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16.07.14 / 00:01
Heft 14/2014 Medizin
Onkologie

Tumorkachexie – besonderer Risikofaktor bei Krebserkrankungen

Menschen, die vor der Diagnose eines Tumorleidens erheblich an Gewicht verloren haben oder die im Verlauf der Erkrankung eine sogenannte Tumor-kachexie entwickeln, haben im Allgemeinen eine eher schlechte Prognose. Deshalb forderten Experten beim Deutschen Krebskongress, einem Gewichts-verlust bei Krebspatienten frühzeitig und konsequent entgegenzuwirken.




Jede dritte Frau, bei der Brustkrebs festgestellt wird, jeder zweite Patient mit Darmkrebs und sogar 80 Prozent der Patienten mit Magen- oder Pankreaskarzinom geben an, vor der Diagnosestellung deutlich und ungewollt abgenommen zu haben. Wird anamnestisch ein solcher Befund erhoben, so ist dies – ebenso wie ein Gewichtsverlust unter der Krebstherapie – als eindeutiger und zusätzlicher Risikofaktor zu werten.

Denn eine Mangelernährung ist bei Tumorpatienten mit einer geringeren Therapietoleranz assoziiert, mit einer erhöhten Morbidität und auch Mortalität sowie mit einer geringeren Lebensqualität, berichtete Prof. Dr. Christian Löser aus Kassel beim Kongress in Berlin. Die Prävention wie auch Therapie einer Tumorkachexie ist aus seiner Sicht deshalb ein wichtiger Bestandteil der Krebsbehandlung.

Multifaktorielle Ursachen

Wie der Mediziner dar-legte, gibt es derzeit oft noch falsche Vorstellungen zu den Ursachen der Tumorkachexie. So wird weithin angenommen, es handele sich beim Krebsleiden um eine „konsumierende Erkrankung“ und die Gewichtsabnahme sei primär durch einen vermehrten Kalorienverbrauch bedingt. Doch die Tumorkachexie basiert keineswegs auf einem Hypermetabolismus, der Gesamtenergieumsatz ist bei Krebspatienten in aller Regel nicht erhöht.

„Tatsächlich sind die Ursachen weitaus komplexer“, erklärte Löser. Zum Tragen kommen verschiedene Faktoren wie eine reduzierte Nahrungsaufnahme infolge von Schmerzen, einer Dysphagie und anderen gastrointestinalen Störungen, und auch als Folge psychischer Belastungen und als Nebenwirkung der Chemo- und/oder Strahlentherapie.

Inflammation – Trigger für Gewicht- und Muskelabbau

Mindestens ebenso bedeutsam aber ist eine durch das Tumorwachstum ausgelöste chronische Inflammation. Sie setzt den Organismus unter einen zusätzlichen „katabolen Stress“ und leistet so ebenso wie die reduzierte Nahrungsaufnahme dem Gewichtsverlust und insbesondere dem Muskelabbau Vorschub. „Die Tumorkachexie ist eine inflammatorische Mangelernährung“, erklärte Löser. „Ihre Ursache ist ein Netzwerk sich gegenseitig verstärkender Einflussfaktoren.“

Die Behandlung der Patienten ist nach Angaben des Mediziners oft eine medizinische Herausforderung, denn die Situation ist deutlich komplexer als bei einer anderen, nicht tumorbedingten Unter- oder Mangelernährung. Als eine der wichtigsten Maßnahmen nannte Löser dabei ein entsprechendes Problembewusstsein. So ist bei allen Tumorpatienten von der Diagnosestellung an ein entsprechendes Screening wichtig. Die Patienten müssen explizit nach Gewichtsverlusten gefragt und über deren Bedeutung aufgeklärt werden beziehungsweise der Patient sollte den Arzt selbst davon unterrichten.

Der Ernährungsmediziner ist gefragt

Eine enge ernährungsmedizinische Betreuung sollte selbstverständlich sein. Dazu gehören neben dem konsequenten Screening eine professionelle Ernährungsberatung und eine frühzeitige ernährungsmedizinische Intervention, wenn es zu Gewichtsverlusten kommt. Die Ernährungstherapie sollte einem Stufenschema folgen, wobei es zunächst um die Evaluation der im individuellen Fall vorherrschenden Ursachen geht. Um den Gewichtsverlust aufzuhalten, ist eine individuelle Wunschkost angezeigt sowie eine Anreicherung der Nahrung mit Eiweißkonzentraten und Maltodextrin. Kann nicht ausreichend feste Nahrung verzehrt werden, ist eine Trink- und Zusatznahrung wichtig, wenn sich der Gewichtsverlust fortsetzt, auch eine supportive künstliche enterale oder sogar parenterale Ernährung.

Darüber hinaus sind laut Löser durch eine medikamentöse antiinflammatorische Therapie mit NSAR, Omega-3-Fettsäuren und Antioxidantien die Entzündungsreaktionen einzudämmen. Von entscheidender Bedeutung ist darüber hinaus ein regelmäßiges körperliches Training und gegebenenfalls sogar der Einsatz anaboler Substanzen, um den Verlust an Muskelmasse aufzuhalten.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln
info@christine-vetter.de



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