sp
01.11.15 / 00:04
Heft 21/2015 Der besondere Fall ohne CME
Der besondere Fall

Überzähliger Zahnkeim direkt am Foramen mentale

Eine 50-jährige Patientin stellte sich mit seit etwa zwei bis drei Wochen bestehenden, nicht ausstrahlenden Schmerzen im Bereich des rechten Unterkiefers im Kiefer-Gesichtszentrum Frankfurt vor.




Die Schmerzen projizierten sich auf den Prämolarenbereich. Klinisch bestand keine Hypästhesie im Ausbreitungsgebiet des Nervus alveolaris inferior.

Palpatorisch zeigte sich eine etwa zehn Millimeter im Durchmesser messende, leicht druckschmerzhafte, derbe, nicht verschiebliche Schwellung vestibulär der Zähne 44 und 45. Die linguale Palpation des Unterkiefers zeigte einen unauffälligen Befund. Die Mundöffnung war nicht eingeschränkt, der Mundboden war nicht angehoben und der Unterkieferrand war vollständig durchtastbar. Die Zähne 47, 45, 44, 43, 42 und 41 reagierten positiv auf Kältereiz und waren weder perkussionsempfindlich noch gelockert. Der Zahn 45 wies eine Rezession auf (Abbildung 2).

Auffällig war eine rundliche Aufhellung mit einer halbkreisförmigen Verschattung

Im angefertigten Orthopantomogramm fiel eine rundliche Aufhellung mit einer randständigen, halbkreisförmigen Verschattung apikal des Zahns 45 auf. Die Aufhellung projiziert sich in den Bereich des rechtsseitigen Foramen mentale (Abbildung 1). Zur genauen Identifikation der Lage und der radiologischen Dignität des Prozesses wurde eine dreidimensionale Bildgebung mittels einer Computertomografie ohne Kontrastmittelgabe durchgeführt. Hier zeigte sich ein rundliches Areal einer Osteolyse mit einem Durchmesser von etwa 1,5 cm lingual-kaudal des Foramen mentale. Die Osteolyse wies in der koronaren Schnittebene eine randständige, solitäre, röntgendichte Veränderung auf. Die Dichtewerte der Struktur waren am ehesten mit einer überzähligen Zahnanlage in Regio 44/45 vereinbar (Abbildungen 3 und 4).

Aufgrund des Beschwerdebildes der Patientin und des radiologischen Befunds sowie der komplexen anatomischen Lage des Zahnkeims zum Nervus mentalis wurde mit der Patientin eine Entfernung der überzähligen Zahnanlage in Allgemeinanästhesie vereinbart.

Es erfolgten eine vestibuläre Wechselschnittführung von Regio 42 bis Regio 46 und die Präparation eines Mukoperiostlappens. Des Weiteren erfolgte eine Darstellung und Neurolyse des Nervus mentalis. Der Verlauf des Nervus alveolaris wurde piezochirurgisch in seinem Verlauf dargestellt und der Nerv lateralisiert. Es zeigte sich eine dunkle, zystische Wandstruktur um den Zahnkeim (Abbildung 5).

Zahnsäckchen und Zahnkeim wurden eingeschickt

Nach Eröffnung des zystischen Hohlraums entleerte sich eine gallertartige Masse. Das Zahnsäckchen wurde vollständig entfernt und zur pathohistologischen Untersuchung eingeschickt. Der nun einsehbare Zahnkeim konnte mittels Luxation mit einem kleinen Hebel nach Beck ohne weitere Osteotomie entfernt werden (Abbildungen 6 und 7). Auch dieser wurde zur pathohistologischen Untersuchung eingeschickt. Die osteotomierten Knochenanteile wurden nach der Entfernung des Zahnkeims und der Rückverlagerung des Nervus mentalis zur Beschleunigung der Knochenheilung kompressionslos reponiert und im Knochen verkeilt. Der Wundverschluss erfolgte mit Vicryl 4–0.

Der pathohistologische Befund ergab einen überzähligen Zahnkeim sowie Bindegewebe mit chronisch fibrosierender Entzündung und fragmentierten Knochenanteilen. Die postoperativ bestehende Hypästhesie im Ausbreitungsgebiet des N. alveolaris inferior rechtsseitig war im weiteren Verlauf von mehreren Wochen rückläufig. Das postoperativ durchgeführte Orthopantomogramm bestätigte die vollständige Entfernung des Zahnkeims. Die Patientin war abschließend – im Vergleich zur präoperativen Situation – völlig beschwerdefrei.



Mehr zum Thema


Anzeige
Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können