pr/KBV
16.04.02 / 00:15
Heft 08/2002 Gesellschaft
Kostenstrukturanalyse für Arztpraxen

Viel Arbeit – wenig Lohn

Die neue Kostenanalyse von Arztpraxen zeigt: Bei den ärztlichen Kollegen sieht es schlecht aus. Ein Drittel aller niedergelassenen Ärzte erwirtschaftet aus der vertragsärztlichen Tätigkeit kein angemessenes Nettoeinkommen mehr.



Schlechte Aussichten: Ein Drittel aller Ärzte erwirtschaftet kein angemessenes Nettoeinkommen mehr. Foto: MEV

„Ein Drittel aller niedergelassenen Ärzte erzielt kein angemessenes Nettoeinkommen mehr aus der vertragsärztlichen Tätigkeit. 30 Prozent der Allgemeinärzte haben im Durchschnitt rund 1 600 Euro im Monat zur privaten Verfügung – bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 47 bis 65 Stunden in der Woche.“ Das erklärte Dr. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), anlässlich der Vorstellung einer Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik (ZI) zur Einnahmen- und Kostenstruktur der Vertragsarztpraxen in Berlin.

Ausgewertet wurden die Zahlen für 1999, differenziert nach Facharztgruppen und innerhalb dieser nach drei Umsatzgrößenklassen. Zwischen 1 718 und 3 393 Mark im Monat lag nach ZI-Angaben 1999 das Einkommen eines mit einer kleinen bis mittleren Praxis niedergelassenen Arztes in den neuen Bundesländern. In den alten Bundesländern lag es zwischen 2 041 und 4 075 Mark. Praxen des mittleren Drittels erzielten Einkommen zwischen 4 003 und 6 418 Mark, jene im oberen Drittel zwischen 7 047 und 11 383 Mark im Monat.

Hohe Aufwendungen

Von 100 Euro ärztlichen Honorareinnahmen fließen nach der ZI-Analyse in Ostwie Westdeutschland knapp 60 Euro in Ausgaben für Personal, Praxisräume, Medizintechnik, Büroausstattung und Zinsen für Praxiskredite. Die verbleibenden 40 Prozent sind der Überschuss vor Steuern. Daraus hätten die niedergelassenen Ärzte als Freiberufler relativ hohe Aufwendungen für die private Vorsorge im Alter, im Krankheitsfall und für sonstige Risiken – insbesondere der Berufsunfähigkeit – zu bestreiten, legten die Statistiker dar. Der Gesamtbetrag dieser Vorsorgeaufwendungen schwanke je nach Umsatzhöhe und Praxisgröße zwischen 16 000 und 36 000 Euro im Jahr, so das ZI.

Im Osten mehr Patienten

Das verfügbare Einkommen aus der vertragsärztlichen Tätigkeit ist laut Kostenstrukturanalyse in den neuen Bundesländern durchschnittlich 6,7 Prozent niedriger als im Westen. Ärzte in Ostdeutschland haben aber 15 Prozent mehr Patienten zu versorgen als ihre Kollegen im Westen und kompensieren das durch längere Arbeitszeiten bei geringerer Vergütung, wie die Studie ausweist. „Wegen des Missverhältnisses von Arbeitseinsatz, Risiko der freiberuflichen Tätigkeit und daraus erzielbarem Nettoeinkommen im unteren Drittel der Vertragsarztpraxen wird es in Zukunft schwierig werden, diese Praxen mit Nachfolgern zu besetzen“, erläuterte Dr. Gerhard Brenner vom ZI.

Stagnierende Honorare

KBV-Chef Richter-Reichhelm wies darauf hin, dass insbesondere die Allgemeinärzte in den neuen Bundesländern bei stagnierenden Honoraren immer mehr kranke Patienten versorgten. „Mit bis zu 3 000 Arbeitsstunden im Jahr beuten sich viele Ärzte selbst aus, und zwar quer durch alle Facharztgruppen“, fuhr er fort. Zum Vergleich bezifferte das ZI die durchschnittliche Arbeitszeit eines Angestellten mit einer 38,5-Stunden-Woche auf 1 700 Stunden im Jahr. „Unsere Medizin-Studenten wandern in andere Berufe ab, weil sie als niedergelassene Ärzte kein angemessenes wirtschaftliches Auskommen mehr sehen. Die Vertragsärzte leisten von Jahr zu Jahr mehr, weil der Versorgungsbedarf der Bevölkerung demographisch bedingt steigt. Selbstausbeutung der Ärzte kann aber auf Dauer keine Lösung sein. Wir fordern die Politik nachdrücklich auf, durch verbesserte gesetzliche Rahmenbedingungen im Interesse der Patienten die drohende Krise des Arztberufs abzuwenden“, so Richter-Reichhelm.



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