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01.02.14 / 00:01
Heft 03/2014 Gesellschaft
Kulturen des Alterns

Wenn Leben nachlässt

Wie stellt man die Lebenswirklichkeit alter Menschen authentisch dar? Ganz einfach: Man lässt sie selbst zu Wort kommen. Bei einem Literaturfestival in Berlin sprachen Schriftsteller über ihre subjektiven Erfahrungen mit dem Altern, den Umgang mit Demenz und Krankheit, den körperlichen Verfall und den Erhalt der Kreativität als Merkmal von Lebensqualität.




„Und das ist doch die Frage, wie erleben Sie oder ich das Alter, in welchen Umständen sind wir, wie begütert oder verarmt und mit welcher Sehnsucht?“, schreibt die Autorin Ingrid Bachér in ihrem Essay „Die Rede einer alten Frau“. Den Text hat die 83-Jährige für die Veranstaltung „Weltweisheit – Kulturen des Alterns“ im Rahmen des 13. Internationalen Literaturfestivals Berlin im vergangenen Herbst verfasst.

Neben ihrem Essay erschienen die Texte neun weiterer Autoren und Journalisten, die beim Literaturfestival auch persönlich über ihre subjektiven Erfahrungen mit dem Alter und die Bilder des Alterns in ihren Kulturen sprachen. Die literarische Annäherung an das Thema ergänzten Podiumsgespräche mit Altersforschern, die sich um Schwerpunkte wie Lebensqualität und Kreativität in den letzten Lebens- abschnitten drehten.

Neue Blickwinkel wählen

Die Altersforscherin Dr. Sonja Ehret vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sprach mit dem ungarischen Autor Péter Farkas. Der Austausch mit ihm sei sehr interessant gewesen, berichtet die Wissenschaftlerin: „Sein Text spielt ein bisschen in die Demenzforschung hinein, die ich auch betreibe. Meine Studien haben nicht die klassischen psychischen oder psychiatrischen Methoden im Fokus. Es geht eher darum, das Individuum in seiner Innenwelt zu verstehen. Die Literatur ist dabei eine spannende Quelle.“

Dabei denke sie auch an Farkas’ Roman „Acht Minuten“, in dem er die letzten Tage eines alten, dementen Paares beschreibt. Laut Ehret spielt in der Geschichte das sogenannte Leibgedächtnis eine wichtige Rolle. „Dieses Gedächtnis bleibt auch bei Demenz erhalten. Es ermöglicht dem Paar, ganz eingestimmt aufeinander zu sein. Es benötigt keine Sprache mehr, um miteinander zu kommunizieren“, fügt sie hinzu. Diese Fähigkeit dementer Menschen wird zum Bedauern der Wissenschaftlerin von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. „Man sollte bei Demenz nicht immer nur auf die kognitiven Defizite eingehen. An Demenz erkrankte Menschen erleben natürlich Verluste, aber es bleiben auch Dinge erhalten, nämlich das in Fleisch und Blut überge- gangene Wissen, das leider viel zu wenig thematisiert wird“, so Ehret.

In seinem Essay für das Literaturfestival wirft auch Farkas einen kritischen Blick auf die Art und Weise, wie Demenz in unserer Gesellschaft betrachtet wird. Er zieht unter anderem das Beispiel seiner Urgroßmutter heran und erinnert sich an einen Tag in seiner Kindheit. Damals schickte seine 94-jährige „Uri“ seine 70-jährige Großmutter in den Schreibwarenladen, um ihr ein liniertes Heft zu kaufen. Als er die alte Frau fragte, wozu sie das Heft brauche, habe sie nur gesagt, dass doch die Schule bald wieder anfange. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Uri deswegen für blöd oder krank gehalten hat. Sie war einfach alt“, schreibt Farkas und gibt zu bedenken: „Wer für krank erklärt wird, mit dem stimmt etwas nicht, dem fehlt etwas. Meist wird er separiert und behandelt. Das Altsein kann man aber nicht heilen, ebenso wenig wie die Selbstauflösung des alternden Gehirns oder die Veränderung des Bewusstseins im Alter.“

Schaffenskraft bis zum Ende

Kreativität im Alter stand im Mittelpunkt des Vortrags von Altersforscher Prof. Dr. Andreas Kruse vom geriatrischen Institut in Heidelberg. Er betonte, dass man sich diese Eigenschaft bis ins hohe Alter bewahren könne: „Das körperliche Altern ist noch einmal etwas ganz Anderes als das seelisch-geistige Altern. Während der Körper mit zunehmendem Alter verletzlicher wird, können wir seelisch-geistig bis ins hohe Lebensalter hinein sehr aktiv sein und bemerkenswerte schöpferische Kräfte entwickeln.“

Kruse lobte die Veranstaltung auf dem Literaturfestival. Sie habe deutlich gemacht, dass Kreativität nicht nur in jungen Lebensjahren ein Thema sei. „Ich finde es schön, dass man sich auf dem Festival mit der Frage beschäftigt hat, inwiefern alte und sehr alte Menschen kreativ sein können und wie die Rahmenbedingungen dafür aussehen müssen.“ Positiv sei auch gewesen, dass Kreativität nicht hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der Leistung im Sinne von Werke schaffen betrachtet worden sei, sondern auch im Hinblick darauf, wie Menschen ihr Leben gestalten.

Der Begriff Alterskreativität beinhaltet laut dem Heidelberger Forscher, dass Dinge und Prozesse, die alte Menschen in ihrer Welt beobachten und manchmal auch künstlerisch umsetzen, eine starke individuelle und biografische Komponente bekommen. Das beobachte er auch in den Werken des Schriftstellers und Kabarettisten Franz Hohler, der auf dem Festival nach ihm sprach. Seinem Essay stellte der Schweizer Künstler ein Gedicht voran, das er anlässlich seines 70. Geburtstags im Jahr 2013 geschrieben hatte. Gedicht und Essay setzen sich damit auseinander, wie einen das Alter plötzlich im Alltag überrascht und wie schwer – und auch verletzend – es sein kann, das zu akzeptieren. „Täuschst du dich oder zittert manchmal die Hand ein bisschen, wenn du den Suppenlöffel hältst?“, fragt Hohler in seinem Festivalbeitrag „De Senectute“. Oder: „Bist du das wirklich, von dem das Straßenverkehrsamt ein ärztliches Zeugnis verlangt, du seiest noch fähig, ein Auto zu lenken? Warum feiern so wenige Freunde den vierzigsten und immer mehr ihren sechzigsten, siebzigsten, achtzigsten? Und wieso will der dunkle Anzug im Kleiderschrank nicht mehr nach hinten rücken?“ Diese schmerzlichen Fragen unterbricht Hohler immer wieder mit humorvollen Gedanken, etwa: „Wird die Sparlampe, die du im WC einschraubst, Brenndauer 10 000 Stunden, länger halten als du?“

Humor benennt Kruse als eine wichtige Eigenschaft, um gut zu altern. „Er ermöglicht es Menschen, sich von der Welt und sich selbst zu distanzieren. Manche Ältere zentrieren sich ja sehr um sich selbst, was sehr schade ist. Es ist viel besser, sich manchmal nicht zu wichtig zu nehmen – dadurch wird man im Übrigen auch zu einem viel attraktiveren Gesprächspartner“, erklärt der Altersforscher.

Ökonomie ist nicht alles

Die Veranstaltung „Weltweisheit“ fand in Anlehnung an das Wissenschaftsjahr 2013 statt, das sich mit dem Thema „Die demografische Chance“ beschäftigt hat. Die Aktionen im Rahmen dieses Jahres sollten unter anderem Erkenntnisse bringen, wie sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf die zunehmende Zahl alter Menschen einstellen können, damit Deutschland auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt. Die Chancen des Alters ökonomisch zu betrachten, sei problematisch, waren sich Altersforscher und viele der Autoren beim Literaturfestival einig. Man fokussiere sich oft zu stark auf ein Kosten-Nutzen-Denken, sagte Ehret.

Farkas sieht die bloße Tatsache des Alterns als ein kraftvolles Statement gegen diesen Denkansatz: „Was für eine Subversion! Sich im Alter zurücknehmen, verlangsamen, loslassen, wo wir doch darauf dressiert sind, zu erhöhen, zu beschleunigen, etwas zu ergattern. Gegenstände, Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung, Eigenschaften, vor allem jene, die im monetären Sinn einen Preis haben, und die es möglich machen, noch mehr zu ergattern.“

Bachér kommt in ihrem Essay zu einem ähnlichen Schluss: „Wir Alten haben die Chance, lästig zu sein, weil wir mit unserem langsamen Hinwelken und sicheren Tod immer wieder etwas ins Bewusstsein bringen, was man vergessen möchte in unserer Welt der körperlosen Kommunikation. Die Natur führt mit uns vor, dass jedes Wachstum endlich ist.“

Susanne Theisen
Freie Journalistin in Berlin
info@susanne-theisen.de

Die komplette Essaysammlung vom Literaturfestival finden Sie im Internet unter: literaturfestival.com/news/autorenessays-zum-thema-weltweisheit-kulturen-des-alterns



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