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16.12.03 / 00:09
Heft 24/2003 Zahnmedizin
12. Kongress für Präventive Zahnheilkunde

Tagung mit Biss

Von „Fortbildungsmüdigkeit“ keine Spur: Insgesamt 600 Zahnärzte samt Team strömten am 31.10. ins Congress Centrum Hamburg (CCH), um beim 12. Deutschen Kongress für Präventive Zahnheilkunde dabei zu sein. Zwei Tage lang erfuhren die Teilnehmer das Neueste aus der Prävention.




„Mit Biss durchs Leben – Lebensqualität durch Prävention“ lautete das diesjährige Motto, und Biss versprach der Kongress 2003 allemal. Erstmals konzentrierte sich die Veranstaltung auf die moderne Individualprophylaxe, anstatt wie bisher auf die Säulen „Mundhygiene“, „Ernährung“ und „Fluoride“ zu setzen.

Zusammen mit Prof. Dr. Johannes Einwag vom Zahnmedizinischen Fortbildungszentrum Stuttgart und dem Leiter der blend-amed Forschung, Dr. Dieter Langsch, habe sie das Thema bewusst anders gestaltet als die Jahre zuvor, eröffnete Prof. Dr. Ursula Platzer, Direktorin der Hamburger Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und Präventive Zahnheilkunde, bei der Begrüßung. Die Tagung wolle einen Bogen spannen, angefangen bei der Schwangerschaft und der Geburt bis zur Prophylaxe im hohen Alter. Ein Novum gab es auch auf organisatorischer Ebene: Die Hamburger Poliklinik, vertreten durch Platzer, war zum ersten Mal mit von der Partie.

GMG: das Blut kocht

„Der Standort Hamburg spricht für Ihren guten Geschmack!“ Dr. Wolfgang Sprekels, Präsident der Zahnärztekammer Hamburg, freute sich sichtlich, dass die Wahl auf die Alsterstadt gefallen war. Für die Gesundheitspolitik fand er allerdings keine schönen Worte: „Hier kocht das Blut wegen des GMG – verzapft vom neuen ‘Traumpaar‘ der Sozialgesetzgebung: Ulla Schmidt und Horst Seehofer“. Jeder Beamte hätte bei der Reform eine Schublade, sprich einen Paragrafen, gebaut, aber keiner die ganze Kommode im Blick gehabt. Sprekels hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Behauptungen, dass Ärzte künftig keine Einbußen zu beklagen hätten, bezeichnete er schlichtweg als „Stuss“. „Sie müssen Ihre Praxis für Leistungen außerhalb des Bema topfit machen“, riet er den Teilnehmern. „Wie das geht, lernen Sie auf diesem Kongress.“

Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), bekräftigte Sprekels Einschätzung: Die Zahnärzte müssten sich vom „Handwerkermodell“ verabschieden und einen Imagewechsel hin zum Inbegriff erfolgreicher Prävention vollziehen. Die BZÄK unterstütze diese Aktivitäten auch weiterhin. Auf dem Kongress ginge es daher nicht nur um die medizinische Kompetenz, so Oesterreich, sondern auch um die soziale.

Das war das Stichwort für Diplom-Soziologe Herbert Prange. Er gab den anwesenden Zahnärzten gute Tipps, wie sie ihre Patienten für die Prophylaxe gewinnen können. Erste Lektion: Nur wenn der Zahnarzt selbst von der Wichtigkeit prophylaktischer Behandlungen überzeugt ist, fallen seine Argumente beim Patienten auf fruchtbaren Boden. Begeisterung, Zeit und Energie – für Prange die „dentale Intelligenz“ – müsse der Zahnarzt unbedingt mitbringen, um eine erfolgreiche Prophylaxe-Praxis zu betreiben.

Ein Kind – ein Zahn

Die Ergebnisse einer durchgehenden Schwangerschaftsbetreuung stellte Platzer vor, die mit der ZÄ Meike Ehmann in einem Pilotprojekt 84 Schwangere bis zur Geburt präventiv versorgte.

Die alte Volksweisheit „jedes Kind kostet einen Zahn“ sei zwar übertrieben, resümierte Platzer, doch erhöhten die besonderen Begleitumstände der Schwangerschaft (zum Beispiel häufige Übelkeit mit Erbrechen) das Risiko, an Schmelzätzungen, Karies, Gingivitis und Parodontitis zu erkranken. Die Ergebnisse untermauerten den Nutzen einer Schwangeren- Prophylaxe: Dank der regelmäßigen Plaquekontrolle ging die Gingivitis bei den werdenden Müttern völlig zurück. Die von der Laienpresse kolportierte Warnung, entzündliche Erkrankungen steigerten das Risiko einer Frühgeburt, konnte jedoch nicht verifiziert werden.

Wie die Prävention bei den Kleinsten aussieht, beleuchtete Dr. Rüdiger Lemke, Hamburg. Verantwortlich für die Mundgesundheit von Babys und Kleinkindern seien in erster Linie die Eltern – sie müsse der Zahnarzt ansprechen und motivieren. Dass Theorie und Praxis freilich zweierlei sind, wenn es darum geht, einem Baby die ersten Zähne zu putzen, wusste Lemke aus eigener Erfahrung zu berichten.

Nun wiesen aber Kinder bis zwölf Jahren in der Regel gesunde Zähne auf – erst ab der Pubertät steigt die Karies laut Lemke dramatisch an. Sein Vorschlag: Ältere Kinder müssten das Zähneputzen unter Aufsicht üben können. Ähnlich wie beim Sport bräuchten Teenies einen Trainer, der ihnen zeigt, wie’s richtig geht. Lemke empfahl darüber hinaus eine engere Zusammenarbeit mit den Kinderärzten, damit die Prävention so früh wie möglich starten kann.

Auch ZA Jiri Sedelmayer aus Hamburg sprach sich für das Zähneputzen im Beisein von „Experten“ aus. Die Zahnreinigung müsse erst gelernt werden – es sei an den Zahnärzten, hier Pionierarbeit zu leisten.

Echte Herausforderung

Eine stärkere Prävention im Alter forderte Prof. Dr. Frauke Müller, Leiterin der Division für Gerodontologie und abnehmbare Prothetik der Uni Genf. Seit 1950 habe sich der Anteil der Menschen über 65 fast verdoppelt – für den Zahnarzt eine echte Herausforderung, da sich parallel zur demografischen Entwicklung das Profil zahnärztlicher Tätigkeit mehr und mehr ändere.

Die sinkende Mobilität alter Menschen, ihr nachlassendes Gedächtnis sowie schwindende motorische Fähigkeiten erforderten eine besondere Behandlung, schilderte Müller. Schriftliche Termine, einfache prothetische Konstruktionen und vor allem das persönliche, ausführliche Gespräch mit dem Zahnarzt seien für diese Patienten eine wichtige Stütze.

Gerade bei der Seniorenbehandlung müsse dringend ein Umdenken erfolgen: Hier stünde weniger der einzelne Zahn im Zentrum, sondern langfristig ginge es um den Erhalt der knöchernen Strukturen. Nicht allein physische Aspekte spielten eine Rolle – entscheidend sei auch, dass die Lebensqualität mit einem funktionierenden Kauapparat enorm steige.

Wie man ein Praxiskonzept mit dem Schwerpunkt parodontale Prävention entwickelt, zeigte Prof. Klaus Roth, Parodontologe in Hamburg. Er wies darauf hin, dass die Attachmentverluste bei den 35-Jährigen enorm hoch seien. Dabei hätte der damit verbundene Knochenabbau seiner Meinung nach verhindert werden können, wären entsprechende epidemiologische Untersuchungen früher durchgeführt worden: Die ersten Krankheitsanzeichen seien bei den Patienten schon Jahre früher, im Alter von acht, neun Jahren, zu beobachten. Instrumente wie der Parodontale Screening Index (PSI) und die Parodontale Grunduntersuchung (PGU) eigneten sich „wunderbar als Steuerelemente“, um eine geeignete Therapie mit anschließendem Recall festzulegen. Durch die Früherkennung sei die Notwendigkeit, chirurgisch zu intervenieren, sehr stark zurückgegangen, bilanzierte Roth.

Die Prophylaxe gewinnt

Eine Lehrstunde in Sachen Betriebswirtschaftslehre gab Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, selbst Mitinhaber einer Prophylaxepraxis. Wichtig sei, dass die Praxis auch Gewinn abwerfe, und Gewinn erziele man nur durch eine effiziente Organisation. Jeder, der seine Praxis auf die Prophylaxe umstellen will, sollte daher eine Ist-Analyse machen, bevor er in die Planung geht. Sind alle Ziele umgesetzt, erfolge am Ende die Kontrolle. „Wer auf die Prophylaxe setzt, wird in Zukunft zu den Gewinnern zählen“, ermunterte Bastendorf seine Zuhörer.

„Was wir gelernt haben“, fasste Platzer am Samstag Abend zusammen: „Alle brauchen Prävention! Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen – es muss ein Ruck durch die Zahnmedizin gehen.“ Diese Worte blieben den Kollegen fest im Ohr: Schon auf der Heimfahrt besprachen einige die Umsetzung im Praxisteam. 

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