HANNA HERGT / SONJA SCHULTZ
01.01.16 / 00:07
Heft 01/2016 Titel
Dr. Janusz Rat - Vorstandsvorsitzender KZVB

"Versorgungsqualität auf dem Altar des Preiskampfs geopfert"



privat

Herr Rat, welche Erfahrungen haben Sie bislang mit Auktionsportalen für Zahnersatz gemacht?
Dr. Janusz Rat:
Auktionsportale spielen keine nennenswerte Rolle bei der Suche nach einem Zahnarzt. Die meisten Patienten halten ihrem Behandler über viele Jahre und Jahrzehnte die Treue – auch wenn sie eines Tages Zahnersatz benötigen. Und das ist auch gut so. Denn der Zahnarzt des Vertrauens kennt den Patienten, seinen Gebisszustand und eventuelle Vorerkrankungen.

Wie reagieren Zahnärzte auf diese Option? Welche Risiken bergen die Portale Ihrer Meinung nach?
Die bayerischen Zahnärzte halten nichts von Auktionsportalen. Wir sind für Wettbewerb, aber für einen Qualitäts- und nicht für einen Preiswettbewerb. Deshalb halten wir solche Portale auch für gefährlich. Eine zahnmedizinische Behandlung ist keine Ware, die man im Internet versteigern kann. Das würden Sie ja bei einer Hüft-OP oder bei einem Herzschrittmacher auch nicht machen. Es ärgert mich deshalb sehr, wenn einige Krankenkassen ihren Versicherten solche Portale empfehlen. Das BGH-Urteil zur Zulässigkeit von Zahnersatzversteigerungen im Internet ist mir völlig unverständlich. Da haben Richter die Versorgungsqualität auf dem Altar des Preiskampfs geopfert.

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen für Zahnersatz nur den Festzuschuss, Patienten müssen häufig hohe Zuzahlungen in Kauf nehmen – ohne eine objektive Möglichkeit der Überprüfung. Was könnte der Gesetzgeber Ihrer Meinung nach unternehmen, um das Abrechnungssystem zu verbessern?
Die 2005 eingeführten Festzuschüsse waren politisch gewollt und wurden damals auch mit der Zahnärzteschaft abgestimmt. Sie sollen die Eigenverantwortung des Patienten fördern und für eine gerechte Mittelverteilung sorgen, wenn Zahnersatz benötigt wird. Würden die Festzuschüsse erhöht, würde dies manchem Patienten die Entscheidung erleichtern und die Zahntechnik würde wieder mehr in Deutschland gefertigt.

Ich wehre mich jedoch gegen die Aussage, der Patient könne Zuzahlungen nicht überprüfen. Selbstverständlich hat er das Recht, seinen Heil- und Kostenplan zu hinterfragen. Auch die zahnärztlichen Körperschaften stehen dem Patienten beratend zur Seite. Unsere Beratungsstelle beantwortet jedes Jahr Tausende von Patientenanfragen. Und auch unsere Zahnarzt-Zweitmeinung ist eine Erfolgsgeschichte. Fakt ist aber auch: Wir können nicht mehr alles für alle über das Solidarsystem der gesetzlichen Krankenversicherung finanzieren. Eine private Zahnzusatzversicherung ist eine sinnvolle Ergänzung, wenn absehbar ist, dass ein Patient eines Tages Zahnersatz benötigt.

Gesundheitsexperten bemängeln, dass Patienten den Heil- und Kostenplan oftmals nicht verstünden. Was kann der einzelne Zahnarzt hier tun?
Ich verstehe meine Steuererklärung auch nur teilweise. Das haben Formulare nun einmal so an sich. Umso wichtiger ist das persönliche Gespräch zwischen Zahnarzt und Patient. Hier gibt es vereinzelt noch Defizite im Berufsstand. Die Kostenaufklärung ist ebenso wenig eine delegierbare Aufgabe wie die fachliche Aufklärung. Die Kolleginnen und Kollegen müssen persönlich über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten aufklären und dem Patienten sagen, welche Kosten in Euro und Cent auf ihn zukommen.

Welche Rolle spielen die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherer, die zum Teil auch als Partner der Portale auftreten?
Die Krankenkassen wollen – egal ob gesetzlich oder privat – immer mehr vom Payer zum Player werden. Das sieht man aktuell an den Gesundheitsapps, mit denen einige Versicherungen ihren Mitgliedern einen gesunden Lebensstil aufzwängen wollen. Big Brother lässt grüßen! Es ist aber nicht die Aufgabe der Kassen und Versicherungen, den Patienten in seiner Entscheidung zu beeinflussen. Nur ein Zahnarzt kann beurteilen, welche Therapie für welchen Patienten geeignet ist und welches Labor. Eine Kooperation von Krankenversicherern mit Auktionsportalen ist deshalb kategorisch abzulehnen. In erster Linie geht es da um den Preiskampf zwischen deutscher und ausländischer Zahntechnik. Das schadet der deutschen Wirtschaft. Und es läuft letztlich auf eine Abwerbung von Patienten hinaus. Langfristig ist dann abzusehen, dass die Krankenkassen eine Absenkung der Festzuschüsse fordern werden, denn die Zahntechnikkosten sind in den Festzuschüssen nach der deutschen Höchstpreisliste BEL kalkuliert.



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