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01.09.11 / 12:00
Heft 17/2011 Gastkommentar

Wenig wirksam

Die Bundesregierung lockert die Zuwanderungsregeln für Mediziner. Gegen den Ärztemangel wird das wenig helfen, meint Dr. Dorothea Siems, Politikkorrespondentin der Welt, Berlin.




Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat die Ärzteschaft aufgeschreckt. Die CDU-Politikerin will ausländische Mediziner anwerben, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Die Hürden für ausländische Ärzte sollen gesenkt werden. So müssen etwa Krankenhäuser, die einen Zuwanderer einstellen wollen, künftig nicht mehr prüfen, ob es nicht einen geeigneten deutschen Kandidaten gibt. Die Regierung kündigte überdies einen regelrechten Werbefeldzug an, um die begehrten Akademiker anzulocken. Viele Ärztevertreter reagieren mit Ablehnung und sprechen von einem „Schildbürgerstreich“. Sie fürchten sich vor Lohndumping und einem Absinken des medizinischen Standards. Tatsächlich aber sind die Sorgen der Ärzte ebenso überzogen wie die Hoffnungen der Politiker. Die Mediziner aus aller Welt werden keineswegs in Scharen kommen.

Zunächst einmal ist die Abschaffung der Vorrangprüfung für einige Ingenieurberufe und Ärzte nicht verkehrt. Hierzulande gibt es in beiden Sparten einen akuten Mangel. Im Gesundheitswesen kommt diese Entwicklung keineswegs überraschend. Die Ärzteschaft warnt seit Jahren vor dem drohenden Ärztemangel. Zahlreiche Kliniken können Stellen nicht besetzen, und viele Praxen, insbesondere in Ostdeutschland, müssen geschlossen werden, weil die Inhaber in den Ruhestand gehen und keine Nachfolger finden. Nicht nur die Patienten, sondern auch die hier lebenden Ärzte würden durchaus profitieren, wenn Kollegen aus dem Ausland die Lücke schließen würden.

Doch so gut die Idee auf den ersten Blick aussieht, so schwierig ist die Umsetzung. Für den Arztberuf gelten ebenso wie für Zahnärzte oder Apotheker besonders hohe Anforderungen, damit im Ausland erworbene Abschlüsse von den hiesigen Behörden anerkannt werden. Das hat nicht nur mit Bürokratie zu tun, sondern auch mit Sicherheitserwägungen. So gilt zwar eine in der Schweiz absolvierte Ausbildung als gleichwertig, nicht jedoch eine bulgarische. Wer jedoch, um in Deutschland arbeiten zu dürfen, sein Examen noch einmal ablegen muss, wird in den meisten Fällen wohl darauf lieber verzichten. Und Ärzte aus Ländern wie der Schweiz, Norwegen oder Großbritannien, die recht problemlos eine Anerkennung bekommen könnten, zieht es bislang nur selten hierher – während viele deutsche Kollegen dorthin auswandern. Die Anerkennung wird indes nicht nur in Deutschland sehr restriktiv gehandhabt. Auch klassische Einwanderungsländer wie Kanada oder die USA fordern meist das Wiederholen des Examens. Dabei herrscht auch in diesen Ländern in den akademischen Gesundheitsberufen Personalmangel. Doch in diesem sensiblen Bereich will kein Land Risiken eingehen.

Die angekündigten Maßnahmen der Bundesregierung, so steht zu befürchten, werden die hiesigen Personalprobleme im Gesundheitswesen nicht lösen. In den meisten Ländern, in denen die Ausbildung ein vergleichbares Niveau wie in Deutschland hat, gibt es für Mediziner keinen Anreiz, hierherzukommen. Und Interessenten aus ärmeren Staaten erfüllen meist die hiesigen Standards nicht. Überdies ist es zynisch, Entwicklungsländern die Ärzte abzuwerben, die in ihrer Heimat dringend gebraucht werden.

Der Schlüssel zur Lösung der Probleme liegt im Wesentlichen bei uns selbst. Warum übernimmt jeder vierte Medizinstudent später keinen Arztjob hier, sondern geht ins Ausland oder wählt einen anderen Beruf? Offenbar ist der einstige Traumberuf heute längst nicht mehr so attraktiv wie früher. Junge Mediziner klagen über mangelnde Wertschätzung und abschreckende Arbeitszeiten. Die Mehrzahl der Studienabsolventen ist weiblich und empfindet den Gesundheitsbetrieb häufig als wenig familienfreundlich. Auch das politische Gezerre um Arzthonorare und Budgets macht diesen Beruf nicht attraktiver. Verbesserungen an dieser Stelle würden mehr bringen als die Lockerung der Zuwanderungsregeln.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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