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16.01.17 / 00:01
Heft 02/2017 Editorial

Wenn das Digitale gesund machen soll



Postfaktisch! Seit dem erfolgreichen Trump´schen Wahlkampf um die US-amerikanische Präsidentschaft ist dieses Wort in kurzer Zeit ein in unserer Medienlandschaft viel und gern verwendetes Synonym dafür geworden, wenn jemand es mit den überprüfbaren Fakten, vulgo Wahrheit, nicht so genau nimmt. Nachfolgend die etwas längere, aber aufschlussreiche Definition auf Wikipedia: „Postfaktische Politik ist ein politisches Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem nicht postfaktischen oder demokratischen Diskurs wird dagegen – gemäß dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert, ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

Auch wenn angesichts vorgenannter Definition diese Schlussfolgerung naheliegend ist: Es geht an dieser Stelle nicht wirklich um das derzeit drängendste Thema, das GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetz. Auch nicht um das E-Health-Gesetz, das den Fahrplan für die Einführung einer digitalen Infrastruktur sowie die Anwendungen auf der digitalen Gesundheitskarte vorsieht. Dieses Gesetz sah die Politik als zwingend nötig an, um die digitale Gesundheitskarte und ihre Anwendungen nach mehr als 10 Jahren Entwicklungszeit und enervierenden Diskussionen rund um den Datenschutz und der Frage, welche Daten denn nun wann und wie auf der Karte abgelegt und von wem gelesen werden dürfen, nicht als Rohrkrepierer enden zu lassen.

Es geht um die große Welt der digitalen „Gesundheitsprodukte“, angefangen bei Apps zur Übermittlung von Daten und nicht endend bei Unterhemden mit integrierten Sensoren. An der Sinnhaftigkeit einer gesicherten und strukturierten digitalen Kommunikation unter den Heilberuflern besteht selbst in Deutschland heutzutage kein ernsthafter Zweifel mehr. Sobald es aber um die Frage geht, wem, wann und welche der gespeicherten Patienteninformation zur Verfügung stehen sollen, driftet die Diskussion teils weit auseinander in die altbekannten Lager samt zugehöriger Schützengräben. Und die Frage nach der Umsetzung einer unzweifelhaft sinnvollen elektronischen Patientenakte landet wieder mal auf der langen Bank, obwohl der Patientennutzen nicht mehr infrage stehen kann.

Diese Lücke macht sich nun die digitale Gesundheitswirtschaft breit und verspricht neben einem Riesenmarkt – man geht laut dem Beratungsunternehmen Roland Berger von einem weltweiten Marktvolumen von über 200 Milliarden Dollar bis 2020 aus – die digitale Umgestaltung des Gesundheitswesens samt Innovationssprüngen, „die das Potenzial haben, zu einem unverzichtbaren Bestandteil der vernetzten Gesundheit zu werden“. Gemeint sind neben den schon fast obligatorischen 3-D-Druckern auch Wearables, Apps, Sensoren, Fitnesstracker und so weiter und so fort. Dank Smartphone und entsprechender Konnektivität – zum Beispiel in andere Informationssysteme wie Praxismanagementsysteme hinein – soll es gelingen, allseits und jederzeit und am besten sämtliche aktuellen Informationen über den Gesundheitszustand eines Individuums verfügbar zu machen. Ja wem? Einer Maschine oder einem Heilkundigen? Und dann?

Was mich an der ganzen Diskussion um die sogenannte digitale Gesundheit so stört, ist die unbewiesene Behauptung, dass Gesundheit entweder von einem selbst oder mit „sanfter“ Hilfe unserer heutigen multioptionalen Nanny-Gesellschaft gestaltbar ist. Und genau in diese Kerbe schlagen die Apologeten der digitalen Gesundheitswirtschaft. Ich würde so etwas präfaktische Substanzlosigkeit nennen. Aber leider gibt es dieses Wort noch nicht, jedenfalls nicht im Duden. Oder ist es doch schon postfaktisch?

Dr. Uwe Axel Richter, Chefredakteur © zm-Axentis.de


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