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16.01.05 / 00:11
Heft 02/2005 Zahnmedizin
Blend-a-med-Kongress

Über den Tellerrand geschaut

Das 13. Treffen für präventive Zahnheilkunde der Blend-a-med-Forschung nutzten wieder zahlreiche Zahnärzte und ihre Mitarbeiter, um ihr Wissen rund um Prävention und Zahnerhaltung auf den neuesten Stand zu bringen. Im Düsseldorfer CCD widmeten sich im November die Referenten dem Thema „Mundgesundheit und Allgemeinerkrankungen – Den ganzen Menschen sehen“ und beleuchteten aus unterschiedlichen Perspektiven die Wechselbeziehung von Zahn- und Allgemeinmedizin.




Die Zahl 13 sollte für die Organisatoren des Kongresses keine Unglückszahl sein: Regen Zuspruch fand das facettenreiche Programm, das dieses Mal durch beachtliche Interdisziplinarität glänzte. Psychologie, Ernährungswissenschaften und Allgemeinmedizin waren die Hauptforschungsgebiete einiger Experten, die die Zusammenhänge von Zahnerkrankungen und Allgemeinerkrankungen deutlich machten. Der häufig verwendete Ausspruch: „An jedem Zahn hängt auch ein Mensch“ brachte plakativ zum Ausdruck, dass viele psychische oder somatische Störungen verheerende Folgen für die Zahngesundheit haben können. Eine Erkrankung der Zähne beziehungsweise des Zahnhalteapparates wiederum kann auch Auswirkungen auf andere Körper- und Organfunktionen haben. Eine ganzheitliche Betrachtung des Patienten ist für den aufgeklärten Mediziner also unabdingbar, um mehr als eine Symptombehandlung vollziehen zu können.

Ernährungsverhalten und Zahnsubstanz

Welchen Einfluss das Ernährungsverhalten auf die Zahngesundheit hat, erläuterte PD Dr. Stefan Zimmer in seinem Vortrag. Dass Zucker nach wie vor Kariesauslöser Nummer eins ist, zeigen große epidemiologische Studien über fremde Volksstämme und über das Ernährungsverhalten in Kriegszeiten. Die Kariogenität des Zuckers hängt jedoch nicht allein von der Menge ab, sondern wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Ein hoher pH-Wert, bestimmte Proteine, Fette, Kalzium und Fluorid haben eine protektive Wirkung, während Säuren, eine hohe Retentivität der Speisen und in hoher Frequenz aufgenommene Stärken und Zucker zu Karies führen. Auch wenn der Referent allgemein sinkende DMFTWerte bei Zwölfjährigen vorstellen konnte, beklagte er bei rund zehn Prozent der Zweibis Dreijährigen das Vorkommen von Early Childhood Caries (ECC) und das Nursing Bottle-Syndrom (NBS), auch Nuckelflaschenkaries genannt. Ein konsequenter Gebrauch von zahnfreundlichen Produkten und Zuckeraustauschstoffen wie Xylit, Maltit und Sorbit könnten weitere Verbesserungen der Zahngesundheit bringen.

Der Potsdamer Ernährungswissenschaftler Professor Christian Barth referierte über den Zusammenhang von Allgemeingesundheit und Ernährung. Sein besonderes Augenmerk legte er hier auf die älteren und hoch betagten Mitbürger, die schnell Gefahr laufen, durch eine Mangelernährung vorzeitig zu versterben. Depressionen, Geschmacksverlust, Demenz und bestimmte Medikationen wirken sich negativ auf den Appetit alter Menschen aus. Darüber hinaus kann ein ungenügender Zahnstatus unbemerkt zu mangelhafter Nahrungsaufnahme führen, der Betroffene gerät in einen verschlechterten Allgemeinzustand und wird anfälliger für andere Krankheiten.  

Richtige Okklusion stärkt Körper und Geist

Auch verschiedene Aspekte der Okklusion sollten niemals isoliert betrachtet werden. Störungen des Muskelhalteapparates können sich negativ auf das Gebiss auswirken, andersherum hat ein schlechtes Gebiss auch Folgen für Kopf-, Gesichts- und Halswirbelsäulenmuskulatur. Prof. Dr. Ulrich Lotzmann, Marburg, präsentierte einige Fallbeispiele, anhand derer die Wichtigkeit einer genauen Ursachenfahndung bei schlechter Okklusion deutlich wurde. Nicht immer ist eine Korrektur erforderlich: Zum Teil kann die sogar „schlafende Hunde“ wecken. In vielen Fällen jedoch leiden Patienten unter Schmerzen der Halswirbelsäule, vor allem im dorsalen Muskelbereich. Für den Behandler ergibt sich bei aufwändigen Rekonstruktionen die Problematik, nur schlecht eine Unterkiefer/Oberkiefer-Relation bestimmen zu können. Denn schmerzende Muskulatur hat automatisch einen höheren Tonus, der auch die Kaumuskulatur beeinflusst.

Stress schwächt das Parodont

Ob Stress zu Parodontitis führen kann, war eine der Kernfragen im Vortrag der Psychologin PD Dr. rer. nat. Renate Deinzer, Düsseldorf. Einen schlagkräftigen Beweis gibt es bislang für diese Annahme nicht, da fast alle Humanstudien retrospektiv angelegt waren und im Tierexperiment widersprüchliche Ergebnisse publiziert wurden. In einer jüngeren Studie an studentischen Examenskandidaten zeigte sich ein erhöhtes, aber sehr komplexes PAR-Risiko. Eine wesentliche Ursache war nicht das Ausbleiben der Zahnreinigung, sondern eine geringere Gründlichkeit während psychischer Belastung. Auch die Wege einer effizienten Wissensvermittlung über Parodontopathien wurden von der Referentin untersucht: Bei studentischen Gruppen konnte sie bereits mit schriftlicher Aufklärung messbare Zahnpflegeerfolge erzielen.

Prof. Dr. Wolfgang Raab, Düsseldorf, thematisierte die Folgen von Allgemeinerkrankungen für die Zahnhartsubstanz. Er umriss kurz einige Ursachen für eine krankhafte Zahnentwicklung im frühen Kindesalter und wies außerdem auf die Schwere von Defekten durch Bruxismus oder Säureschäden bei Bulimie hin. Auch das Problem von Zahnschäden durch Bestrahlung in der Tumortherapie oder durch allgemeine Speichelflussstörungen diskutierte Raab ausführlich.

Prof. Dr. Dr. Sören Jepsen, Bonn, stellte den aktuellen Wissensstand über die Wechselwirkungen von Gingivitis/Parodontitis und Allgemeinerkrankungen vor. Dabei zeigte er auch die Schwierigkeiten beim Nachweis direkter Kausalzusammenhänge auf. Mit hohen Wahrscheinlichkeiten begünstigen Parodontalerkrankungen Herz-Kreislauf- Krankheiten oder Frühgeburten, eine saubere Beweisführung erfordert jedoch aufwändige Interventionsstudien. Des Weiteren wurde die Wechselbeziehung zwischen Parodontitis und Osteoporose beziehungsweise Diabetes diskutiert.

Wenn die Spucke wegbleibt

Einen ausführlichen Vortrag über das Problem Mundtrockenheit hielt Prof. Dr. Thomas Imfeld aus Zürich. Ist die wichtige Schutzfunktion des Speichels durch eine neurale oder Drüsenfunktionsstörung reduziert, kann es in Extremfällen bis zu 15 Mal schneller zu kariösen Läsionen kommen. Einige weit verbreitete Pharmaka, Strahlenschäden oder Alterungsprozesse führen zu Oligosialie oder noch gravierender zur Xerostomie. Die negativen Auswirkungen auf die Mundflora können ein bis zwei Läsionen im Monat verursachen. Eine Therapie mit fluoridhaltigen Kaugummis und Mundwässern wird ebenso empfohlen wie die Verwendung von glukose- und alkoholfreien Speichelersatzprodukten.

Dr. Dr. Thomas Beikler, Münster, referierte über Prophylaxemaßnahmen für Parodontium und Mundschleimhaut bei kranken Menschen. Risikopatienten mit Diabetes, HIV oder Medikamententherapie müssen frühzeitig erkannt werden, um eine zielorientierte Behandlung einzuleiten. Eine optimierte Schleimhautpflege, Infektionsprävention und eventuell eine Xerostomietherapie sollen die Situation stabilisieren, primär ist jedoch die Behandlung der Grunderkrankung maßgeblich.

Dr. Mario Lips
Schulstraße 3
12247 Berlin-Steglitz

 



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