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01.05.15 / 00:02
Heft 09/2015 Politik
Deutscher Pflegerat

Warnung vor dem Kollaps

Der Deutsche Pflegerat schlägt Alarm – auf dem Deutschen Pflegetag warnte der Verband angesichts der demografischen Entwicklung vor einem drohenden Pflegenotstand. Denn aktuellen Prognosen zufolge steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren sprunghaft an, während bereits heute Fachkräftemangel herrsche. Rund 4500 Experten und Entscheider aus Pflege, Politik und Wirtschaft diskutierten über die Zukunft der Pflege als eines der wichtigsten gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Themen der Zeit.




Nach Ansicht des Deutschen Pflegerats e.V. gehört die Versorgung pflegebedürftiger Menschen zu den zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. „Die Strukturen, unter denen die Pflege in den kommenden Jahrzehnten zu erbringen ist, werden sich gravierend verändern. Darauf müssen wir uns heute einstellen, bevor es zu spät ist“, betonte Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats e.V., auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin. „Es muss uns gelingen, die professionell Pflegenden endlich in den Mittelpunkt unserer Entscheidungen zu rücken. Denn wer, wenn nicht sie, erbringt heute und zukünftig die Leistungen der Pflege und Betreuung?“ Vehement forderte Westerfellhaus, dass die Berufsgruppe der professionell Pflegenden – mehr als 1,1 Millionen Menschen – in der Öffentlichkeit und in der Politik mehr Gehör und Achtung erhalte. Er kritisierte, dass zwischen 1995 und 2005 fast 50 000 Vollzeitstellen im Pflegedienst der Krankenhäuser abgebaut wurden. „Wir sind es leid, dass die Pflegekräfte zum Kostenfaktor degradiert und nur die Ärzte als diejenigen angesehen werden, die die Erlöse erwirtschaften.“

Verdopplung der Pflegebedürftigkeit

Aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge liegt die Anzahl der Pflegebedürftigen mit Pflegestufe heute bei mehr als 2,5 Millionen. Prognosen gehen davon aus, dass diese Zahl bis zum Jahr 2030 um etwa die Hälfte steigen wird. Bis zum Jahr 2050 rechnen Experten gar mit einer Verdopplung der Pflegebedürftigen in Deutschland. Laut dem Themenreport „Pflege 2030“ der Bertelsmann Stiftung werden bis zum Jahr 2030 aber bereits 500 000 Pflegekräfte fehlen. Grund für die Versorgungslücke seien nicht nur die fehlenden Vollzeitstellen, sondern auch die steigende Zahl älterer Menschen und der Rückgang an Fachkräften aufgrund sinkender Geburtenraten. Vor diesem Hintergrund monierte Westerfellhaus, der Personalmangel in der Pflege wirke sich nicht nur auf die Qualität und auf die Patientensicherheit aus, sondern mache auch das Pflegepersonal krank. Doch die Zahl der Pflegebedürftigen werde in den kommenden Jahrzehnten weiter ansteigen. Daraus resultiere ein enormer Pflegebedarf, bei einer gleichzeitig sinkenden Anzahl an Fachpflegekräften. Der Präsident des Pflegerats forderte die Pflegekräfte auf, selbstbewusster für ihren Berufsstand einzutreten: „Alle Pflegekräfte sind aufgerufen, für sich und ihre Interessen einzustehen. Deutschland braucht die Pflegekammer. Deutschland braucht ein Sprachrohr der professionell Pflegenden, das stark genug ist, die berechtigten Interessen der größten Berufsgruppe in Deutschland umzusetzen. Wir brauchen diesen wichtigen Meilenstein Pflegekammer, um den Kollaps in der Pflege zu verhindern.“

Info

Zahlen und Fakten

  • 2,54 Millionen Menschen waren Ende 2012 in Deutschland pflegebedürftig. Weitere drei Millionen Menschen gelten zudem als hilfebedürftig (Grad der Hilfebedürftigkeit nicht so groß, dass Leistungen der Pflegeversicherung beansprucht werden können).
  • Bei jedem Pflegebedürftigen in häuslicher Pflege sind etwa zwei Pflegepersonen, in der Regel Angehörige, an der Pflege beteiligt.
  • Im Jahr 2030 werden geschätzte 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig sein, 2050 sollen es dann 4,5 Millionen Menschen sein.
  • Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis 2030 voraussichtlich regional sehr unterschiedlich entwickeln. Anstieg der Fallzahlen bundesweit: 47,4 Prozent. Eine überdurchschnittliche  Entwicklung wird in Schleswig-Holstein und in Bayern (je 53,8 Prozent), in Mecklenburg-Vorpommern (55,9 Prozent), in Berlin (55,8 Prozent) und in Brandenburg (72,2 Prozent) erwartet.
Quelle: Bertelsmann-Stiftung



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