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01.05.09 / 00:15
Heft 09/2009 Gesellschaft
Veterinärmedizin

Tierische Patienten

Herrchen und Frauchen wollen für ihre Haustiere nur das Beste. Das gilt für Pflege, Futter und besonders für deren medizinische Versorgung. Die Tierheilkunde hält für haarige, schuppige und stachelige Patienten ein Repertoire bereit, das von Bachblüten bis Bandscheibenoperation reicht. Stellt sich nur die Frage: Ist alles Mögliche auch nötig?




„Finden Sie einen Spezialisten in Ihrer Nähe!“ heißt es auf einem Informationsportal für Tiermedizin im Internet. Die Suchmaske bietet jede Menge Kategorien. Neben Tierkliniken und -ärzten gibt es auch den Bereich Tierpsychologie, seinerseits in eine lange Spalte von Unterpunkten aufgedröselt. Halter können für ihre Haustiere nach Fachleuten für Angst- und Ausscheidungsprobleme, Kickertraining, Trennungsangst oder Verhaltenstraining suchen. Wie die psychologische Betreuung von Vierbeinern aussieht, hat zum Beispiel Hundetherapeut Martin Rütter in der TV-Serie „Eine Couch für alle Felle“ gezeigt. Krankengymnastik für Tiere ist eine weitere Suchoption in dem Portal. Zu den gelisteten Angeboten gehören Akupressur, Reiki, Schockwellenbehandlung, Fitnessberatung sowie Bioresonanz-, Elektro-, Cranio-Sacral-, Hydro-, Kyro- und Lasertherapie. Da fällt die Auswahl schwer. Die Anfänge der Tiermedizin waren im Vergleich zu den Behandlungsmethoden, die Haustierbesitzern heute zur Verfügung stehen, wesentlich bescheidener.

Eine Couch für alle Felle

Die Tierheilkunde entwickelte sich von dem Zeitpunkt an, als der Mensch mit der Domestikation wilder Tiere begann. Den Hund machte er sich schon in der Altsteinzeit vor 135 000 Jahren zum Gefährten, mit der Ausbreitung der Landwirtschaft im Neolithikum vor zirka 13 000 Jahren kamen Schweine, Ziegen, Rinder und Pferde hinzu. Das Bedürfnis, Tiere zu pflegen und zu heilen, hatte zunächst den praktischen Grund, dass nur gesundes Vieh größtmöglichen Nutzen bringt. Zu den frühesten Behandlungen gehört die Geburtshilfe bei Rindern, die schon auf Wandmalereien im alten Ägypten zu sehen ist. Das älteste überlieferte tierheilkundliche Schriftstück ist der „Veterinärpapyrus von Kahun” aus dem Jahr 1 800 vor Christus. Er beschäftigt sich mit Tierkrankheiten, vor allem bei Rindern und Hunden, aber auch bei Fischen und Gänsen.

Vom Hirten zur Hochschule

Die praktische Tierheilkunde lag zu Beginn nicht in den Händen der gebildeten Schicht, sondern war Sache der Bauern und Hirten. Das empirische Wissen, das sie im täglichen Umgang mit den Tieren sammelten, gaben sie mündlich weiter. Erst in der Spätantike entstand in Europa ein selbstbewusster tierärztlicher Stand: die Hippiater, Spezialisten in Sachen Pferdegesundheit. Im Mittelalter, als die Klöster Hochburgen der Heilkunst waren, begann man damit, arabische Lehrbücher ins Lateinische zu übersetzen und erschloss sich so das umfassende Wissen des Orients über die Pferdeheilkunde. An den Höfen des europäischen Hochadels übernahmen die Stallmeister die Rolle der Veterinäre. Eine organisierte wissenschaftliche Lehre entstand erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts. In Frankreich wurde 1762 die École vétérinaire gegründet, sie gilt als die Wiege der akademischen Ausbildung. In Deutschland war das veterinärmedizinische Studium ab 1771 mit der Gründung des „Vieharzney-Instituts“ an der Universität Göttingen möglich. Die älteste bis heute bestehende deutsche Hochschule in diesem Bereich ist die 1778 eröffnete Tierärztliche Hochschule Hannover.

Ab dem 19. Jahrhundert setzte eine Differenzierung der Tiermedizin in verschiedene Fachbereiche ein. Heute können sich Veterinäre postgraduell unter anderem auf Chirurgie, Klein- und Heimtiere, Pferde oder Lebensmittel-, Fleisch- und Tierhygiene spezialisieren.

Innovation durch Hightech

Wie in der Humanmedizin hat sich auch der Fortschritt in der Tierheilkunde kontinuierlich beschleunigt. „In den vergangenen 35 Jahren sind die Standards bei Diagnose und Therapie stark gestiegen“, sagt Dr. Hans-Joachim Götz, Präsidiumsvorsitzender des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte (BPT). „In den 70er-Jahren ging es mit Röntgengeräten in den Kleintierpraxen gerade erst los, heute sind Röntgen, Ultraschall, Endoskopie und EKGs selbstverständlicher Bestandteil des Praxisalltags.“ Humanmediziner seien oft überrascht, dass Veterinäre diese Möglichkeiten nutzten, fügt Götz hinzu. Dabei werben Firmen wie Siemens mit der Hightech-Medizin für Tiere. Im Portfolio befinden sich zum Beispiel Magnetresonanztomographen (MRT) für eine strahlungsfreie Untersuchung und millimetergenaue Darstellung von veränderten Knochen und Weichteilen. Bandscheibenvorfälle, die bei Hunden häufig auftreten, lassen sich mittels MRT schnell diagnostizieren. Mit dieser Technik können Tierärzte außerdem Schäden am zentralen Nervensystem, an Wirbelsäule, Rückenmark und Gehirn untersuchen. Das gleiche gilt bei orthopädischen Beschwerden an Gelenken, Sehnen und Bändern. Vor der Tomographie werden die Tiere narkotisiert und fixiert, denn bewegen ist nicht erlaubt.

Dass sich viele Halter Hightech-Medizin für ihre Tiere wünschen, zeigt, wie sehr sie an ihnen hängen. Das beobachtet auch Pferdespezialist Götz bei seiner täglichen Arbeit: „Menschen haben heute eine sehr viel engere Beziehung zu ihren Haustieren als früher.“ Wohl auch aus diesem Grund haben die lebenserhaltenden und -verlängernden Maßnahmen in der Veterinärmedizin zugenommen. Unter anderem ist die Geriatrie als wichtiges Behandlungsfeld hinzugekommen. „Viele betrachten ihre Tiere als Gefährten und wollen sie lange gesund erhalten. Die Tiere werden folglich älter und bekommen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Um die Lebensqualität dieser Tiere zu erhalten, hat ein Fachgebiet wie die Geriatrie absolute Berechtigung“, erläutert Götz. Auch der Tierpsychologie räumt Götz einen wichtigen Platz ein. Beispiel Hund: „Die Leine hat immer zwei Enden. Oft haben die Halter wenig Ahnung davon, wie so ein Tier tickt und was es braucht. Hunde entwickeln dann schnell Neurosen“ – die auch für Andere gefährlich werden können. Ein Besuch beim Spezialisten für Verhaltenskunde kann das verhindern. So sinnvoll Götz die Innovationen und Erweiterungen seines Fachgebiets findet, Schluss sollte sein, wenn ein Tier leidet. An dieser Stelle kann die Zuneigung der Halter für Tiere zum Verhängnis werden. „Manchmal stellen die Halter die eigenen Bedürfnisse über das Leiden des Tieres und wollen es nicht gehen lassen. Das ist dann nicht mehr realitätsnah. Die Tiere werden vermenschlicht, das natürliche Verhältnis zur Natur und dem Geschöpf geht verloren“, erklärt der Tierarzt.

Lukrativer Markt

„Wer sonst begrüßt Sie nach einem harten Arbeitstag? Kuschelt mit Ihnen, wenn nichts so klappt, wie Sie es sich wünschen? Vertraut Ihnen und bewundert Sie aus ganzem Herzen? Na wer schon? Ihr bester Freund, der Hund.“ So lautet das Intro für den Bereich Hundegesundheit auf der US-Homepage des Pharmakonzerns Novartis. Für die Pharmaindustrie sind die Veterinärmedizin und die Futtermittelforschung ein lukrativer Markt. Entwickelt werden Therapien gegen die häufigsten Krankheiten von Haustieren, zum Beispiel interner und externer Parasitenbefall von Floh bis Wurm, arthritische Schmerzen sowie Nieren-, Herz- und allergische Erkrankungen. Der Besuch einer Tierapotheke im Internet zeigt aber, dass auch Produkte in den Verkauf gelangen, die über rein medizinische Bedürfnisse hinausgehen. Lang ist die Liste der Beruhigungsmittel, die zur Stabilisierung der nervlichen Belastbarkeit, etwa „bei Energiemangel oder erhöhtem Vitamin-B-Bedarf“ beitragen sollen. Auch im Angebot: Tropfen und Drops gegen Stress, Beruhigungspheromone als Pumpspray, Diätfuttermittel zur Reduktion des Übergewichts, Ernährungshilfen bei Adipositas oder Haarglanz-Tabs zur „Unterstützung der physiologischen Hautfunktion und Haarstruktur bei ernährungsbedingtem Mangel“. Werden hier Bedürfnisse geschaffen? Zum Teil ja, findet Götz: „Pharmafirmen werben in Fachzeitschriften intensiv für ihre Produkte. Sie suggerieren den Leuten, ihr Tier brauche diese Mittel für stärkere Gelenke oder schöneres Fell. Das setzt sich beim Praxisbesuch fort: Die Halter lesen oder hören etwas und wir Tierärzte geraten unter Druck, den Patienten eine Arznei zu geben, die aus medizinischer Sicht gar nicht notwendig ist.“ Probleme wie Übergewicht etwa bekomme man ganz unkompliziert mit mehr Bewegung und weniger Futter in den Griff. Auf kalorienreduzierte Produkte und andere Mittel könne man dann getrost verzichten, so der Veterinär.

Alte, neue Methoden

Ganzheitliche Therapiemethoden – im asiatischen Raum schon seit Jahrtausenden bekannt und genutzt – werden in der Veterinärmedizin immer häufiger angewendet. BPT-Präsident Götz begrüßt diese Entwicklung, findet aber, dass homöopathisch arbeitende Kollegen eine fundierte tiermedizinische Ausbildung absolviert haben sollten. „Es ist wichtig, sich in den Bereichen Diagnostik und Krankheitsbilder sehr gut auszukennen. Wenn diese Voraussetzung gegeben ist, unterstütze ich die Homöopathie. In der Behandlung von Pferden habe ich beobachtet, wie nützlich zum Beispiel die Akupunktur sein kann.“ Wie beim Menschen liegt einer der Vorteile dieser Behandlungsform darin, dass sie nebenwirkungsarm ist. Bei Sporttieren bringt das unter anderem den Vorteil, dass in manchen Fällen auf Medikamente verzichtet werden kann – denn fast alle stehen auf der Dopingliste. Die Theorie der Akupunktur ist bei Mensch und Tier die gleiche: Der Körper wird von Energieleitbahnen durchlaufen, die das Gleichgewicht aller Funktionen im Organismus beeinflussen. Bei einer Störung des Stroms können Krankheiten entstehen. Die Akupunktur versucht, einen reibungslosen Ablauf der Stoffwechselvorgänge zu ermöglichen. Das Behandlungsspektrum bei Tieren umfasst Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Arthrosen und Wirbelsäulenbeschwerden, aber auch Atemwegsinfektionen, Hautprobleme und Allergien. Eine weitere homöopathische Methode, die in der Veterinärmedizin häufig Anwendung findet, ist die Phytotherapie. Dabei werden Krankheiten mit Pflanzen und Kräutern, Tees und Aufgüssen sowie ätherischen Ölen behandelt.

Susanne Theisen
Freie Journalistin in Kölnet
SusanneTheisen@gmx.net



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