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01.09.03 / 00:14
Heft 17/2003 Medizin
Repetitorium

Wadenkrämpfe

Mitten in der Nacht im tiefsten Schlaf durch reißende Schmerzen im Unterschenkel geweckt – wie unangenehm ein solcher Wadenkrampf ist, weiß fast jeder zweite Bundesbürger aus eigener Erfahrung. Die Ursachen können vielfältig sein und lassen sich nicht immer dingfest machen, was die Behandlung deutlich erschwert. Kausal ist den Wadenkrämpfen zudem nur in seltenen Fällen beizukommen.




Gut 40 Prozent der Bundesdeutschen leiden immer wieder einmal unter Wadenkrämpfen. Diese treten meist urplötzlich auf, in aller Regel aus dem Schlaf heraus irgendwann mitten in der Nacht. Der Wadenkrampf ist äußerst schmerzhaft. Er geht mit einer massiven Verhärtung der betroffenen Muskelpartie einher. Der Krampf selbst kann sich bis in den Fuß fortsetzen, wobei sich die Zehen zur Fußsohle hin zusammenziehen. Möglich ist auch, dass der Fuß alleine, also ohne Beteiligung von Muskeln des Unterschenkels betroffen ist.

Oft löst sich der Muskelkrampf nach wenigen Sekunden oder Minuten von alleine. Manchmal ist der Spuk damit vorbei, bei so manchen Mitmenschen aber treten fast sofort erneut Muskelkrämpfe auf, ohne dass hierfür eine konkrete Ursache erkennbar wäre. Nicht selten „löst“ sich das Problem im wahrsten Sinne des Worten, wenn man kurz aufsteht und einige Schritte umhergeht, doch auch dafür gibt es leider keine Garantie. Außerdem ist durch die Verkrampfung und Verhärtung der Muskulatur die Bewegungsmöglichkeit erheblich eingeschränkt.

Treten Wadenkrämpfe immer wieder auf oder sind besonders hartnäckig, so sollte eine gezielte Diagnostik eingeleitet werden. Denn die Störung kann hinweisend auf verschiedenste Erkrankungen sein und das möglicherweise bis hin zu massiven Herzrhythmusstörungen, weshalb beim häufigen Auftreten unbedingt eine ärztliche Abklärung anzuraten ist.

Das Phänomen der Wadenkrämpfe ist sehr vielgestaltig. So gibt es Menschen, die nur sehr selten unter Wadenkrämpfen zu leiden haben, zum Beispiel wenn sie sich sportlich besonders verausgabt haben. Andere haben immer wieder Schmerzen, weil sich einzelne Muskelgruppen im Unterschenkel krampfhaft zusammenziehen. Charakteristischerweise treten Wadenkrämpfe außerdem häufig beim Schwimmen in kaltem Wasser auf.

Nicht immer sind die Muskelkrämpfe allein auf die Wade beschränkt. Sie können auch in anderen Muskelregionen auftreten, wobei neben dem Unterschenkel vor allem der Zehenbereich betroffen ist.

Wadenkrampf ist nicht gleich Wadenkrampf

Wenngleich die Ursachen der Wadenkrämpfe bislang nicht generell geklärt sind, gibt es doch Situationen, die die Beschwerden begünstigen können. Je nach Ursache und auch je nach Auftreten der Symptome unterscheidet man im Wesentlichen drei verschiedene Formen:

• Das ist erstens der nur gelegentlich auftretende Wadenkrampf, der sich meist nachts ereignet und für den es – ähnlich wie beim plötzlich auftretenden Schluckauf – keine Ursache zu geben scheint.

• Zum anderen können Wadenkrämpfe mit verschiedenen Erkrankungen assoziiert sein. Denn sowohl Gefäß- wie auch Nervenund Stoffwechselerkrankungen können Verkrampfungen im Bereich der Muskulatur fördern.

• Am häufigsten dürften in unseren Breitengraden Wadenkrämpfe die Folge einer Störung des Elektrolyt- und Mineralhaushaltes sein.

Magnesiummangel als Ursache

Wadenkrämpfe werden vor allem mit einem Magnesiummangel in Verbindung gebracht. Magnesium ist als Mineralstoff lebensnotwendig und an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt. Der Körper kann das Element nicht selbst bilden, sondern ist auf die regelmäßige Zufuhr mit der Nahrung angewiesen, wobei für ein optimales Funktionieren der Körperfunktionen täglich etwa 300 bis 350 Milligramm Magnesium aufgenommen werden müssen.

Eine ausreichende Versorgung mit dem Mineralstoff ist wichtig für die Muskulatur, insbesondere für den Herzmuskel, aber auch für das Nervensystem und speziell die Koordination zwischen Nervensystem und Muskulatur sowie den Aufbau und die Festigkeit des Knochens. Außerdem steuert Magnesium eine Vielzahl von Enzymen und ist damit direkt an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt.

Besteht ein Magnesiummangel, so sind Symptome wie Zittern und Muskelzuckungen, insbesondere im Bereich der Augenlider, aber auch Muskelkrämpfe die Folge. Ist der Herzmuskel betroffen, so können Herzrhythmusstörungen entstehen. Es kann ferner zu Magen-Darm-Beschwerden und hier insbesondere zu Übelkeit kommen, zu Störungen des Nervensystems, die sich mit Kopfschmerzen und Nervosität bemerkbar machen aber auch zu Schwindel, Benommenheit und Konzentrationsstörungen.

Ein Magnesiummangel droht dann, wenn die Aufnahme zu gering ist, um den täglichen Bedarf zu decken. Das ist der Fall bei kohlenhydratarmer Ernährung, generell bei Mangelernährung und bei einseitiger Kost, also beispielsweise bei Diäten sowie durch die weitreichende Ernährung über Fastfood und Fertigprodukte. Gefördert wird Magnesiummangel nicht zuletzt dadurch, dass durch den Einsatz kaliumreicher Kunstdünger der Magnesiumgehalt in den Ackerböden in unseren Breitengraden sinkt, was zur Folge hat, dass das geerntete Gemüse und Getreide weniger magnesiumreich ist als früher. Auch bei Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, bei denen Magnesium nicht mehr ordnungsgemäß resorbiert werden kann, ist eine entsprechende Mangelsituation vorprogrammiert.

Defizite bei der Magnesiumaufnahme entstehen besonders leicht bei erhöhtem Magnesiumbedarf, also etwa in Wachstumsphasen in der Jugend, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei aktiver sportlicher Tätigkeit oder auch bei starkem physischem oder psychischem Stress.

Ein weiterer Grund für einen Magnesiummangel können Magnesiumverluste sein, womit bei Erbrechen und Durchfall zu rechnen ist und ebenso bei starkem Schwitzen. Ein Magnesiummangel kann außerdem die Folge eines Alkoholabusus oder eines hohen Kaffeekonsums sein oder er kann bedingt sein durch Hormonstörungen, durch Nierenerkrankungen oder eine Leberzirrhose.

Des weiteren können Medikamente einen Magnesiumdefizit provozieren. Bekannt ist dies für die regelmäßige Einnahme von Diuretika und Laxantien aber auch für Kortikoide und Hormonpräparate wie die Pille.

Besteht der Verdacht auf einen Magnesiummangel, so sollte zunächst für eine erhöhte Magnesiumzufuhr mit der Kost gesorgt werden. Besonders viel Magnesium ist dabei enthalten in Hülsenfrüchten, Spinat, Kartoffeln, Vollkornbrot, Haferflocken, Schokolade, Nüssen, Milch und Käse sowie in Mineralwasser.

Darüber hinaus kann die Einnahme spezieller Magnesium-Präparate sinnvoll sein, die in der Apotheke rezeptfrei erhältlich sind. Gegebenenfalls sollten die Magnesium-Serumspiegel bestimmt werden, um den vermuteten Magnesiummangel zu bestätigen oder als Ursache der Symptome auszuschließen.

Gefäßerkrankungen als Ursache

Neben einem Magnesiummangel können auch Veränderungen der Blutgefäße in den Beinen Ursache für Fuß- und Wadenkrämpfe sein. Bekannt ist dies für das Krampfaderleiden. Die Betroffenen klagen häufig über Müdigkeits- und Schweregefühle in den Beinen und bilden vor allem im Tagesverlauf und gegen Abend Ödeme im Knöchelbereich. Die Beschwerden nehmen typischerweise zu bei warmer Witterung sowie nach langem Stehen oder Sitzen. Während der Nacht kommt es dann nicht selten zum Auftreten der schmerzhaften Wadenkrämpfe.

Diese können allerdings auch Ausdruck von Veränderungen der arteriellen Strombahn und hier insbesondere einer arteriellen Verschlusskrankheit sein. Typische Symptome dieser Erkrankung sind Schmerzen bei längerem Gehen, die beim Stehen zurückgehen. Die Betroffenen bleiben bei langen Gehstrecken deshalb immer wieder zwischendurch stehen, weshalb die Erkrankung im Volksmund auch als Schaufensterkrankheit bezeichnet wird.

Die Wadenkrämpfe können durchaus auch Anzeichen einer neurologischen Störung im Sinne einer Polyneuropathie sein. Diese tritt gehäuft auf bei Diabetikern, bei Patienten mit einer Borreliose sowie bei chronischem Alkoholabusus. Es kommt dabei neben den Wadenkrämpfen vor allem zu Sensibilitätsstörungen in den Beinen und gegebenenfalls auch in den Armen und bei fortgeschrittener Erkrankung auch zu Lähmungserscheinungen.

Behandlung der Wadenkrämpfe

Wadenkrämpfe sind äußerst schmerzhaft, weshalb im konkreten Fall eine sofortige Therapie von den Betroffenen gewünscht wird. Genau diese aber ist bislang nicht verfügbar und es muss jeweils im Einzelfall versucht werden, den Muskelkrampf möglichst rasch zu lösen.

Das gelingt unter Umständen, wenn der Muskel gedehnt wird. So kann man, wenn der Fuß mit einbezogen ist, zum Beispiel versuchen, die Zehen wieder gerade zu ziehen. Ist das zu schmerzhaft, so kann es hilfreich sein aufzustehen und umherzugehen oder fest auf den Boden aufzutreten. Anderen Menschen mit Wadenkrämpfen hilft dagegen eine kurze Massage der jeweiligen Muskelregion.

Möglichkeiten der Vorbeugung

Wenngleich im akuten Fall wenig getan werden kann, um den Wadenkrampf zu beheben, gibt es doch eine ganze Reihe von Möglichkeiten der Prophylaxe. So muss für eine adäquate Behandlung der Grunderkrankung gesorgt werden, wenn die Wadenkrämpfe mit einer Gefäßerkrankung oder beispielsweise einer Polyneuropathie assoziiert sind.

All jene, die häufig mit Wadenkrämpfen zu tun haben, sollten mehr noch als andere Menschen auf eine ausgewogene ballaststoffreiche Kost achten und vermehrt magnesiumhaltige Nahrungsmittel verzehren. Auf den häufigen Konsum von Alkohol und Kaffee sollte verzichtet werden und ebenso auf Diuretika sowie auf Abführmittel, die dem Körper Wasser und Elektrolyte entziehen.

Bei Erkrankungen, die einen Magnesiummangel erwarten lassen, etwa bei Nierenerkrankungen mit hohen Mineralstoffverlusten oder bei Magen-Darm-Erkrankungen, die mit Resorptionsstörungen verbunden sind, ist neben der Behandlung der Grunderkrankung und einer gesunden, magnesiumreichen Ernährung auch eine vorsorgliche Substitution von Magnesium zu erwägen. Eine solche Behandlung wird zudem der Arzt einleiten, wenn Patienten in der Praxis vorstellig werden und über häufige Wadenkrämpfe klagen ohne dass weitere Krankheitszeichen auffallen. In solchen Fällen ist eine probatorische Behandlung mit einem Magnesiumpräparat gerechtfertigt. Die Dosierung liegt bei 200 bis 400 Milligramm täglich, so dass der individuelle Magnesiumbedarf in jedem Fall gedeckt sein sollte.

Hilfe durch Phytotherapeutikum

Unabhängig von der Mineralstoffversorgung schwören viele Betroffene darauf, durch eine regelmäßige Fußgymnastik, durch Wärme- oder Kältebehandlungen oder durch Kneippsche Güsse den schmerzhaften nächtlichen Krämpfen vorbeugen zu können. Außerdem gibt es Berichte, wonach sich durch Chininsulfat eine wirkungsvolle Behandlung nächtlicher Wadenkrämpfe erwirken lässt. Hierbei handelt es sich um einen Extrakt des Chinarindenbaums, der in den Anden heimisch ist.

Der Extrakt ist offiziell zur Therapie und Prophylaxe nächtlicher Wadenkrämpfe zugelassen und es liegen klinische Studien vor, die bestätigen, das die Behandlung Erfolg versprechend ist. So wurden 109 Patienten, die mindestens sechs Muskelkrämpfe in den vergangenen 14 Tagen erlebt hatten, für zwei Wochen doppelblind randomisiert und placebokontrolliert mit Chininsulfat behandelt. Das Ergebnis: 80 Prozent der mit dem Chininextrakt therapierten Patienten gegenüber 53 Prozent unter Placebo verspürten eine Reduktion der Wadenkrämpfe um mindestens 50 Prozent. Der Effekt setzte sich über die Behandlung hinaus in der sich anschließenden therapiefreien Beobachtungsphase fort, wobei weiterhin ein Unterschied zwischen der Verum- und der Placebogruppe zu Gunsten des Chininsulfats zu verzeichnen war. Es ist somit von einem anhaltenden Effekt der Therapie auszugehen.

Häufige Wadenkrämpfe nicht unterbewerten

Bestehen die Beschwerden jedoch weiter fort, so ist eine weiterführende Diagnostik unerlässlich. Denn obwohl der Wadenkrampf an sich harmlos ist, sollte er dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Hinter dem plötzlich einschießenden reißenden Schmerz in der Wade kann sich unter Umständen auch eine Thrombose verbergen. Ursache der Schmerzen kann außerdem ein Muskelriss sein.

Wer zu Wadenkrämpfen neigt, sollte zudem in gewissen Situationen besondere Vorsicht walten lassen. Die sehr schmerzhafte Verkrampfung der Muskulatur kann gefährliche Folgen haben, beispielsweise wenn der Muskelkrampf beim Schwimmen im Meer oder in Seen auftritt und dann möglicherweise zu Panikreaktionen und bis hin zum Ertrinken führen kann. Auch bei sportlicher Aktivität kann sich der Wadenkrampf verheerend auswirken, etwa in schweren Stürzen beim Skilauf. Beim Autound Motorradfahren kann der plötzliche Wadenkrampf schließlich mit einer erhöhten Unfallgefahr verbunden sein.

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“
ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen
zu beantworten

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

Medizinisches Wissen erlangt man während des Studiums. Das liegt für Sie wahrscheinlich schon lange zurück. Inzwischen hat sich in allen Bereichen viel getan, denn Forschung und Wissenschaft schlafen nicht. Wir wollen Sie mit dieser Serie auf den neuesten Stand bringen. Das zm-Repetitorium Medizin erscheint in der zm-Ausgabe zum Ersten eines Monats.  

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