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01.02.12 / 12:50
Heft 03/2012 Politik
GKV und PKV

Streit um die Abwanderung

2010 haben mehr als 380000 Menschen von der gesetzlichen Krankenkasse zur privaten Konkurrenz gewechselt – oder umgekehrt. Soviel steht fest. Nicht jedoch, wie die einzelnen Zahlen zu deuten sind. Laut „Spiegel“-Berichterstattung gibt es einen Trend hin zur GKV. Doch der Verband der Privaten Krankenversicherung widerspricht.



Wer ist wohin abgewandert? Fest steht: Für viele Privatversicherte wird die PKV zu teuer. Foto: CC

„Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung“, sagt Volker Leienbach, Direktor des Verbands der Privaten Krankenversicherung. „Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch.“ Leienbach reagiert damit auf eine Berichterstattung des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, die beschreibt, dass die gesetzlichen Krankenkassen eine zunehmende Zahl von Privatpatienten registrieren würden, die wieder zu ihnen zurückkehren wollten. „Bei uns häufen sich die Anfragen von Privatversicherten, die zur AOK kommen wollen“, wird etwa der Chef der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, zitiert.

Laut Bericht wechselten 2011 allein rund 27 600 Mitglieder zur Barmer GEK, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Eine ähnliche Tendenz bestätigte auch die Techniker Krankenkasse dem Magazin: Dorthin wechselten im vergangenen Jahr 68 000 Versicherte, fast zwölf Prozent mehr.

Hintergrund: Viele private Krankenversicherungen haben zum 1. Januar ihre Beiträge erhöht, laut „Spiegel“ teils um bis zu 50 Prozent. Gesetzlich vorgesehen ist der Austritt aus einer Privatkasse jedoch nur in Ausnahmefällen – für Privatversicherte, die arbeitslos werden oder deren Angestelltengehalt unter die Versicherungspflichtgrenze von 50 850 Euro sinkt, sowie für Selbstständige, die in eine ähnlich bezahlte Festanstellung wechseln.

Werbebild der PKV bröckelt

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sieht nun die privaten Kassen in der Pflicht. „Sie schöpfen noch längst nicht alle Möglichkeiten aus, den Versicherten günstigere Tarife anzubieten“, sagte er der in Bielefeld erscheinenden „Neuen Westfälischen Zeitung“. Zudem dürften keine Anreize geschaffen werden, das Kassensystem zu unterwandern und zur gesetzlichen Kasse zu wechseln.

„Es scheint sich langsam herumzusprechen, dass das schöne Werbebild der PKV von „stets besser und billiger“ der Realität nicht entspricht“, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands. Ulrike Steckkönig, Gesundheitsexpertin der Zeitschrift „Finanztest“, sagte, wer sich mit Anfang 30 privat krankenversichere, müsse damit rechnen, dass sich seine Beiträge bis zum Eintritt ins Rentenalter mindestens verdreifachten. Leienbach beharrt stattdessen darauf, dass der Trend ein ganz anderer ist. „Tatsache ist: Der Saldo der Wanderungsbewegungen zwischen GKV und PKV zeigt Jahr für Jahr einen großen Abstand zugunsten der PKV“, sagt er. „Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös“, da hierbei die Zahl derer verschwiegen werde, die im selben Zeitraum in die Private Krankenversicherung wechselten. Auch wenn es noch keine abschließenden Zahlen für das Jahr 2011 gebe, zeigten Zwischenberichte, „dass der Vorsprung der PKV in der Wanderungsbilanz gegenüber dem Vorjahr sogar noch gewachsen ist. Von einem Abwanderungstrend kann also überhaupt nicht die Rede sein – das Gegenteil ist richtig“, argumentiert Leienbach und untermauert seine Behauptung mit Zahlen des Verbands. Diese seien „seit jeher starken Schwankungen unterworfen“, heißt es zwar „doch eines gilt für alle Jahre: Der Saldo zugunsten der PKV war immer eindeutig positiv.“

Abschließend kommentiert der Direktor des PKV-Verbands Andeutungen des „Spiegel“-Berichts, dass Vertreter gesetzlicher Krankenkassen wechselwilligen Versicherten Schlupflöcher zur Umgehung der gesetzlichen Schranken aufzeigten. „Wenn eine Krankenkasse als öffentlich-rechtliche Körperschaft Beihilfe zur Umgehung des Sozialgesetzbuches leisten sollte, wäre dies ein Skandal“, sagt er. „Die PKV steht jedenfalls für solche rechtswidrigen Praktiken nicht zur Verfügung.“ mg/dpa



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