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01.04.06 / 00:15
Heft 07/2006 Titel
ahnmedizin in der Karikatur

Unterm Strich

Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr, hat Christian Morgenstern gesagt. Damit hatte er Recht. Die meisten Karikaturen kann man nur in ihrem historischen und politischen Zusammenhang verstehen. Genau das macht sie zu Fenstern in die Vergangenheit. Auch die Zahnmedizin ist im Laufe der Jahrhunderte oft unter den Strich der Karikaturisten geraten.




Ein Jahrmarkt. Riesige Backenzähne baumeln an einer Schnur über einer Schaubühne. Sie ist das Behandlungszimmer des Zahnbrechers. Ein Werbeplakat im Hintergrund verkündet, er sei einst Zahnarzt des „Großen Moguls“ gewesen.

Den Patienten kümmert das wenig. Er windet und wehrt sich, während ihm der Zahn gezogen wird. Den Blicken der Zuschauer ist er schutzlos ausgeliefert. Manche lachen schadenfroh, andere beobachten das Geschehen fasziniert. Ein Mann hält sich ängstlich die dicke Backe – er ist wohl als nächster dran. Der Kupferstich von Adrien-Victor Auger aus dem Jahr 1817 ist exemplarisch für die zahnärztliche Karikatur des 16. bis beginnenden 19. Jahrhunderts: Ein zwielichtiger Zahnbrecher malträtiert Patienten vor einer schaulustigen Menge. Dass seine Methoden dabei als unsanft und sein Äußeres als unsympathisch beschrieben werden, lässt auf eines schließen: sein Ruf in der Bevölkerung war schlecht.

Angst und Ärger

Karikaturen sind Bildkommentare. Sie drücken Meinungen aus und messen Stimmungen. Das gilt nicht nur für die nationale und internationale Politik. Sie spiegeln auch das gesellschaftliche Ansehen von Einzelpersonen oder Gruppen. Objektivität ist dabei kein Kriterium. Im Gegenteil: Karikaturen beziehen Stellung, sie polemisieren, regen zum Lachen oder zum Nachdenken an. Die Technik der Darstellung – ob coloriert oder schwarz-weiß, Zeichnung oder Kupferstich – spielt dabei keine Rolle. Hauptsache, die Aussage kommt an. Als Thema eignet sich alles, was Menschen Angst macht, was sie bewegt oder ärgert. Zu den ältesten Ärgernissen der Welt gehört der Zahnschmerz. Und eine große Angst ist die vor seiner Behandlung.

Vorsicht Quacksalber

Die Zahnheilkunde erstrahlte dank der Methoden der umherziehenden Zahnbrecher nicht im allerbesten Licht. Zu Recht, denn ihre Qualifikation war oft fragwürdig. Sie mussten weder Prüfungen ablegen, noch Diplome vorzeigen. Zähne wurden auf alle möglichen Arten gezogen: mit bloßen Händen, Zangen, Pelikanen oder Schlüsseln. Betäubung: Fehlanzeige. Die Wahrscheinlichkeit, dass man bei den umherziehenden Behandlern an einen schlecht ausgebildeten Quacksalber oder Scharlatan geriet, war groß. Lief die Behandlung schief, konnte man den Schuldigen nicht einmal zur Verantwortung ziehen. Denn wenn der Jahrmarkt zu Ende war, brachen auch die Zahnbrecher ihre Zelte ab und zogen weiter. Die negativen Karikaturen lassen auf den Ärger derjenigen schließen, die schlecht behandelt zurückblieben.

Neben Fachwissen mangelte es den Scharlatanen auch in anderen Bereichen an Seriosität. Schon eine der ersten zahnärztlichen Karikaturen von dem Holländer Lucas van Leyden aus dem Jahr 1523 nimmt dieses Manko aufs Korn (siehe Seite 40): Während der Zahnbrecher einen sichtlich gequälten Mann behandelt, greift eine Frau – vermutlich arbeitet sie mit dem Zahnbrecher zusammen – in die Tasche des abgelenkten Patienten und stiehlt sein Geld. Zum Schein macht sie ein mitleidiges Gesicht.

Um die Bevölkerung vor solchen Betrügereien zu schützen, gab es um 1700 die ersten Versuche, die Zahnheilkunde in gesetzliche Bahnen zu lenken. Im Jahr 1685 wurde in Preußen und Brandenburg ein Edikt erlassen: Wer als Zahnbehandler arbeiten wollte, musste sich vorab von einer Kommission prüfen lassen. In die Praxis umsetzen ließ sich der Beschluss jedoch nur schlecht.

Ein Job – viele Anwärter

Wer sich offiziell als Zahnheilkundiger bezeichnen durfte, war noch im 19. Jahrhundert unklar. Viele Gruppen übten die Aufgabe parallel aus. Zu wem die Patienten gingen, war eine Frage des Wohnorts und des Geldes. Diese Ungleichheit wird in einer Serie von drei Kupferstichen aus dem Jahre 1785 thematisiert: Der „Hob and Stage Doctor“ gehört zu den fahrenden Zahnbrechern – seine Methoden sind bekannt. In ländlichen Gebieten wurde das Zähneziehen auch oft in die mehr oder weniger sanften Hände des örtlichen Schmieds gelegt, wie der Stich „The Country Tooth Drawer“ zeigt. In starkem Kontrast zu beiden steht der vornehme „Town Tooth Drawer“. Mit Schaubühne und Werkstatt haben sein gepflegtes Behandlungszimmer und die vornehmen wie wohhabenden Patienten nichts mehr gemein.

Stadtzahnärzte, wie sie der „Town Tooth Drawer“ beschreibt, gehörten den Badern, Chirurgen oder Barbieren an. Sie übten die Zahnmedizin als Handwerk aus und hatten zusätzlich andere Dienstleistungen, wie Aderlässe oder die Herstellung von Perücken, im Angebot. Erst im 18. Jahrhundert, als sich die Zahnheilkunde zum eigenständigen Fach entwickelte, nahmen sie nach und nach die Bezeichnung Zahnarzt an. In diese Zeit fallen auch erste gesetzliche Regelungen zur Approbation: Wer den Beruf ausüben wollte, musste entweder studieren oder zu einem Zahnarzt in die Lehre gehen. Zugelassene blieben jedoch lange der Einzelfall, in Preußen gab es im Jahr 1880 zum Beispiel nur 251, die meisten lebten und arbeiteten in Berlin. Der Großteil der Patienten musste sich also weiterhin den einfachen Badern, dem örtlichen Hufschmied oder den herumziehenden Scharlatanen anvertrauen.

Dramatik des Augenblicks

Die Arbeitsweise der Zahnärzte hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Brutale Extraktionen blieben in der Karikatur jedoch an der Tagesordnung. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die zahnärztliche Karikatur lebt von der Dramatik des Augenblicks, in dem ein Zahn gezogen wird. Die Patienten sind der Prozedur hilflos ausgeliefert. Meist schauen sie verschreckt drein und trauen ihrem Zahnarzt nicht so recht über den Weg. Die Angst vorm Behandler – egal ob Scharlatan oder Approbierter – zieht sich wie ein roter Faden durch die zahnärztliche Karikatur. Dem Image des Berufsstands hat das erheblichen Schaden zugefügt. Eine Verschwörung der Karikaturisten? Wohl kaum. Hinter den Schreckensvisionen steckt vielmehr die tief sitzende Angst vor der Zahnbehandlung. Auch heute fühlen sich viele Menschen allein beim Gedanken daran unwohl. Klar, dass die Karikatur als subjektives Medium diese Angst aufgriff. Sie war eine Möglichkeit, dem vermeintlichen Peiniger eins auszuwischen und ihn so zu diskreditieren. Dem eigenen Selbstbewusstsein gab das Auftrieb. Am eigentlichen Problem – der Angst vorm Zahnarzt – änderte diese Art des Aggressionsabbaus allerdings nichts.

In vielen Karikaturen ähnelt die Zahnbehandlung daher einem Zweikampf: Die Patienten rudern mit Armen und Beinen und müssen vom Zahnbehandler festgehalten werden. Der kommt dabei regelmäßig schlecht weg: vom gefühllosen Zahnbrecher bis hin zum brutalen Sadisten – alle Schattierungen des Grauens sind möglich. Zum Vorteil der Künstler konnte die Zahnmedizin ohne Probleme karikiert werden. Sie unterlag keinem Tabu, denn obwohl der Zahnschmerz unerträgliche Ausmaße annehmen kann, ist er im Gegensatz zu anderen Krankheiten nicht lebensbedrohlich. Der Phantasie waren also keine Grenzen gesetzt. Als der Berufsstand im Laufe des 19. Jahrhunderts an Seriosität und Selbstbewusstsein gewann, mussten die Zeichner jedoch umschwenken. Mangelnde Professionalität konnte man den Zahnärzten jetzt immer seltener vorwerfen. Die Patienten hingegen blieben weiterhin eine dankbare Zielscheibe.

Der hohle Zahn

Dicke Wange und um den Kopf eine Tuchbinde mit möglichst langen Zipfeln, so sieht in der Karikatur der typische Zahnschmerzgequälte aus. Im Wartezimmer des Arztes geht er vor Schmerz die sprichwörtlichen Wände hoch und der Behandlung, die ihm noch schlimmer erscheint als die Krankheit selbst, versucht er, mit allen Mitteln zu entgehen. Zum Beispiel indem er sich hinter seiner Zeitung versteckt und den Aufruf des Arztes überhört. Häufig nimmt er vor der Behandlung sogar ganz Reißaus. Souverän ist das nicht, aber komisch. Und für die Feder des Karikaturisten geradezu ideal. Wilhelm Busch widmete dem Zahnschmerz 1863 eine ganze Bildergeschichte. In „Der hohle Zahn“ zeigt er die erfolglosen Versuche des Bauern Friedrich Kracke, sein Leiden mit Hausmitteln zu kurieren. Er probiert es mit Rauch und Schnaps, jedoch „das Übel will nicht weichen“, schreibt Busch. Auch herausschwitzen lässt sich der Schmerz nicht. Dem verzweifelten Kracke bleibt schließlich nur der Gang zum Fachmann. Der fackelt nicht lange und geht „lächelnd“ daran, den Kranken von seinen Schmerzen zu befreien. „Ruhig und besonnen“ zieht er den Zahn. Gegenüber den einfältigen Versuchen Krackes lässt ihn das noch seriöser erscheinen. Für den hohlen Zahn bietet der Arzt seine Dienste jedoch nicht an – zum Schluss muss Kracke einige Taler Honorar zahlen.

Geld war stets ein Kritikpunkt der zahnärztlichen Karikatur. Schmerzen ertragen zu müssen erschien Künstlern wie Patienten schlimm genug. Dafür auch noch ein Honorar hinzublättern, machte die Sache doppelt ärgerlich. Zeichnungen zu diesem Thema verschwanden erst im Jahr 1911, als Zahnbehandlungen durch die Reichsversicherungsordnung abgedeckt wurden. Mit dem steigenden Einkommen der Zahnärzte nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Kritik daran jedoch wieder zu.

Die Wurzel des Übels

Karikaturisten entdeckten die Zahnmedizin früh als Metapher für die große Politik. Voraussetzung war natürlich die Pressefreiheit. In Deutschland wurde sie erst nach der Märzrevolution 1848 durchgesetzt, in England und Frankreich schon früher. Durch ihre Eigenschaft, die Realität zu überzeichnen und zu verzerren, konnte sie die aktuelle politische Lage besonders treffend kommentieren. Besonders beliebt war das Bild der Extraktion. Vielfältig verwendbar konnte es zum Beispiel herangezogen werden, um Steuer- oder Abgabenerhöhungen zu kritisieren: Der Zahnarzt „Regierung“ zieht dem Patienten „Steuerzahler“ noch den letzten Zahn.

Umgekehrt können aber auch die Mächtigen in die Mangel genommen werden. Je verhasster der Regent, desto brachialer die Behandlungsmethoden. Häufig illustrierte die Extraktion auch Kriege: Stellvertretend für seine Nation zieht ein Soldat oder Feldherr dem Gegner einen Zahn. Frei nach dem Motto: das Übel muss mit der Wurzel herausgerissen werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden Bildkommentare zu diesem Thema seltener. Allgemein nimmt die Zahl der Zeichnungen in dieser Zeit ab, weil die Karikatur-Magazine allmählich aus den Regalen verschwinden.

Ohne Schmerz kein Scherz

Seit der Schaubühne des Zahnbrechers ist viel Zeit vergangen. Technische und wissenschaftliche Innovationen haben die Zahnmedizin verändert. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden große Fortschritte auf dem Gebiet der Anästhesie erzielt, ab 1920 war die lokale Betäubung Standard. Eine schmerzlose Extraktion war für die Karikatur aber, im wahrsten Sinne des Wortes, witzlos. Hinzu kam, dass die Zeichner hinter Lachgas, Äther und Chloroform zunächst eine Gefahr witterten. Ihre medizinische Wirkung war noch nicht vollständig erprobt. Außerdem erschien es unklug, in Gegenwart eines Zahnarztes bewusstlos zu sein. Man erinnere sich nur an die diebische Helferin des Zahnbrechers. Trotzdem, es dauerte nicht lange, bis die Karikaturisten der Erfindung eine komische Seite abgewannen, insbesondere dem Lachgas. Karikaturen darüber wurden zum Dauerbrenner. Außerdem beliebt waren herausfallende Prothesen oder verrückt spielende Bohrer. Einfach alles, was menschliche Missgeschicke nach Slapstickmanier aufgreifen konnte, eignete sich.

In den 1950er Jahren erschienen Bildwitze dieser Art fast nur noch in Fachmagazinen, allen voran in der „Zahnärztlichen Praxis“. Es setzte ein Trend zur Trivialisierung ein. Neuerungen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Kariesprophylaxe oder der Röntgendiagnostik, wurden kaum beachtet. Die Zeichner passten allenfalls Arbeitskleidung und Behandlungszimmer der Realität an: Um 1920 tauschte der Zahnarzt den Samtrock gegen einen weißen Kittel. Die Praxis verliert ihren Wohnzimmercharakter und wird – den Anforderungen der Asepsis entsprechend – steril.

Einen lückenlosen Rückblick auf die Berufsgeschichte sucht man in der zahnärztlichen Karikatur vergeblich. Als Chronik ist sie nutzlos. Aber ihr Wert als Meinungsspiegel ist erheblich, ihre Symbolkraft bis heute ungebrochen. Denn obwohl die Zeit der Scharlatane vorüber ist, hat sich an einem Punkt wenig geändert: der Angst des Patienten vor der Behandlung. Wo unterm Strich genau die empfindlichen Stellen liegen, erfahren Zahnärzte nirgends so schnell wie in der zahnärztlichen Karikatur.

Stichwort Karikatur

Eine Karikatur ist die überzogene und verzerrte Darstellung von Sachverhalten oder Menschen. Der Begriff stammt vom lateinischen Verb „caricare“ – übertreiben – ab. Die Portraitkarikatur entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das italienische Brüderpaar Agostino und Annibale Carraci verlegte sich darauf, die „von der Naturgegebenen unförmigen Teile“ ihrer Mitmenschen auf dem Papier so zu betonen, dass sie die Betrachter zum Lachen brachten: Krumme Nasen wurden noch krummer, dicke Bäuche noch dicker.Politisch wurde die Karikatur im 18. Jahrhundert. Zunächst in England, wo die Presse seit der Glorious Revolution von1688 frei war. In Frankreich setzte die Entwicklung erst im Zuge der Französischen Revolution (1789) ein. In Deutschland brachte die Märzrevolution im Jahr 1848 der Presse die Freiheit und der Karikatur die politische Würze. Wichtige Zeitschriften waren „Kladderadatsch“(1848) und „Simplicissimus“ (1896).Voraussetzung für den Erfolg der Karikatur war der technische Fortschritt. In der Reformationszeit ermöglichten Holz-schnitt und Kupferstich ihre massenhafteVerbreitung. Die Erfindung der Lithographie im Jahr 1798 machte die Herstellung noch billiger.

zm-Interview

Tipps vom Profi

Seit über zehn Jahren sammelt Dr. Wolfgang Busch aus dem hessischen Biedenkopf-Wallau zahnärztliche Karikaturen. Worauf es bei diesem Hobby ankommt, verrät er hier:

zm: Wo kaufen Sie Antiquitäten?

Busch: In speziellen Galerien oder auf Auktionen. eBay ist eine gute Adresse. Ebenso das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (www.zvab.com) oder Antikhändler und -märkte.

zm: Worauf müssen Sammler achten?

Busch: Man muss sich auf einen Bereich konzentrieren, sonst hat man irgendwann keine Sammlung, sondern ein Sammelsurium. Und: Masse ist nicht gleich Klasse. Anstatt wahllos alles zu kaufen, was man findet, sollte man lieber weniger, dafür aber qualitativ hochwertige Objekte kaufen. Denn die behalten auf lange Sicht ihren Wert.

zm: Was bestimmt den Preis bei zahnärztlichen Antiquitäten?

Busch: Bei Instrumenten zählt neben Alter, Zustand, Vollständigkeit, Material und Seltenheitswert auch, ob es sich um ein Original handelt und ob es fachgerecht restauriert wurde. Bei Bildern ist es wichtig zu wissen, ob man ein Original hat und ob es signiert ist. Kupferstiche sind in der Regel älter und seltener als Lithographien – und deshalb teurer. Letztlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Außergewöhnliche Dinge haben einen ebensolchen Preis.

zm: Lernt man über das Sammeln Kollegen kennen?

Busch: Ja, denn fast immer sind andere Sammler in diesem Bereich auch Kollegen. Man tauscht sich über das Hobby und die verschiedenen aktuellen Probleme des Berufsstandes aus.

zm: Was lehren Sie die Antiquitäten über Ihren Beruf?

Busch: Dass ich einen herrlichen Beruf habe – allen gesundheitspolitischen Querelen zum Trotz. Er ist aus jämmerlichen Anfängen entstanden und befindet sich heute auf einem unglaublichen Niveau.



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