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01.08.13 / 00:03
Heft 15/2013 Politik
KBV-Versichertenbefragung

Warten in Zeiten des Mangels

Die Menschen in Deutschland sind mit den niedergelassenen Ärzten größtenteils zufrieden. Teilweise beklagen die Patienten aber längere Wartezeiten. Das zeigt die aktuelle Patientenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Vielen Menschen – insbesondere in Ostdeutschland – fällt es zudem immer schwerer, einen Facharzt in der Nähe ihres Wohnorts zu finden.




Seit 2006 befragt die KBV alle ein bis zwei Jahre einen repräsentativen Teil der Bevölkerung – diesmal gut 6 000 Personen – zu ihren Erfahrungen mit der ambulanten Gesundheitsversorgung. „Trotz aller öffentlichen Debatten und Diffamierungen gegenüber der Ärzteschaft sind die Patienten kontinuierlich sehr zufrieden“, sagte der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Köhler bei der Vorstellung der Statistik in Berlin.

In der aktuellen Befragung zeigten sich 91 Prozent der Befragten mit dem zuletzt besuchten Arzt zufrieden. Die Fachkompetenz beurteilten 92 Prozent mit „gut“ oder „sehr gut“. „Auch wenn Ärzte in der öffentlichen Diskussion immer wieder unter den Generalverdacht unlauteren Handelns gestellt werden, sind die persönlichen Erfahrungen der Versicherten in der Regel positiv und werden auch entsprechend gewürdigt“, kommentierte Köhler die Ergebnisse.

Der Osten wartet länger

Bei den Wartezeiten gibt es ein Ost-West-Gefälle: Zwischen Rostock und Erfurt müssen die Patienten am längsten auf einen Sprechstundentermin warten – 14 Prozent von ihnen mehr als drei Wochen. Der KBV-Chef sieht darin ein Anzeichen für einen Ärztemangel. Denn im Westen musste sich nicht einmal jeder Zehnte über drei Wochen gedulden. Allerdings gab knapp ein Drittel der Befragten in Ost wie in West an, dass sie den Arzt ohne Wartezeit sprechen konnten. In der Arztpraxis selbst warteten zwölf Prozent der Patienten überhaupt nicht, aber ein Viertel länger als eine halbe Stunde.

Die Wartezeiten für die Patienten auf einen Termin unterscheiden sich auch zwischen Haus- und Fachärzten stark. Beim Hausarzt kamen 58 Prozent der Befragten ohne Termin oder Wartezeit an die Reihe, beim Facharzt lediglich 30 Prozent. Über drei Wochen auf einen Termin warteten beim Hausarzt nur drei Prozent der Patienten, während beim Facharzt gut ein Fünftel sich so lange gedulden musste. „Leider sind die Wartezeiten auf einen Facharzttermin auch bei akuten gesundheitlichen Problemen recht lang“, erklärte der KBV-Chef. Beim Hausarzt seien hingegen über zwei Drittel der Patienten mit akuten Beschwerden sofort drangekommen. Das lege den Schluss nahe, dass Fachärzte häufig so überlastet sind, dass sie kurzfristig keine Kapazitäten freihaben, interpretierte Köhler die Zahlen.

Unterschiede zeigt die KBV-Umfrage für privat und gesetzlich Versicherte: Mehr als drei Wochen Wartezeit mussten elf Prozent der Kassenpatienten hinnehmen, dagegen nur vier Prozent der Privatversicherten. Eine Zwei-Klassen-Medizin wollte Köhler trotzdem nicht erkennen. „Es gibt keine Unterschiede bei der Behandlungsqualität – aber beim Behandlungskomfort“, sagte er. Dazu zählten die Wartezeiten, nicht aber die medizinisch notwendige Versorgung.

Überraschenderweise beschwerte sich nur ein kleiner Teil der Patienten über die Wartezeiten: Nur neun Prozent gaben an, dass ihnen die Wartezeit auf einen Termin zu lange gedauert hat. Von den Befragten, die mindestens einen Tag auf ihren Termin warten mussten, empfanden 17 Prozent die Wartezeit als zu lang.

Vor allem Fachärzte fehlen

Die Patienten in den östlichen Bundesländern beurteilen die allgemeine Versorgungssituation kritischer als im Westen: In Sachsen-Anhalt empfindet fast die Hälfte der Patienten eine (noch unproblematische) Unterversorgung mit Hausärzten, 14 Prozent sehen die Situation bereits als problematisch an. Am wenigsten wird ein Mangel an Hausärzten in Nordrhein-Westfalen beurteilt. „Vermutlich weil hier durch die großen Ballungszentren viele Ausweichmöglichkeiten bestehen“, sagte KBV-Vorstandsmitglied Regina Feldmann. Bundesweit gelte jedoch: je kleiner die Wohngemeinde, desto stärker werde ein Mangel an Hausärzten empfunden.

Noch gravierender wird von den Befragten der Mangel an Fachärzten beschrieben. Gut ein Drittel sagte, dass es nicht genügend Fachärzte in der Nähe des Wohnorts gebe. Von diesen Personen wiederum hat ein Drittel Probleme überhaupt einen passenden Facharzt zu finden. Der Mangel an Fachärzten wird vor allem in Brandenburg, Thüringen und Sachsen beklagt. Am häufigsten fehlen Orthopäden Augenärzte und Dermatologen.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen nach Aussage von Feldmann den Trend, wonach immer mehr Fachärzte in der wohnortnahen Grundversorgung fehlen. Damit werde auch das Argument gegen den Medizinermangel, dass die Arztzahlen insgesamt ja stiegen, widerlegt. „Es kommt schließlich nicht nur darauf an, dass Ärzte ausgebildet werden, sondern auch welche“, erklärte Feldmann.

Wenig Probleme mit IGeL

Die in der Kritik stehenden Selbstzahlerleistungen spielen aus Sicht der Patienten keine große Rolle. Gut einem Fünftel der Befragten wurde eine dieser Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) vom Arzt angeboten, 17 Prozent haben von sich aus nachgefragt. Insgesamt werden IGeL häufiger von Fachärzten angeboten beziehungsweise dort nachgefragt als beim Hausarzt.

Neun von zehn Patienten hielten die Bedenkzeit für ausreichend, um sich für oder gegen ein Angebot zu entscheiden. Die Studie belege, dass die überwältigende Mehrheit der Ärzte und Patienten sinnvoll mit IGeL umzugehen weiß, sagte Feldmann. „Das vorverurteilende Bild des Arztes als geldgieriger Verkäufer ist falsch.“

Nachholbedarf gibt es noch bei der Prävention. Ein Drittel der Befragten gibt an, nicht regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen – Zahnärzte waren ausgenommen – zu gehen.

Frauen nehmen durchschnittlich häufiger solche Untersuchungen wahr als Männer. In der Altersgruppe 35 bis 59 Jahre geben 80 Prozent der Frauen an, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen; bei den Männern ist es nur gut jeder zweite. Feldmann: „Hier gibt es wirklich Nachholbedarf.“



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