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01.11.10 / 00:14
Heft 21/2010 Gesellschaft
FDI-Kongress in Brasilien

Wege aus der Krise

Der diesjährige Kongress der FDI World Dental Federation fand vom 2. bis 5. September 2010 in, in Salvador de Bahia statt. Das Motto: „Local Challenges, Global Solutions“ prägte das wissenschaft-liche Programm. Politisch spannend war vor allem die Diskussion um die Organisationskrise der FDI, hier wurden – auch Dank des Engagements der deutschen Delegierten – konstruktive Lösungen erarbeitet, um dem Gremium mehr Professionalität zu verleihen.




Nach Angaben des Local Organizing Committee wurden bis zum dritten Kongresstag 6 654 Teilnehmer und 2 881 Aussteller aus 115 Ländern registriert. Angesichts der erwarteten Zahl von 18 000 Teilnehmern – der brasilianische Zahnarztverband gibt 223 000 Mitglieder an – waren diese Besucherzahlen enttäuschend. Die Teilnahme internationaler Zahnärzte war entsprechend niedrig.

Dennoch wurde über eine gute Nachfrage in den Vortragssälen berichtet. Eine relativ kleine Dentalschau begleitete den Kongress, die deutsche Industrie war nicht, wie sonst bei außereuropäischen Kongressen üblich, mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Das Generalthema des Kongresses „Oral Health for All – Local Challenges, Global Solutions“ wurde in 135 Einzelvorträgen angeboten. Dr. Julian Fischer, Direktor der drei FDI-Komitees für Wissenschaft, Bildung und Praxis, resümierte, dass das wissenschaftliche Programm des Kongresses „das beste Wissen weltweit zusammenfasst, um es den Allgemeinzahnärzten weiter zu vermitteln, damit sie es im Praxisalltag zum Wohle ihrer Patienten umsetzen können“.

Parlament der Zahnärzte

Dem Kongress vorgeschaltet und auch zeitgleich fanden die vielen Geschäftssitzungen der FDI statt – leider an einem vom wissenschaftlichen Programm getrennten Ort. Delegierte aus 134 Ländern, die beinahe 200 National- und Berufsverbände vertreten, können als ordentliche, außerordentliche, angegliederte oder fördernde Mitglieder am Parlament der Zahnärzte, der Generalversammlung, teilnehmen. In Salvador waren 148 wahlberechtigte Delegierte aus 82 Mitgliedsländern vertreten, ferner stellvertretende Delegierte und viele außerordentliche und angegliederte Mitgliedsverbände. Neu aufgenommen wurden die Zahnärzteverbände Ägyptens und Weißrusslands sowie die Verbände South Pacific Smiles, Academy of General Dentistry und Brazilian Academy of Dentistry. Eine Initiative, den fünf Regionalorganisationen der FDI –Europa, Asien-Pazifik, Afrika, Nordamerika und Südamerika – jeweils eine zusätzliche Wahlstimme in der Generalversammlung zu geben, um die Regionalorganisationen zu stärken, wurde mehrheitlich abgelehnt, da darin kein Sinn gesehen wurde und dies voraussetzen würde, dass die Regionalorganisationen ein einheitliches Mandat abgeben könnten, was in der Realität selten der Fall sein dürfte.

Kompetente deutsche Vertretung

Bei den Wahlen wurden die bisherige Schatzmeisterin Dr. Tin Chin Wong (Hongkong) und die Ratsmitglieder Dr. Patrick Hescot (Frankreich) und Dr. Arif Alfi (Pakistan) in ihren Ämtern bestätigt und Prof. Dr. Nermin Yamalik (Türkei) und Dr. Jack Cotrell (Kanada) neu in den Rat gewählt. ZA Ralf Wagner, KZV Nordrhein, wurde von der Generalversammlung für ein zweites Mandat von drei Jahren in das Komitee für zahnärztliche Praxisführung gewählt, Prof. Dr. Elmar Reich, Biberach, wurde zum Vorsitzenden des Komitees für Bildung bestimmt. BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel ist noch für ein Jahr Mitglied im FDI Rat und im erweiterten Exekutivkomitee und Prof. Dr. Georg Meyer, Greifswald, Mitglied im Wissenschaftskomitee, so dass alle wichtigen Gremien der FDI mit kompetenten deutschen Vertretern besetzt sind. Einnahmesituation der FDI und die Möglichkeit zu verbesserten Partnerschaften mit der Industrie kritisch zu prüfen und eine Überarbeitung des Businessplanes auf robuster und glaubwürdiger Basis vorzunehmen. Der Rat der FDI beschloss ebenfalls, ein Komitee einzusetzen, um Interessenkonflikte und unklares Finanzgebaren zum Salvador-Kongress zu überprüfen. Er erwartet einen abschließenden Bericht bis zur Mitjahressitzung des Rates.

Amalgamdiskussion

Zwar hat die Diskussion über die Führungskrise der FDI, Business Plan, Finanzen, Kongressorte und Zusammenarbeit mit der Industrie einen großen Raum eingenommen, es wurden dennoch auch viele fachliche Themen diskutiert. Mit überwältigender Mehrheit wurde die vom Wissenschaftskomitee erarbeitete Präambel zu einem Papier für das United Nations Environmental Program (UNEP) für die Entwicklung eines verbindlichen Abkommens zur weltweiten Verwendung von Quecksilber angenommen. Es wurde festgestellt, dass in der äußerst stabilen Legierung Amalgam gebundenes Quecksilber nur den Bruchteil eines Prozentes zur globalen Gesamtbelastung durch Quecksilber beiträgt, übrigens hier interessanterweise durch Leichenverbrennungen inner- und außerhalb von Krematorien.

Ebenso wie bei der Tagung 2009 in Singapur wurde auch bei dieser Tagung in Salvador die Sicherheit von Amalgam als Restaurationsmaterial einmütig bestätigt. Es wurde weiterhin festgestellt, dass in letzter Konsequenz bisher noch kein ebenso zweckmäßiges und geeignetes anderes plastisches Restaurationsmaterial als Alternative zur Verfügung steht. Deshalb könnte derzeitig ein schrittweiser Verzicht auf Dentalamalgam und andere Restaurationsmaterialien nur in Verbindung mit einer effektiven Kariesprävention und der damit verbundenen Programme zur Gesundheitsförderung erfolgen (Wortlaut der Resolution siehe Info- Kasten).

Globale Kariesinitiative

Eine von der FDI gestartete globale Kariesinitiative soll die Allgemein- und Mundgesundheit der Bevölkerung weltweit bis zum Jahr 2020 deutlich verbessern. Hierbei arbeitet die FDI eng mit der International Association for Dental Research (IADR) und der International Federation of Dental Educators and Associations (IFDEA) zusammen. Angestrebt wird eine breite Allianz von Schlüsselpersonen und Entscheidungsträgern aus Forschung, Bildung, Praxis, öffentlicher Gesundheit und Industrie, die alle zum gemeinsamen Ziel beitragen sollen: einen grundsätzlichen Wandel der Gesundheitssysteme und des individuellen Verhaltens zu bewirken, um die hochgesteckten präventiven Ziele bis 2020 zu erreichen.

Dazu wurden bereits mehrere Konferenzen in Rio de Janeiro, Singapur, New York und Dubai durchgeführt. Die FDI berät dabei über geeignete präventive Modelle zum Kariesmanagement, erarbeitet eine gemeinsame Sprache zu Karies für Praxis, Ausbildung, Forschung und öffentliche Gesundheit, basierend auf der besten Evidenz für eine moderne Prävention. Die FDI erarbeitet ein Standard-Glossar zur Terminologie der Kariologie, um weltweit eine gültige Definition der Begriffe für die Entstehung, Prophylaxe und Therapie der Karies zu erzielen. Außerdem wird ein Positionspapier erarbeitet, das weltweit präventive Methoden präsentieren wird, aus welchem sich die Zahnärzte vor Ort die für sie geeigneten Methoden auswählen können.

Patientensicherheit

Die WHO startete 2009 eine Initiative zur Patientensicherheit, die eine immer größere Bedeutung für die Gesundheitsversorgung in allen nationalen Systemen erhält. Zusammen mit führenden Verbänden der Gesundheitsberufe und der Hochschullehrer wurde ein Leitfaden zu einem Curriculum Patientensicherheit erarbeitet (WHO Patient Safety Curriculum Guide). Die FDI ist dabei einer der Primärpartner der WHO; es gilt, Aspekte der Patientensicherheit in Ausbildung und Berufspraxis zu implementieren.

Beim Kongress 2009 in Singapur wurde ein Mundgesundheitsatlas der FDI in Buchform veröffentlicht, der jetzt in eine interaktive Internetplattform zu Mundgesundheitsdaten „Data Mirror“ umgewandelt wurde. Beide sich ergänzenden Publikationen stellen Mundgesundheit als einen vernachlässigten Aspekt der Allgemeingesundheit für Individuen und Gesundheitssysteme heraus und vermitteln Informationen über individuelle und populationsbezogene Lösungen zur Förderung der Mundgesundheit.

Neu vorgestellt wurde die erste Phase einer elektronischen Kommunikationsplattform für FDI-Mitgliedsverbände, -Rat und -Verwaltung: VOX, the voice connecting the oral health world. Ziel ist es, den weltweiten Informationsaustausch zu erleichtern.

ERO zu Selektivverträgen

Bei der in Salvador stattfindenden halbtägigen ERO-Vollversammlung wurde ein Statement zu „Selektivverträge[n] staatlicher und privater Krankenversicherungen in der zahnärztlichen Versorgung in den Mitgliedsländern“ einstimmig verabschiedet (siehe Info-Kasten). Das Statement war von der ERO-AG Freie zahnärztliche Berufsausübung unter Leitung von Dr. Ernst- Jürgen Otterbach, erarbeitet worden. Die negativen Wirkungen von Selektivverträgen werden darin aufgezeigt und freie Arztwahl und Therapiefreiheit als Grundlage einer freiberuflichen zahnärztlichen Berufsausübung bestätigt.

Im gesellschaftlichen Begleitprogramm zum FDI-Kongress wurde die traditionelle Eröffnungsveranstaltung angeboten. Die erste Stunde war mit langen Reden und einem lieblosen Roll Call of Nations ausgefüllt, so dass viele Zuschauer schon den Saal verließen, ohne die dann folgende lebendige und bunte brasilianische Tanzschau noch zu erleben. Die Bundeszahnärztekammer lud alle Teilnehmer am FDI-Kongress aus Deutschland, die europäischen Delegierten und internationale Freunde zu einem stilvollen Beisammensein in ein Waisenhaus aus dem 18. Jahrhundert ein, das noch heute als Jungenschule genutzt wird. Im großen Innenhof des ehemaligen Klosters begrüßte Dr. Peter Engel die Gäste der BZÄK. Die Resonanz auf den Deutschen Empfang war wieder sehr positiv.

Barbara Bergmann-Krauss
Universitätsstr. 73
50931 Köln

INFO

ERO-FDI Statement 2010 zu Selektivverträgen staatlicher und privater Krankenversicherungen in der zahnärztlichen Versorgung in den Mitgliedsländern:

In zunehmendem Maße werden in Europa Zahnärzten und Gruppen von Zahnärzten Selektivverträge von Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen angeboten.

Unter dem Vorwand einer Liberalisierung des Gesundheitsmarktes und einer Qualitätssteigerung geht es den Selektivvertragsanbietern einzig um die Erzielung von „Einsparpotenzialen“ bei den Zahnärzten.

Aufgrund der zunehmenden Marktmacht der Versicherungen wird die Position der eigenverantwortlich, in freier Berufsausübung tätigen Zahnärzte, geschwächt. Zahnärzte, die Selektivverträge abschließen, begeben sich in massive Abhängigkeit, wobei Zahnärzte, die sich in keinen Selektivvertrag einschreiben, sukzessive vom Markt verdrängt werden.



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