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01.06.07 / 00:11
Heft 11/2007 Praxis
Internettelefonie

VoIP doch mal an

Die klassische Telefonzelle, sie hat schon lange ausgedient. Für unterwegs gibt’s das Handy. In den eigenen vier Wänden und der Zahnarztpraxis könnten die nächsten Jahre einen ähnlichen Umbruch bringen: vom Festnetz zur Internettelefonie, dem Voice over Internet Protocol (VoIP).




Plaudern über die virtuelle Schiene – nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik „voipen“ bisher eine halbe Million Deutsche. Während beim herkömmlichen Telefonieren dafür eine extra Leitung geschaltet wird, zerteilt man hier die Sprachinformationen in kleine Datenpakete und versendet sie übers Internet. Beim Angerufenen eingetroffen, werden sie wieder in die richtige Reihenfolge – und verständliche Sätze – gebracht. Damit die Sprachqualität stimmt, muss ein breitbandiger DSL-Anschluss vorhanden sein, der die Daten schnell genug überträgt. Ist diese Voraussetzung erfüllt, kann VoIP qualitativ locker mit der Festnetz-Telefonie mithalten. Für Experten steht deshalb fest: Über kurz oder lang wird VoIP das Festnetz ablösen. Bis dahin stellt sich Otto Normalverbrauchern und Praxisinhabern aber noch die Frage: Lohnt sich das für mich?

Im Tarifdschungel

Kostenlos telefonieren – so werben viele der über 70 Telefonfirmen, die VoIP anbieten, für ihr Produkt. In der Regel gilt das aber nur für Gespräche innerhalb des eigenen Netzes, also zwischen zwei Kunden des gleichen Dienstes. Von Vorteil ist, wenn Kooperationen mit anderen Netzbetreibern bestehen, die mehr gebührenfreie Telefonate ermöglichen.

Vorsicht ist bei Anrufen aus dem Internet ins herkömmliche Fest- und Mobilfunknetz geboten: Manche Dienste bieten zwar Flatrates für Telefonate ins deutsche und oft auch ins europäische Festnetz an, bei anderen sind die Gespräche jedoch kostenpflichtig. Die Preise liegen zwischen den günstigen Call-by-Call-Vorwahlen und den etwas teureren Tarifen der Deutschen Telekom. Wer oft Gespräche in Handynetze führt, kommt mit Call-by-Call günstiger weg als mit VoIP, wo bis zu 25 Cent für eine Minute anfallen können. Auch für Anrufe ins Ausland gilt: VoIP ist im Vergleich mit den Sparvorwahlen nicht unbedingt die billigste Variante.

Neben Telefonfirmen haben auch Kabelnetzbetreiber VoIP-Dienste im Programm. Allerdings sind Telefon- und TV-Vertrag meist nicht unabhängig voneinander zu bekommen. Die Vielzahl der Angebote für Internettelefonie kann es Konsumenten schwer machen, sich zurechtzufinden, wie Bettina Säute vom Onlinemagazin Teltarif weiß Ihr Rat: „Bevor man sich entscheidet, sollte man sein Telefonierverhalten genau analysieren.“ Für Wenigtelefonierer ist VoIP eher uninteressant. Wer viel telefoniert, kann profitieren – und hat die Qual der Wahl. Ein Tarifrechner hilft bei der Orientierung im Angebotsdschungel (siehe Kasten). Ein weiterer Tipp: VoIP macht nur Sinn, wenn schon ein Breitbandanschluss vorhanden ist. Allein für die Internettelefonie DSL zu installieren, rentiert sich nicht.

Einfach austesten

Wer VoIP ausprobieren möchte, kann ganz unproblematisch einen Testlauf starten. Die nötige Software bieten viele Dienste umsonst als Download an. Dazu braucht man noch ein Headset und einen Computer mit Soundkarte – schon ist das sogenannte Softphone fertig. Diese Variante funktioniert allerdings nur, wenn der PC eingeschaltet ist. Immer erreichbar sind Voiper, die sich ein IP-Telefon anschaffen oder ihr analoges oder ISDN-Gerät mit einem VoIPAdapter aufrüsten, der das Gerät direkt über einen Router mit dem Internet verbindet. Es gibt aber auch spezielle VoIP-Router mit integriertem Adapter, PC-Netzwerkanschlüssen und WLAN-Router.

Überall erreichbar

Las Vegas, Lüneburg oder Lissabon – mit einem VoIP-Anschluss ist man, Internetzugang vorausgesetzt, überall auf der Welt erreichbar. Und zwar zum Ortstarif. Unterschiede gibt es bei der Vergabe der Rufnummern: Manche VoIP-Dienste verfügen über Rufnummerkontingente in den einzelnen Ortsnetzen. Ein Frankfurter behält so auch für die Internet-Telefonie die Vorwahl 069.

Andere vergeben hingegen ortsunabhängige Vorwahlen mit den Anfangsziffern 032 oder 0180. Bei manchen Diensten können Neukunden aber auch ihre alte Festnetznummer übernehmen.

Wichtig zu wissen: Wenn jemand in Deutschland eine Notrufnummer wählt, wird der Anruf im Festnetz automatisch an die zuständige Notrufzentrale weitergeleitet. Per VoIP geht das momentan noch nicht.

VoIP in der Praxis

Auch für die Zahnarztpraxis ist VoIP eine mögliche Alternative. Da Praxischefs und Helferinnen mit vielen Patienten in Kontakt stehen, können sie sich nicht auf bestimmte Anbieter und Partnernetze beschränken. Bei der Tarifwahl sollte dieser Aspekt mit bedacht werden.

Für Zahnärzte, die mehrere Praxen betreiben, empfiehlt es sich, über einen Business-Anschluss nachzudenken. Dabei werden die einzelnen Zweigstellen mittels spezieller Telefonanlagen verbunden, die über einen leistungsstarken symmetrischen DSL-Anschluss verfügen. Damit können Daten schneller ins Internet verschickt werden. Über einen Business-Anschluss telefonieren die Praxen umsonst miteinander. Aber: „Die Umbeziehungsweise Aufrüstung der alten Telefonanlage ist oft teuer“, sagt Michael Gundall von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Außerdem werden für Business-Veträge keine Minutenpreise, sondern monatliche Datenvolumen festgelegt. Die müssen dann für alles, was man im Internet erledigt, reichen.“ Für Telefonate, E-Mails und die ein oder andere Recherche reiche das Volumen ohne Probleme aus, große Downloads könnten das Budget hingegen sprengen, warnt der Telekommunikations-Fachmann.

Sicherheit

Lassen sich VoIP-Telefonate leichter abhören? „Hier gehen die Meinungen auseinander“, erklärt Gundall. „Die einen sagen, im Internet sind so viele Datenpakete unterwegs, dass Informationen nur schwer gezielt herausgefiltert werden können. Die anderen widersprechen dem.“ Egal, wer nun recht hat: Bei der Wahl eines VoIP-Dienstes sollten auf jeden Fall die mitgelieferten Sicherheitspakete eine Rolle spielen, betont Gundall. Zum Schutz vertraulicher Patientendaten sei man in Arztpraxen zudem besser beraten, auf WLAN-Funknetze zu verzichten. Besser sei es, PC und Telefon über ein Kabel mit dem Router zu verbinden.

Susanne Theisen,
Freie Journalistin in Köln
SusanneTheisen@gmx.net

INFO

Technische Anforderungen

PC

Der Computer sollte mindestens über einen Pentium II-Prozessor mit 300 MHz, einen Arbeitsspeicher von 32 MB und 40 MB freie Festplattenkapazität verfügen.

DSL

Um mindere Sprachqualität zu garantieren, braucht man eine Datenverbindung zwischen 64 und 80 Kilobit in der Sekunde. Für Nutzer, die gleichzeitig im Internet surfen und telefonieren wollen, empfiehlt sich eine Datenrate von mindestens 256 Kilobit in der Sekunde.



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