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01.02.17 / 00:02
Heft 03/2017 Politik
Diskussion um Zuzahlungen bei Zahnersatz

Wahlkampf mit Eigenanteilen

„Bürger müssen für Zahnersatz immer tiefer in die Tasche greifen“, lautete die Schlagzeile – und sofort beschwören SPD und Linke reflexartig eine angebliche Zwei-Klassen-Zahnmedizin. Das klingt wahlkampfverdächtig. Ein Brief der KZBV stellt die Sache indes sehr schnell klar: Das 2005 eingeführte – und von der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD!) unterstützte – Modell der Festzuschüsse war ein Segen. Dadurch hat sich die Mundgesundheit der Deutschen nämlich stark verbessert.



Wieder einmal wurde eine Sau durchs Dorf getrieben: Dieses Mal ging es um den angeblich immer teureren Eigenanteil bei Zahnersatz. © fotomaster - Fotolia.com

Auslöser für die Schlagzeile war eine Anfrage der stellvertretenden Vorsitzenden der Linken-Fraktion im Deutschen Bundestag, Sabine Zimmermann, an das Bundesgesundheitsministerium (BMG). Sie wollte wissen, wie viele gesetzlich Versicherte in welcher Höhe Eigenanteile beim Zahnersatz geleistet haben.

In seiner Antwort wies das BMG darauf hin, dass die GKV-Statistik lediglich die GKV- Anteile für Festzuschüsse beim Zahnersatz erfasst – die Eigenanteile der Versicherten nicht. Mit Bezug auf das Statistische Bundesamt gibt das BMG an, dass private Haushalte für Zahnersatz (Material- und Laborkosten) im Jahr 2005 2,62 Milliarden Euro, im Jahr 2010 3,02 Milliarden Euro und im Jahr 2014 (so die aktuellsten Zahlen) 3,14 Milliarden Euro ausgegeben haben.

Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatte Zimmermann in der Presse gefordert, dass medizinisch notwendiger Zahnersatz kostenlos sein müsse. Als Aufhänger für ihre Argumente zog sie die Haushaltsbefragung „Leben in Deutschland“ des Statistischen Bundesamtes heran. Dort hatte man – auf Basis von Selbstauskünften der Probanden – festgestellt, dass 48,3 Prozent der Befragten in 2014 aus finanziellen Gründen auf einen Zahnersatzbesuch verzichtet hätten.

Angesichts dieser in der Presse erneut verbreiteten Diskussion meldete sich auch die SPD zu Wort. Man könne „inzwischen die soziale Situation eines Menschen wieder an seinen Zähnen erkennen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Prof. Karl Lauterbach, der Passauer Neuen Presse. Gerade Rentner hätten oft schlechte Zähne. Zahnsanierungen würden aus finanziellen Gründen häufig aufgeschoben oder gar nicht erst durchgeführt. Er forderte, den Umfang der von der GKV zu ersetzenden Zahnersatz-Leistungen zu überprüfen und zu erweitern.

Ein Brief an Lauterbach

„In Deutschland muss niemand aus Kostengründen auf einen Besuch beim Zahnarzt verzichten“, konterte der KZBV-Vostand. Auf die Aussagen Lauterbachs reagierte er mit einem persönlichen Brief an den Politiker. Die aktuellen Daten aus der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) zeigten, dass Lauterbachs Aussagen nicht der Realität entsprechen, heißt es in dem Schreiben: „Die Zahn- und Mundgesundheit der Bevölkerung hat sich in allen Bereichen deutlich verbessert. Waren im Jahr 1997 lediglich 41,8 Prozent der 12-Jährigen kariesfrei, sind es heute 81 Prozent. Bei den jungen Erwachsenen hat sich die Wurzelkaries zwischen 1997 und 2014 halbiert und immer weniger ältere Patienten sind völlig zahnlos.“ In seinem Schreiben verweist der Vorstand ferner auf die Studie „EURO-Z-II – Preisvergleich zahnärztlicher Leistungen im europäischen Kontext“, die sieben Länder in Europa mit unterschiedlichen nationalen Gesundheitssystemen vergleicht. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Deutschland im Bereich der zahnmedizinischen Versorgung einen Spitzenrang einnimmt.

„Diese Ergebnisse demonstrieren eindrucksvoll den Erfolg der Hinwendung zu einer präventionsorientierten Versorgung, ohne dabei die prothetische Versorgung mit Zahnersatz aus den Augen zu verlieren“, betont der Vorstand in seinem Schreiben. Das 2005 unter der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eingeführte befundorientierte Festzuschussmodell mit Eigenbeteiligung und einer Härtefallregelung habe sich bewährt.

Für die Umsetzung des Festzuschusssystems hatte sich die Zahnärzteschaft seinerzeit vehement eingesetzt.

Der Vorstand geht in seinem Schreiben auch auf die von Zimmermann angeführte Haushaltsbefragung des Statistischen Bundesamtes ein. Auch diese Aussagen lassen sich relativieren: Denn aus der Befragung wird deutlich, dass es sich lediglich um 3,76 Prozent der über 16-Jährigen handelt, die auf einen vermeintlich notwendigen Zahnarztbesuch verzichtet haben. Davon wiederum haben 48,36 Prozent finanzielle Erwägungen angeführt. Aber das wäre wahrscheinlich keine Schlagzeile wert gewesen.



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