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16.05.12 / 12:00
Heft 10/2012 Gastkommentar

Von Schweden lernen



Foto: Kathrin39 – Fotolia.com

Die Milliardenüberschüsse der Krankenkassen wecken Begehrlichkeiten. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr liebäugelt mit der Idee, die Praxisgebühr abzuschaffen. Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hält diesen Obolus für überflüssig. In der Tat hat die ungeliebte Gebühr das Ziel, die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren, verfehlt. Doch wäre es falsch, daraus den Schluss zu ziehen, die gesetzliche Krankenversicherung könnte auf die rund zwei Milliarden Euro verzichten, die mit der Praxisgebühr jährlich zusammenkommen. Vielmehr sollte die Bundesregierung die Regeln so verändern, dass die gewünschte Steuerungsfunktion doch noch eintritt.

Die Bevölkerung hat sich an das Eintrittsgeld beim Arzt gewöhnt. Das Gros der Patienten zahlt ohne Murren die zehn Euro. Nach Einführung der Praxisgebühr 2004 war die Zahl der Arztbesuche zunächst um zehn Prozent zurückgegangen. Doch dieser Effekt hielt nur kurz an. Deutschland liegt mit rund 17 Arztbesuchen im Jahr weiterhin in Europa an der Spitze. Dass die Praxisgebühr keine abschreckende Wirkung hat, dürfte vor allem mit ihrer Ausgestaltung zu tun haben. Viele Patienten lassen sich am Quartalsbeginn einen Stapel Überweisungen geben. Für die zehn Euro wird man so nicht nur vom Hausarzt, sondern auch von beliebig vielen Spezialisten versorgt. Tatsächlich dürfte die Praxisgebühr sogar den Anreiz schaffen, möglichst viele Arztbesuche zu machen. Die Praxisgebühr in ihrer derzeitigen Form stellt somit kein Steuerungsinstrument, sondern nur eine zusätzliche Einnahmequelle für die Krankenkassen dar. Das Gleiche gilt für Zuzahlungen zu Arzneimitteln oder Klinikaufenthalten. In kaum einem Fall wird ein Patient auf verordnete Medikamente oder gar Operationen verzichten, um die Eigenbeteiligung zu sparen. Das wäre auch keineswegs sinnvoll. Unter den Arztbesuchen aber dürften etliche durchaus verzichtbar sein. In anderen Ländern suchen die Menschen seltener einen Doktor auf und sind trotzdem nicht schlechter versorgt. So ist etwa in Schweden die Lebenserwartung gut ein Jahr höher als hierzulande – obwohl die Menschen dort durchschnittlich weniger als fünfmal im Jahr zum Arzt gehen. Die Skandinavier müssen bei jedem Praxisbesuch eine Gebühr zahlen, die je nach Region 15 bis 25 Euro beträgt. Der Anreiz, nicht gleich mit jedem Zipperlein den Arzt aufzusuchen, ist in Schweden somit groß. Damit sich die Menschen unnötige Arztbesuche künftig sparen, sollte sich die Regierung am schwedischen Modell orientieren. Wenn bei jedem Praxisbesuch ein Selbstbehalt fällig wird, ist auch hier mit einem Rückgang zu rechnen. In Berliner Regierungskreisen wird bereits diskutiert, die Gebühr auf fünf Euro zu senken, aber dafür bei jedem Arztbesuch zu verlangen. Doch bei einem geringeren Betrag steigt zwangsläufig der Anteil der Bürokratiekosten.

Über kurz oder lang wird die Politik nicht umhinkommen, die Selbstbeteiligung der Patienten an den Behandlungskosten zu erhöhen. Angesichts der Überalterung der Gesellschaft brauchen die Krankenkassen auch höhere Zuzahlungen, damit der absehbare Beitragsanstieg die Versicherten nicht überfordert. Eine Kontaktgebühr in Höhe von zehn Euro für jeden Arztbesuch ist vor diesem Hintergrund durchaus vertretbar.

Damit die Steuerungswirkung möglichst groß ist, sollte aber auch die Härtefallregel überprüft werden. Derzeit ist fast jeder dritte Kassenpatient von der Gebühr befreit. Dies gilt für Kinder sowie für einen Großteil der Geringverdiener und viele chronisch Kranke.Statt bestimmte Gruppen vollständig auszunehmen und damit für diese Personen jeglichen Anreiz zur Vermeidung überflüssiger Arztbesuche zu beseitigen, sollte es lieber eine sozial verträgliche Selbstbeteiligung für alle geben. Nur wenn der Einzelne zumutbare Lasten selbst trägt, wird die Solidargemeinschaft auf Dauer die großen Risiken übernehmen können.



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