zm-online
16.02.06 / 00:15
Heft 04/2006 Medizin
Kaltes Wasser dämpft die Schmerzen

Verbrennungen und Verbrühungen

Das Wort „Verbrennung“ täuscht. Die meisten Kinder, die mit Brandwunden zum Arzt müssen, haben sich nicht durch Feuer, sondern durch Wasser „verbrannt“. Acht von zehn brandverletzten Kindern haben sich am Herd verbrüht oder – ein Alptraum aller Mütter – eine Kanne mit heißem Kaffee oder Tee vom Tisch gerissen. Die gute Nachricht gleich vorweg: Die Häufigkeit solcher Unfälle hat in letzter Zeit erfreulich abgenommen. Dennoch bleiben Brandverletzungen im Kindesalter extrem stressige und schmerzhafte Ereignisse mit oft langwierigen Folgen für Körper und Seele.




Der Rückgang von Verbrühungen geht zu einem beträchtlichen Teil auf das Konto der verbesserten oder vereinfachten Ausstattung moderner Haushalte, konstatiert Professor Dr. Thomas Nicolai, Intensivmediziner der von Haunerschen Universitäts-Kinderklinik München in der „Monatsschrift für Kinderheilkunde“. Kaffee oder Tee werden heute häufiger in einer Thermoskanne aufgehoben, außerdem verzichten viele Eltern auf Tischdecken im Kinderhaushalt. Professor Nicolai fügt hinzu: „Ebenfalls seltener geworden ist das Auftreten großflächiger Verbrühungen durch den Sturz in heißes Badewasser. Durch die Verwendung von Thermostaten und Mischbatterien ist es unmöglich geworden, kochendes Wasser in eine Badewanne zu füllen und dann mit kaltem Wasser nachzuverdünnen. Dieses Vorgehen hatte früher immer wieder zu schwersten Badeunfällen geführt.“

Kein Eiswasser nehmen

Für die Behandlung von Verbrühungen gilt die gleiche Faustregel wie für alle Verbrennungsverletzungen: Die verbrannte Stelle muss möglichst sofort unter fließendem kalten Wasser gekühlt werden (kein Eiswasser, sondern normales Wasser aus der Wasserleitung). Die Kühlung ist selbst fünf bis zehn Minuten später noch nützlich und schmerzlindernd. Sie verhindert eine Ausdehnung der Hitzeeinwirkung auf tiefere Gewebeschichten. Außerdem wird der Schmerz betäubt und die Gefahr späterer Komplikationen verhindert. Die Kühlung sollte mindestens zehn bis 15 Minuten andauern, bei kleineren Verbrennungen so lange, bis der Schmerz nachlässt. Die Kaltwasserbehandlung kann auch mit nasskalten Umschlägen fortgesetzt werden.

Bei großflächigen Verbrühungen zum Arzt

Wichtig: Hat sich das Kind eine Verbrennung zugezogen, die größer ist als sein eigener Handteller, muss es ärztlich behandelt werden! Sind bei einem Kind unter vier Jahren mehr als acht Prozent der Hautfläche verbrannt (bei Kindern über vier: mehr als zehn Prozent), muss das Kind ins Krankenhaus. Das gilt übrigens auch für alle Verbrennungen der Hände oder Füße und auch für Verbrennungen über Gelenken, im Gesicht und an den Genitalien.

Nach einer Verbrühung sollte die noch heiß durchtränkte Kleidung so schnell wie möglich beseitigt werden. Hat sich das Kind dagegen durch direktes Feuer verbrannt, wird sich die Kleidung erst nach einer Kaltwasserbehandlung entfernen lassen. Je jünger das Kind, desto eher gehört es bei einem Brandunfall ins Krankenhaus. Für den Transport in die Klinik genügt es, das verletzte Kind mit sauberen Küchentüchern oder gekochter Wäsche einzupacken.

Schmerzmittel gegen die Traumatisierung

Kinder, die einen Verbrennungsoder Verbrühungsunfall erlitten haben, benötigen intensive schmerzstillende Maßnahmen, um chronische Spätfolgen des traumatischen Erlebnisses möglichst zu verhindern, betont Professor Nicolai in der „Monatsschrift für Kinderheilkunde“. Das werde jedoch häufig vernachlässigt: „Da das Verbrennungsoder Verbrühungsereignis einen extremen Stress darstellt, sind die Kinder häufig still, in sich zurückgezogen und verschüchtert und äußern wenig Schmerzen. In einer kürzlich publizierten Untersuchung stellte sich heraus, dass Kleinkinder mit Verbrennungen nur zu 50 Prozent überhaupt eine Analgesie (= Schmerzbehandlung) erhielten, während dies bei Schulkindern immerhin 75 Prozent waren.“

Als ein besonders schmerzhaftes Problem entpuppt sich im Zuge der Behandlung von Verbrennungswunden der Verbandwechsel. Professor Nicolai: „Wegen der mangelnden Einsichtsfähigkeit insbesondere von Kleinkindern und der großen Schmerzhaftigkeit sind eine ausreichende Analgesie beziehungsweise Narkose erforderlich. So verhindert man eine Fixierung des Schmerzerlebnisses durch wiederholte Traumatisierung in der gleichen Körperregion.“ Das könnte nämlich zu einer Festigung der Angstsymptomatik führen.

Um solchen psychischen Prozessen vorzubeugen, sollten schmerzhafte Eingriffe im Wundgebiet außerdem nicht im Krankenzimmer des Kindes, sondern in einem separaten Raum durchgeführt werden, empfiehlt der Münchner Intensivmediziner: „Dadurch wird das Krankenzimmer zum sicheren Bezirk, in dem keine größeren Schmerzen zu erwarten sind, während die schmerzhaften oder angstbesetzten Eingriffe mit definierten anderen Räumen und Situationen assoziiert werden“.

Von großer Bedeutung sind die Information und das Miteinbeziehen der Eltern in die notwendigen schmerzhaften Maßnahmen. Ihre Beruhigung und das Erklären des zu erwartenden Vorgehens führen zur Entspannung der stressigen Situationen und auch zur Beruhigung des verängstigten kleinen Patienten.

Lajos Schöne
Gerstäckerstr.9 81827 München
Schoene.Lajos@gmx.de



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