Methoden entwickeln, die die Entdeckung von Läsionen der Mundschleimhaut durch HIV/AIDS erleichtern. Zuletzt sollte die FDI Programme unterstützen, die eine Einrichtung von bewährten Praktiken für die Behandlung und Prävention von oro-fazialen Komplikationen durch HIV/AIDS untersuchen und erleichtern.

Weiteres Diskussionsthema der Delegierten war die Förderung der Mundgesundheit durch  Trinkwasserfluoridierung. Als solche bezeichnet man die Anhebung der Fluoridkonzentration in Trinkwasser mit geringem Fluoridgehalt auf ein Niveau entsprechend den für eine optimale Mundgesundheit ausgesprochenen Empfehlungen. Mehr als 370 Millionen Menschen in über 27 Ländern sind bereits in den Nutzen fluoridierten Trinkwassers gekommen.

Die FDI empfiehlt eine umfassende präventive Annäherung als geeignetste Methode, um Zahnkaries weltweit zu reduzieren und unterstützt gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation die Anwendung von Trinkwasserfluoridierung als eine wichtige Maßnahme im Rahmen der öffentlichen Gesundheit.

Die FDI unterstützt in einer weiteren Stellungnahme die geeignete Nutzung von Dentalimplantaten bei umfassender Zahnbehandlung. Doch sei es unerlässlich, dass alle angemessenen Bemühungen unternommen werden, um Zähne vor dem Ziehen und dem Ersatz durch ein Implantat zu bewahren, betonten die Delegierten. Vor Einleitung jeder Behandlung seien eine umfassende klinische sowie eine Röntgenuntersuchung zur Einschätzung der systemischen und der oralen Gesundheit des Patienten, der Behandlungsanforderungen und Wünsche absolut unumgänglich, so die Stellungnahme. Ein Protokoll über die Risikoanalyse sei anzuwenden, um die jeweilige Indikation in eine einfache, eine vertiefte oder eine komplizierte Behandlung einzugliedern (SAC Risk Assessment Criteria, International Team of Implantology). Mit dieser Methode könne der Zahnarzt seinem Erfahrungsniveau und seiner Fachkompetenz den Schwierigkeitsgrad einer jeweiligen Indikation gegenüberstellen.

Start des FDI-Datazentrums

Außerdem wurde im Rahmen des Kongresses das neue FDI-Datazentrum vorgestellt, über das in der nationalen Presse bereits umfangreich berichtet wurde. Das Datazentrum ist online über die Website der Organisation (www.fdiworldental.org) erreichbar und verfügt über eine Datenbank mit globalen Mundgesundheitsdaten. Ziel des Online-Portals ist es, weitere Daten im Bereich der Mundgesundheit zu sammeln und die bereits zur Verfügung stehenden Daten für die Öffentlichkeit zu präsentieren.

Zudem wurde auf dem diesjährigen FDI-Kongress der strategische Plan für die kommenden Jahre (2014 bis 2017) verabschiedet. Er dient als Leitfaden für die inhaltliche Ausrichtung der Organisation und beinhaltet den Budgetplan für das Jahr 2015.

Mit dem positiven Votum des Plenums für die zahnärztlichen Gesellschaften aus Moldawien, Tunesien und Palästina wurde die FDI-Mitgliedschaft erweitert.

Traditionell fand auch in Neu-Delhi der „Deutsche Abend“ statt. Eingeladen hatten der Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Peter Engel, sowie der Vorsitzende des Verbands der Deutschen Dental Industrie (VDDI), Dr. Martin Rickert.

Zum Abschluss der drei politischen Foren und der Generalversammlungen A und B erfolgte die traditionelle Übergabe der FDI-Flagge an die Organisatoren des 103. FDI-Weltjahreskongresses, der vom 22. bis zum 25. September 2015 in Bangkok, Thailand, tagen wird. Der 104. FDI-Weltjahreskongresses soll 2016 in Poznan, Polen, stattfinden.

Mary van Driel
Direktorin Kommunikation Abteilung Europa/Internationales
Bundeszahnärztekammer
Avenue de la Renaissance, 1
B-1000 Brüssel

Info

ERO kämpft für mehr Datenschutz

Parallel zum Wissenschaftskongress fand am 12. September die Generalversammlung der European Regional Organisation der FDI (ERO) statt. Im Zentrum der Debatte stand dabei das Thema Schweigepflicht. Die ERO plädiert für den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Patienten und Behandler und fordert dazu auf, den Grundsätzen der ärztlichen Schweigepflicht Beachtung zu schenken.

Laut ERO ist die (zahn)medizinische Tätigkeit maßgeblich geprägt von einem besonderen Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Behandler. Hauptmerkmal dieses Vertrauens sei die Verpflichtung zur absoluten Verschwiegenheit.

Dies gelte auch für die elektronische Speicherung und Dokumentation von Patientendaten, sagten die Delegierten. Ziel müsse sein, das höchste Datenschutzniveau anzustreben. Dabei wurde eingeräumt, dass sich der Umgang mit den Daten in einem Rechtsrahmen befinden sollte, der sich an den Datenschutzkriterien der Nationalstaaten orientiert. Dies dürfe aber zu keiner unverhältnismäßig hohen bürokratischen und finanziellen Belastung in der (zahn) ärztlichen Berufsausübung führen.



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