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16.11.09 / 00:10
Heft 22/2009 Politik
Hartmannbund

Talk im Sturm

Aus der Not eine Tugend machte der Hartmannbund (HB) bei seiner diesjährigen Hauptversammlung in Potsdam. Denn weder der angemeldete Bayerische Gesundheitsminister, Markus Söder (CSU), noch sein kurzfristig angekündigter „Ersatzmann“ Philipp Missfelder MdB (CDU), Bundesvorsitzender der Jungen Union Deutschlands, erschienen zur Eröffnungsveranstaltung. Grund: Koalitionsverhandlungen. Prof. Dr. Kuno Winn, HB-Vorsitzender, nutzte die nun reichlich vorhandene Zeit und lud die leider nicht anwesende gesundheitspolitische Politikprominenz zu einer fiktiven Talkrunde und Generalabrechnung aufs Podium.



Generalabrechnung mit der „alten Koalition“ beim Hartmannbund. Foto: Hartmannbund

So nahmen sie denn alle Platz auf einer imaginären Hartmannbund-Talk-Couch als virtuelle Gäste; allen voran die imaginäre Ulla Schmidt, mit der es nach den Worten Winns „acht Jahre keinen Spaß gemacht hat, gegen sie Gesundheitspolitik zu machen“. Noch tief sitzt bei Winn seine Bestürzung über „einen ideologisch geprägten Weg in die gesundheitspolitische Sackgasse“. Sichtlich erleichtert erschien der HB-Chef sowohl über die scheidende SPD-Gesundheitsministerin, als auch über den Einzug von Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes, in den Bundestag. Winn reichte ihm symbolisch auf dem Podium die Hand und versicherte ihm die berufspolitische Unterstützung des Hartmannbundes.

Schelte musste indes Dr. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, beziehen, dem Winn „missliches“ Kommunikationsmanagement im Zweiklang mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft beim Thema Zuweiserprämien durch Kliniken bescheinigte. Auch der im Rahmen des diesjährigen deutschen Ärztetages angestoßenen Debatte um die Priorisierung medizinischer Leistungen attestierte der HB-Chef mangelhafte Vorbereitung und „mediale Ziellosigkeit“. Klare Adresse an die Bundesärztekammer: Freie Verbände und die verfasste Ärzteschaft sollten sich zukünftig strategisch besser abstimmen.

Als weitere Gäste der fiktiven Talkrunde durften sich die Spitzenvertreter des Deutschen Hausärzteverbandes, Dr. Wolfgang Hoppenthaller und Ulrich Weigelt, angesprochen fühlen. Von ihnen forderte Winn mehr Augenmaß in der Nutzung ihres politisch zugesprochenen Spielraums bei § 73b-Verträgen. Die Monopolstellung eines einzelnen Verbandes dürfe nicht in einem „demonstrativ exerzierten Alleinvertretungsanspruch“ enden. Auch die Bedrängung von Ärzten, die sich nicht einschreiben wollen, durch den Hausärzteverband müsse aufhören, mahnte der HB-Chef.

Zum Reizthema Honorarreform begrüßte Winn den KBV-Vorsitzenden Dr. Andreas Köhler im Kreis seiner imaginären Talkgäste. Trotz deutlicher Kritik zollte Winn dem KBV-Chef Anerkennung für die Verhandlungen über die Erhöhungen der Gesamtvergütungen. Dennoch sei das kollektivvertragliche Abrechnungssystem „komplizierter denn je“. In den nächsten Jahren würden fünf verschiedene Orientierungspunktwerte und zusätzlich qualitätsorientierte Zuschläge hinzukommen und den „Durchblick weiter erschweren“, so Winn. Für die Zukunft wünschte er sich von Köhler eine visionäre Weiterentwicklung des KV-Systems.

Zu schade, dass die Angesprochenen nicht selbst Stellung zu den Äußerungen Winns beziehen konnten. Die eine oder andere Erwiderung hätte der Veranstaltung keinen Abbruch getan.

Wolfgang Straßmeir
Stubenrauchstr.17 A
12161 Berlins

INFO

Erfolgreiche Wiederwahl

Prof. Dr. Kuno Winn wurde von den Delegierten der HB-Hauptversammlung in Potsdam bestätigt. Er setzte sich knapp gegen Dr. Roland Quast durch. Dr. Klaus Reinhardt ist stellvertretender Bundesvorsitzender. Beisitzer wurden Angelika Haus, Dr. Astrid Bühren, Dr. Rudolf G. Fitzner, PD Dr. Volker Harth und Dr. Thomas Lipp. Als Vertreter der korporativen Mitgliedsverbände des Hartmannbundes wurde Dr. Norbert-Alexander Franz benannt.

INFO

Hartmannbund fordert Systemwechsel

Die Delegierten der HB-Hauptversammlung sprachen sich in einem Leitantrag für eine Generalsanierung des Gesundheitswesens in dieser Legislaturperiode aus. Darin enthalten sein sollen die konsequente Entkopplung der Beiträge von den Löhnen und die Steuerfinanzierung krankenversicherungsfremder Leistungen, die Einführung kapitalgedeckter Elemente zur Finanzierung des Gesundheitswesens und die Implementierung eines generellen Kostenerstattungssystems über alle Leistungsbereiche mit sozial verträglich gestaffelter prozentualer Selbstbeteiligung. Zum Koalitionsvertrag äußerte sich der HBChef, Prof. Dr. Kuno Winn: “Die zaghaften Ansätze zur Kostenerstattung, die lediglich in der gegenwärtigen Form gestärkt werden soll, und das Ignorieren der Notwendigkeit, konsequent die Beiträge von den Löhnen zu entkoppeln – das alles spricht momentan eher für ein Weiter-Puzzeln am bestehenden System.“



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