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01.10.10 / 00:11
Heft 19/2010 Politik
19. Zahnärztetag Mecklenburg-Vorpommern

Vom Kiefer bis zum Knie

Die Kieferorthopädie (Kfo) und ihre Schnittstelle zu den anderen zahn-medizinischen Fachbereichen waren Generalthema des 19. Zahnärztetages in Mecklenburg-Vorpommern. Auswirkungen von Fehlstellungen, aber auch umfangreiche Restaurationen im Zusammenspiel der Fächer schafften in Warnemünde vor wieder einmal voll besetztem Plenum praxisnahe Einsichten interdisziplinärer Relevanz.




Gegenüber Journalisten bezeichnete Landeszahnärztekammerpräsident und BZÄK-Vizepräsident Dr. Dietmar Oesterreich es als Miteinander oraler und allgemeinmedizinischer Gesundheit, im Falle insbesondere psychosomatischer Störungen auch als diagnostisches Feld zwischen „Zähnen und Seele“. Die Zahnärzte selbst beschäftigte das Thema auf ihrem Zahnärztetag vom 3. bis 5. September in dezidiert fachspezifischer Weise: Das Spektrum reichte vom Diskurs zur Kfo-Behandlung Erwachsener im parodontal geschädigten Gebiss über die Möglichkeiten der präprothetischen Kfo bei Erwachsenen bis zur Dastellung interdisziplinärer Lösungen sagittaler, transversaler und vertikaler Kfo-Probleme von Jugendlichen und Erwachsenen. Gerade angesichts der multivalenten Ansätze gingen die Argumentationen so weit, dass moderne Kfo zunehmend „zum unverzichtbaren Bindeglied verschiedener Disziplinen“ wird, betonte beispielsweise Prof. Dr. Christopher Lux (Heidelberg).

Was in den Fachvorträgen immer wieder Anlass für die Teilnehmer war, praxisrelevant „nachzuhaken“ und Schlüsse für den Arbeitsalltag zu ziehen, interessierte die Medien aus anderer Perspektive: In einer abgestimmten Präsentation verdeutlichten Kammerpräsident Oesterrreich, die wissenschaftliche Leiterin des Zahnärztetages Prof. Dr. Franka Stahl de Castrillon (Rostock) und Schmerztherapeut Dr. Frank Bartel im Pressegespräch den Zusammenhang zwischen oraler und allgemeiner Gesundheit.

Kfo-Behandlungen seien, so Stahl de Castrillon, nicht nur zahnmedizinisches Behandlungsfeld bei Kindern und Jugendlichen, sondern längst auch bei Erwachsenen. Gerade die Klärung von Zahn- und Kieferfehlstellungen sei in der Therapie von craniomandibulären Dysfunktionen und anderen Krankheitsbildern wie Parodontitiden immens wichtig, „um der Ursache für gesundheitliche Probleme auf den Grund gehen zu können“. Stahl de Castrillon: „Leider findet die Kfo-Prävention durch die derzeit gültigen Richtlinien der gesetzlichen Krankenkassen kaum Gehör, so dass viele Zahn- und Kieferfehlstellungen bis in das Erwachsenenalter bestehen bleiben und kostenaufwändige und komplexe Behandlungen notwendig machen.“ Hier sei der derzeitige gesetzliche Ansatz falsch.

Darüber hinaus seien diese Fehlstellungen Ursache für systemische Erkrankungen wie Rückenschmerzen, machte Schmerztherapeut Bartel anschaulich. Deren Chronifizierung und die Verkettung von pathomorphologischen und somato-psychischen Beschwerden behindere die Ursachen-Erkennung: „Schmerzlokalisation und Ursprungsort stimmen nicht immer überein“, erklärte der auch als Mannschaftsarzt des FC Hansa Rostock tätige Mediziner. Die Synchronität der Abläufe, die sozusagen „vom Kiefer bis zum Knie“ verlaufe, spreche für die Prüfung durch orofaciale Regulationstherapie.

Keine Basis für Gleichheit

Das ist eine Denkart, die unter Medizinern immer mehr Verständnis, unter Krankenversicherern und Gesundheitspolitikern aber wenig Gegenliebe findet. Kein Wunder in einem Gesundheitswesen, das auf Sparkurs ist. Auch die aktuelle Gesundheitsreform sei, so Oesterreich, nichts anderes als „Kostendämpfung reinen Wassers“. Dabei sei gerade die Zahnmedizin innnerhalb der GKV mit einem von ehemals 15 bis 18 auf inzwischen sieben Prozent gesenkten Kostenanteil alles andere als „der Kostentreiber“ des Systems. Für ihn sei es unverständlich, dass auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung unter den Heilberufen die Zahnmediziner als einzige noch keine Honorar-Anpassung der östlichen Länder auf Westniveau erhalten hätten. Die jetzt in Aussicht gestellte Anpassung betrage mit insgesamt fünf Prozent die Hälfte des Erforderlichen und sei für 2012/2013 versprochen, also mit letzter Wirkung erst nach der kommenden Bundestagswahl. Eine sichere Basis sei das nicht, kritisierte Oesterreich.

Dass die geplante GOZ-Novelle in gleichem Fahrwasser verlaufe, sei angesichts zahn- medizinischer Notwendigkeiten kritisch zu sehen: „Absolutes ‚no-go‘ ist in diesem Zusammenhang die von der PKV geforderte Öffnungsklausel.“ Hier werde man sich massiv zur Wehr setzen müssen.



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