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01.12.07 / 00:15
Heft 23/2007 Leitartikel

Versozialrechtlichung? Abgelehnt!



Foto: BZÄK

Sehr verehrte Frau Kollegin,
sehr geehrter Herr Kollege,

mit Sorge betrachtet die Zahnärzteschaft die zunehmende Fremdbestimmung des Gesundheitswesens, die Versozialrechtlichung des Berufsstandes, die Vermischung der Rechtskreise von Sozial- und Berufsrecht und die Bematisierung der GOZ. Das alles zwängt uns Zahnärzte in ein immer enger werdendes Korsett. Der Freie Beruf des Zahnarztes wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Umso notwendiger ist es, dass wir unser freiberufliches Denken und Handeln verdeutlichen. Auf dem Deutschen Zahnärztetag in Düsseldorf, der stattfindet, während dieses zm-Heft gerade im Druck ist, gehört dieser Aspekt zu den Kernthemen.

Nach wie vor ist die Leistungserbringung in fachlicher und wirtschaftlicher Unabhängigkeit ein wesentlicher Faktor für die Selbstbestimmung und Qualität der medizinischen und zahnmedizinischen Berufsausübung. So hat erst jüngst wieder eine Studie unter Ärzten ergeben, dass sich diese zu 80 Prozent ihre künftige Tätigkeit nur in Freiberuflichkeit vorstellen können. Das gilt so auch für die Zahnärzteschaft.

Eine Grundvoraussetzung für die Freiberuflichkeit ist auch eine freie private Gebührenordnung. Was die gegenwärtigen Novellierungsdiskussionen angeht, gibt es zunächst einige gravierende Geburtsfehler. Die GOZ wird von Staats wegen „erlassen“ (und nicht etwa parlamentarisch beschlossen) und bedarf der Zustimmung der Ministerpräsidenten. Die Natur des Vorgehens beinhaltet, dass dem zahnärztlichen Berufsstand in diesem Prozess eine Statistenrolle zukommt. Es bedurfte schon erheblicher Anstrengungen und viel Phantasie, um uns hier aktiv ins Spiel zu bringen.

Das geschah durch unseren fundierten, soliden Vorschlag der HOZ. Er ist von Seiten der Wissenschaft untermauert sowie betriebswirtschaftlich sauber durchkalkuliert. Wir haben die HOZ allen relevanten Stellen vorgelegt und in die politische Gremienarbeit eingebracht. Wir sind buchstäblich mit der HOZ unterm Arm durch das parlamentarische Berlin gezogen. Nicht zuletzt hat eine von der Zahnärzteschaft angestoßene Anfrage der FDP vor dem Deutschen Bundestag zur GOZ-Novellierung Druck auf das Ministerium ausgeübt. Resultat: Das Ministerium hat nun die Kosten für eine Zahnarztstunde offengelegt, eine Größenordnung, die unseren Berechnungen nahegekommen ist. Bei der Bewertung der Leistungen spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Hier können wir auf unsere seriöse

Zeitmessstudie zurückgreifen – Zeit und Qualität sind bekanntlich Faktoren, die für den Erfolg der Behandlung ausschlaggebend sind. Und wir können sicher sein, dass wir die Patienten auf unserer Seite haben, wenn es um das Primat der Qualität geht.

In engem Zusammenhang mit der Qualität stehen die Fort- und Weiterbildung und das postgraduale Geschehen als Garant für eine freie und unabhängige Berufsausübung. Das Leitbild des freiberuflichen Zahnarztes muss bleiben, egal in welcher Praxisform er tätig ist. Er muss seine hochstehenden Leistungen in fachlicher und wirtschaftlicher Unabhängigkeit erbringen können. Wir müssen sehr aufpassen, uns nicht grundsätzlich vom Hauszahnarzt als Generalist mit ein bis drei durchaus titel- und schildfähigen Sondergebieten zu entfernen, wobei selbstverständlich zur Abdeckung aller Schwierigkeitsgrade auch die Fachpraxis notwendig ist und ihren eigenen Stellenwert hat. Was die Weiterentwicklung der Fort- und Weiterbildung unter Einbeziehung des Post-Graduate-Geschehens betrifft, ist es wichtig, dass Standespolitik und Wissenschaft an einem Strang ziehen – unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit, aber zum Nutzen des Ganzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns nichts vor: Die Rahmenbedingungen für die Praxen sollen vom Staat immer mehr erschwert werden. Wir müssen in dieser Zeit dem Druck zur Versozialrechtlichung erfinderisch Widerstand entgegenhalten. Denn es könnte die Einsicht reifen, dass jede Regulierung sehr schnell als Überregulierung empfunden wird, dass die Motivation verloren geht und erkannt wird, dass deshalb der Benachteiligte am ehesten der Patient ist. Noch wird das nicht so klar gesehen. Ich bin aber der festen Überzeugung: je enger für uns die Fesseln gezogen werden, desto mehr Beistand werden wir von unseren Patienten bekommen.

Also: Versozialrechtlichung abgelehnt!

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Dr. Jürgen Weitkamp
Präsident der Bundeszahnärztekammer



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