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01.05.17 / 00:03
Heft 09/2017 Zahnmedizin
IDS 2017 – eine Nachlese

Systematisch vorbeugen, vernetzt therapieren – an jedem Ort

Vom 21. bis 25. März sorgten auf der Internationalen Dental Schau in Köln wieder neue Produkte und Methoden für Aufsehen: zum Beispiel die erste mikroskopgestützte Kariesdiagnostik und ein neuartiger Luftantrieb für Winkelstücke. Ebenso wichtig erscheint, dass die Industrie mit Systemlösungen die Richtung für präventive und therapeutische Konzepte weisen will.




Seit dieser IDS gibt es erstmals Winkelstücke mit Luftantrieb, bei denen die Drehzahl zwischen 60.000 und 320.000 min-1 konstant bleibt (Abbildung 1). Das gilt auch bei Andruck gegen den Zahn – und gelingt laut Anbieter mit spezieller Sensorik im Turbinenkopf und digital gesteuerter Luftmenge. Das gewohnte „Turbinengefühl“ sei mit hoher Durchzugskraft verbunden, annähernd vergleichbar mit Elektromotoren. Ein zusätzliches Winkelstück für Instrumente mit 2,35 mm Schaftdurchmesser bleibt aber notwendig, zum Beispiel für die Kariesexkavation.

Ein neues Mikroskop ermöglicht mit gefiltertem Licht, beim Exkavieren kariöse Zahnsubstanz zu erkennen (siehe auch Messebericht in den zm 8). Durch die mikroskopgestützte Arbeitsweise könnte die empfohlene pulpaschonende Exkavation auf ein neues Qualitätsniveau gehoben werden. Inwieweit die Methode von der seit etwa 2013 verfüg- baren Fluoreszenz-unterstützten Exkavation inspiriert ist, war auf der Messe allerdings nicht zu erfahren (Buchalla W, Lennon AM. Dtsch Zahnärztl Z 2015).

Produkte über „Lösungen“ verkaufen

Die IDS ist traditionell eine Produktschau. Besucher lassen sich Neuheiten vorführen, testen sie nach Möglichkeit selbst und stellen Fragen. Zunehmend versuchen Aussteller, ihre Einzelprodukte über „Lösungen“ zu verkaufen – also zahnmedizinisch mehr oder weniger begründete Konzepte. Das gilt zum Beispiel für die von unterschiedlichen Firmen angebotenen Produktsysteme für die Endodontie, die unter anderem Wurzelfüllsysteme, Stifte, Adhäsive und Aufbaukomposite umfassen (Abbildung 2).

Als interessanter könnte sich erweisen, dass sich restaurative, endodontische, orthodontische, chirurgische oder auch funktionelle Therapiemethoden zunehmend mit 3-D- Diagnostik und CAD/CAM verknüpfen lassen – wenn auch weiterhin ohne echte Integrationsmöglichkeit zwischen Anbietern. Besonders die digitale Volumentomografie eröffnet neue Perspektiven, wobei Strahlenbelastung, geringe Auflösung und Artefakte den Indikationsbereich weiterhin einschränken. Hinzu kommt die fehlende Abrechenbarkeit in der GKV, bei hohem Zeitaufwand für eine korrekte Befundung der Datensätze. Wünschenswert wäre daher eine bessere rechnergestützte Einbindung anderer, auch zweidimensionaler Diagnosesysteme.

Die Kosten für Anschaffung und Betrieb von Großgeräten und umfassenden, oft in sich geschlossenen Behandlungssystemen dürften einerseits für viele kleinere Praxen kaum zu stemmen sein. Mit nachrüstbaren Geräten (Modulen) oder Leasing kann der Einstieg andererseits schrittweise erfolgen. Das gilt auch für Chairside-CAD/CAM-Systeme. Weiterhin ist aber genau zu überlegen, was in Praxis oder Praxislabor bleiben – und was über externe zahntechnische Partner hinzugekauft werden soll. In Köln gab es für beide Wege eine große Angebotsvielfalt. Wer hier gute Beratung wünscht, benötigt möglichst unabhängige Partner.

Praxisverwaltung: Auch hier die Daten in der Wolke

Hygiene bleibt ein großes Thema, leider auch finanziell. Der Aufwand nähert sich weiter dem für Großeinrichtungen, relativ ist er für kleine Praxen sogar ungleich höher. Kosten lassen sich vor allem durch vereinfachte Abläufe einsparen, mit gut strukturierter Software (erhältlich zum Beispiel bei einzelnen Kammern). Neu ist das Datenmanagement über die Cloud, auch in der Praxisverwaltung.

Wie in Köln live demonstriert, lassen sich während der Behandlung verwendete Produkte, zum Beispiel Implantate oder Handinstrumente, neuerdings mit verbleibender Sterilitätsdauer und Lagerbestand an der Einheit anzeigen. Ob das zielführend ist und ob die Gerätesoftware gegebenenfalls Daten von separaten Hygiene-management- und Materialwirtschafts-Systemen einlesen kann, wäre vor einem Kauf zu klären.

Vorbeugen mit dem Masterplan

In der Prävention ist viel Bewegung – und vor allem im häuslichen Mundhygienebereich auch sehr viel Geld. Neben immer neuen Empfehlungen und Leitlinien der Fachgesellschaften versuchen die Industrie- Anbieter daher, ihre Produkte in eigenen Leitfäden zu positionieren (Abbildung 3). Wenn das Praxisteam noch früher eingreifen möchte, befasst es sich mit einer App der Aktion Zahnfreundlich e.V. zum Thema zahngesunde Ernährung (abrufbar im App-Store für iPads, Suchwort „zahnfreundlich“, später auch für andere Mobilgeräte). Die große Bedeutung von Lebensweise und Mundhygieneverhalten wird ebenfalls zunehmend illustriert (Abbildung 4).

Philips legte in Köln ein aktuelles Sonderheft des Journal of Clinical Dentistry vor, mit einer Reihe randomisierter Studien zur Wirksamkeit elektrisch betriebener Zahnbürsten (einschließlich Produktvergleichen) und eines Interdental-Reinigungsgeräts. Studien präsentierten in Köln auch die Mitbewerber PG/ Oral-B und Intersanté. Der Aufwand für die wissenschaftliche Dokumentation ist lobenswert, wobei unabhängig durchgeführte Untersuchungen und Empfehlungen von weitgehend neutraler Seite in der Regel aussagekräftiger sind.

Eingeschränkte Patienten behandeln

Gute Konzepte werden für die Behandlung von Patienten benötigt, die gesundheitlich oder in anderer Weise eingeschränkt sind. Ein mobiles Behandlungsgerät enthält alle zentralen Instrumente, einschließlich Absaugung, bei einem Gesamtgewicht von nur 8,6 Kilogramm (Abbildungen 5 und 6). Ein rollbarer Behandlungsstuhl, der zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen verwendbar ist, erlaubt auch eine aufrechte Patientenposition (Abbildung 7).

Wie immer das Konzept der eigenen Praxis aussieht: Aus den angebotenen „Lösungen“ auszuwählen ist nicht einfach, kann aber durchaus Freude machen. Die IDS war dafür wieder einmal der richtige Ort. Wer nicht in Köln war, fragt den Händler seines Vertrauens, informiert sich bei Kollegen und im Internet – oder geht spätestens zur nächsten dentalen Fachmesse im Herbst. Und wer sich gut vorbereitet, erhält dort auch die für ihn relevanten Antworten.

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch, Dentaljournalist



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