Jochen Gleditsch
01.01.17 / 00:04
Heft 01/2017 Zahnmedizin
40 Jahre Mundakupunktur

Therapie Punkt für Punkt

Der Zahnarzt ist in seiner Praxis immer wieder mit Problemfällen konfrontiert, die nicht wie üblich verlaufen. In solchen Fällen erweist sich die Vielseitigkeit und Offenheit des Praktikers für alternative Methoden manchmal als vorteilhaft. Hier wird eines der komplementären Verfahren – die Mundakupunktur – vorgestellt.




Die Methode der Mundakupunktur entstammt nicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sondern zählt zu den, in den letzten 70 Jahren entdeckten, somatotopischen Mikrosystemen (MAPS = Mikro-Aku-Punkt-Systeme) der westlichen Akupunktur.

Ein Rückblick

Angeregt wurde die Mundakupunktur durch die in den 1960er Jahren aufgekommene Elektroakupunktur (EAV). Deren Begründer Reinhold Voll hatte gemeinsam mit dem Zahnarzt Fritz Kramer Wechselbeziehungen zwischen speziellen Zahn-Kiefer-Arealen und den Akupunktur-Meridianen entdeckt und zwar aufgeteilt in fünf Zahn-Gruppen: gleiche Beziehungen zu jeweils Inzisivi, Canini, Prämolaren, Molaren und Weisheitszähnen in jedem der vier Kieferquadranten. Aus dieser Erkenntnis leitete Voll diagnostische Schlüsse ab.

Etwa zeitgleich konnte beobachtet werden, dass es drucksensible Areale am Tuber maxillare gibt. Eine dort gesetzte Lokalanästhesie-Injektion erwies sich als optimale alternative Therapie der Sinusitis. Hierüber wurde bereits im Jahre 1976 auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde anhand von 400 dokumentierten Fällen referiert [Gleditsch, 1979]. Als grundlegend hat sich die Palpation erwiesen, die sich auch auf weitere Mundschleimhaut-Areale ausdehnt. Hierbei ergaben sich häufig streng lokalisierte, oft nur einseitige Druckdolenzen: und zwar bukkal-labial der Zähne, oft verbunden mit geringer aber doch tastbarer Induration des Gewebes. So war es naheliegend, diese Befunde mit den Aussagen der EAV in Verbindung zu bringen und an diesen Stellen eine Therapie mittels Lokalanästhesie anzusetzen.

Damals war unter Ärzten wie Zahnärzten die Heilinjektion weit verbreitet und auch über Jahrzehnte mit den Pflichtkassen abrechenbar. Ebenso wurde damals die Neural- therapie nach Huneke als therapeutische Lokalanästhesie mit ihren möglichen Fernwirkungen von vielen Ärzten praktiziert und in ihrer Wirkung bestätigt (Abbildung 1).

Mundakupunktur als Reflextherapie

Da in der Mundschleimhaut keine Nadeln – wie sonst in der Akupunktur – gesetzt werden können (Aspirationsgefahr), erwies sich die Lokalanästhesie-Injektion als optimale Alternative. Die Bezeichnung ‚Mundakupunktur’ weist auf die erwähnten Wechselbeziehungen vom Zahn-Kiefer-System zu den Akupunktur-Systemen hin – den Meridianen und Funktionskreisen. Die an spezifischen Punkten, beziehungsweise Arealen, gesetzten Injektionen lassen sich auch als Reflextherapie interpretieren.

Während bei der Neuraltherapie und Störfeld-Diagnostik die an ein vermutetes Areal gesetzte Lokalanästhesie-Injektion zu nicht voraussehbaren Fernwirkungen führen kann, ist die an spezifischen Akupunktur-Punkten gezielt angesetzte Therapie in ihrer Fernwirkung gebahnt durch die erwiesenen Beziehungen zu den Meridianen und Funktionskreisen (Abbildung 2). Diese Wechselwirkungen bedingen eine gegenseitige Beeinflussbarkeit: Das Zahn-Areal (Zahn samt Halteapparat und Umgebung) kann Funktionsstörungen innerer Organe signalisieren, was sich zumeist in der circumscripten Druckdolenz der Schleimhaut anzeigt. Umgekehrt kann vom Zahn-Areal ein Störreiz zur korrelierenden inneren Funktion ausgehen. Wie alle funktionellen Wechselwirkungen im Organismus dienen solche gebahnten Reflexe der gegenseitigen Kompensation und sollten nicht sofort als pathologische Befunde gewertet werden [Voll R., 1977 ; Kramer F., 1976].

Auf derartige an der Körperoberfläche auftretende ‚Signale’ hat vor 120 Jahren Henry Head, der Begründer der Neurophysiologie und Entdecker der Segment-Ordnung, hingewiesen: Der Organismus reagiert laut Head als erstes mittels vegetativer Früh- Zeichen. Danach kommt es zu funktionellen Symptomen, speziell an Bindegewebe und Muskulatur. In diesen frühen Stadien – so forderten Head und sein Mitstreiter Mackenzie – sollte die Therapie ansetzen im Sinne der Prävention.

Diese Frühdiagnostik verlangt eine ‚hands-on-Palpation’, an der es in der modernen Medizin mangelt. Head entdeckte mittels Palpation innerhalb der Segmente auffällig drucksensible ‚Maximalpunkte’, die er als viscerocutane Reflexe definierte und dia-gnostisch nutzte. An diesen Orten setzte er seine cutiviscerale Segment-Therapie an [Head H., 1898].

In solcher ‚Innen-Außen-Verschaltung’ wird die Parallele zur Jahrtausende alten Akupunktur offensichtlich, wobei diese in ihren Leitbahnen (‚Meridianen’) – anders als die horizontalen Segmente – eine vertikale Ordnung erkennen lässt. Die weitgehende Übereinstimmung der Head’schen Maximalpunkte mit Akupunktur-Punkten ist in Studien nachgewiesen. Auch in der Tradition der chinesischen Medizin galt die Akupunktur vorrangig der Prävention.

Das Punkt-Phänomen

In 40-jähriger Erfahrungszeit haben sich spezielle Areale der Mundschleimhaut extrem häufig als drucksensibel beobachten lassen: so das erwähnte Gebiet bukkal-distal am Tuber maxillare. Dieses Symptom findet sich bei der Sinusitis, ist aber ebenso häufig Ausdruck einer Dysfunktion, einer Tension des lateralen Pterygoid-Muskels. Eine hier ansetzende Injektions-Therapie hat einen spasmolytischen Effekt auf diesen wichtigsten Kaumuskel.

Die an druckschmerzhaften Punkten gezielt anzusetzende Injektion erfolgt erfahrungsgemäß am besten mittels eines schwach-prozentigen Lokalanästhetikums (wie Procain 0,5 Prozent ohne Vasokonstriktor!). Die anschließende palpative Kontrolle verrät, ob noch drucksensible Stellen verblieben sind und nachtherapiert werden sollten. Es gilt dabei, in dem Areal eine völlige Schmerzfreiheit zu erreichen. Bei tiefer Injektion mit hochprozentiger Lokalanästhesie ist die weite Umgebung analgesiert und erlaubt keinen Rückschluss auf persistierende Punkt-Signale. Diese Beobachtung belegt die Bedeutung des Punkt-Phänomens: Es geht nicht um die Analgesie des Areals, sondern um das ‚Stumm-Werden’ der punktuell auftretenden Signalmeldungen [Gleditsch JM, 2005].



Mehr zum Thema


Anzeige
Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können