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01.11.09 / 00:14
Heft 21/2009 Medizin
Schulprobleme hochbegabter Kinder

Wenn die Klügsten scheitern

Martin H. SchmidtWenn hochintelligente Schüler auf ahnungslose und uninteressierte Erwachsene stoßen, gibt es häufig Probleme mit den schulischen Leistungen. Der Grundstein für eine optimale Entwicklung der Fähigkeiten dieser Kinder wird bereits in den ersten Schuljahren gelegt. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass die motorische und soziale Entwicklung nicht zu kurz kommt.




Lange war die Förderung von Eliten aus einem falschen Demokratieverständnis heraus suspekt. Selbst aus renommierten Büchern der Entwicklungspsychologie waren Kapitel über Hochbegabte gestrichen worden. Unter dem Einfluss des Sputnikschocks begann sich dies zu ändern, wurde mit der Globalisierung dringlicher und hat angesichts der PISA-Studien erst recht Aktualität erlangt. Heute werden Ärzte und Psychiater mit der Thematik konfrontiert, wenn Eltern nach Möglichkeiten suchen, eine Unterforderung hochbegabter Kinder auszugleichen oder ihr vorzubeugen, aber auch dann, wenn psychopathologische Symptome auftreten oder schulische Konflikte fehlgedeutet werden.

Zwei Prozent der Schüler sind hochbegabt

Intelligenztests sind so normiert, dass sie bei 68 Prozent der Untersuchten Intelligenzquotienten innerhalb einer negativen und einer positiven Standardabweichung vom Mittelwert ergeben (IQ-Werte zwischen 85 und 115). Für die 16 Prozent jenseits des oberen Grenzwerts spricht man von guter Begabung, für die gut zwei Prozent jenseits der zweiten positiven Standardabweichung (IQ ab 130) von sehr hoher Intelligenz. Diese Kinder und Jugendlichen sind oft früher „schulreif“ als Gleichaltrige, sie durchlaufen den Bildungsweg rascher als die meisten und sind zu allgemeinen oder spezifischen kognitiven, kreativen, sozialen, künstlerischen oder motorischen Hochleistungen fähig. Voraussetzungen dafür sind in der Regel entsprechende Förderung und intrinsische Motivation. Die Gesellschaft schuldet auch künftigen Leistungsträgern angemessene Unterstützung bei ihrer Entwicklung.

Einfache Intelligenztests genügen nicht

Für die Diagnostik hoher Begabungen sind mehrdimensionale Intelligenztests unerlässlich, denn Hochleistungen dürfen nicht nur in einem Segment der kognitiven Fähigkeiten erbracht werden. Geeignet sind das Leistungsprüfsystem (LPS), das adaptive Intelligenzdiagnostikum (AID), die neue Revision des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests für Kinder (HAWIK III) oder ähnliche Verfahren. Die Testprofile dürfen dabei Spitzen, aber keine Einbrüche bei Einzelleistungen aufweisen. Zusätzlich ist die Erhebung eines psychopathologischen Befunds als Screening notwendig, um Symptome auch in Bereichen zu erkennen, über die Eltern und/oder der Patient aktuell nicht klagen, und um eine ausreichende Differentialdiagnostik zu ermöglichen. Nicht im pathologischen Bereich liegen häufige Verhaltensweisen sehr gut begabter Kinder und Jugendlicher, die testdiagnostisch schwer zu erfassen sind, sich häufig aber aus der Vorgeschichte ergeben (Tabelle 1).

Probleme und Fehldiagnosen

Auch wenn gut begabte Kinder ihre Entwicklungsaufgaben häufig ohne Schwierigkeiten meistern, unterliegen sie dennoch typischen Entwicklungsrisiken. Bei Mädchen und Kindern aus Randgruppen oder Minderheiten wird eine hohe Begabung leichter verkannt, obwohl sie hier gleich häufig vorkommt wie in anderen Bevölkerungsgruppen. Der Zwang zu konformem Verhalten in der Schule verlangt oft besondere Anpassungsleistungen. Die Neugier gerät in Konflikt mit der Notwendigkeit des Übens. Mit der Problematik nicht vertraute Erwachsene können dann für die Realisierung hoher Leistungen eher hinderlich sein.

Das Hauptrisiko ist, dass während des Grundschulalters, in dem wesentliche Aspekte der Leistungsmotivation verfestigt werden, eigenes Anstrengungsverhalten nicht ausreichend gefördert wird. Um eine optimale intrinsische Leistungsmotivation auszubilden, sind Anforderungen notwendig, die knapp unterhalb der Schwelle dessen liegen, was für das jeweilige Kind erreichbar ist. Steigen beim Übergang in die Sekundarstufe die Anforderungen und sehen sich gut begabte Schülerinnen und Schüler in Konkurrenz zur Gruppe Leistungsstärkerer, wirkt sich das Fehlen von Anstrengungsbereitschaft meist nachteilig aus. Solche Kinder müssen Lerntechniken, auf die andere schon in der Grundschule angewiesen waren, manchmal erst in der Sekundarstufe erwerben und erleiden deshalb Leistungseinbrüche, die zur Resignation führen können. Sozial sind Kinder mit hoher Intelligenz zuweilen isoliert, weil ihre Altersgenossen ihren kognitiven Ansprüchen nicht genügen, obwohl sie für die motorische und soziale Entwicklung auf den Kontakt mit ihnen angewiesen sind. Dies tritt umso eher auf, je größer die intraindividuellen Diskrepanzen zwischen unterschiedlichen Entwicklungsbereichen (zum Beispiel motorischen Fertigkeiten und sozialer Intelligenz) sind. Solche Differenzen fallen vor allem am Übergang zum Jugendalter auf.

 Kinder mit Leistungsproblemen der geschilderten Art entwickeln häufig Ängste, depressive oder zwanghafte Symptome. Sie klagen häufiger über Schlafstörungen oder körperliche Beschwerden, ohne dass jeweils die Schwelle für eine krankheitswertige Störung überschritten wird. Solche Symptome werden begünstigt durch eine hohe Sensibilität und die Neigung zu Perfektionismus, aber auch durch unverträgliche Anpassungsforderungen aus einem Umfeld mit mangelndem Verständnis. Interaktionsprobleme in Familien oder auch in der Schule ergeben sich aus theoretisch berechtigten, aber praktisch nicht erfüllbaren Erwartungen von Bezugspersonen. Unterforderung, Motivationsdefizite, Unterschätzung oder sogar Abwertung können zu Konzentrationsstörungen führen und begünstigen Kontaktschwierigkeiten. Nicht vergessen werden darf, dass auch hochbegabte Kinder umschriebene Entwicklungsstörungen aufweisen können, wie die auf phonologischen Defiziten beruhende Lese-Rechtschreib-Schwäche, die im Kontext hoher Intelligenzleistungen als Folge fehlender Anstrengungen missverstanden werden kann. Zudem können die Kinder wie alle anderen auch belastenden Familienkonstellationen unterworfen sein.

Vorsicht Verwechslung!

Es gibt einige psychopathologische Störungsbilder, die mit typischen Symptomen oder Folgestörungen intellektuell sehr gut ausgestatteter Kinder verwechselt werden, die aber auch zusätzliche Komplikationen darstellen können.

Hyperkinetisches Syndrom: Reizoffenheit, Impulsivität und Ablenkbarkeit vor allem bei jüngeren Kindern können als Ausdruck kreativer Neugier fehlgedeutet werden.

Depressive Episoden /dysthyme Störungen: Sie müssen nicht Folge der oben beschriebenen typischen Konflikte sein, sondern können eigenständig auftreten, aber solche Folgestörungen vortäuschen.

Asperger-Syndrom: Das Missverhältnis zwischen kognitiv und emotional bestimmtem Verhalten führt nicht selten zu Fehldiagnosen.

Substanzmissbrauch: Seine Folgen können mit dem beschriebenen typischen Desinteresse verwechselt werden.

Angstsymptome und Angststörungen: Können völlig andere Gründe haben als die typischen Konflikte Gutbegabter.

Zwangsstörungen: Können mit Gründlichkeit und Perfektionismus solcher Schüler verwechselt werden.

Anorektische Essstörungen: Kommen bei gut begabten Schülerinnen häufiger vor als bei Mädchen mit durchschnittlicher Intelligenz.

Lösungswege

Da Schulprobleme gut begabter Schülerinnen und Schüler hauptsächlich aus den Differenzen mit schulischen und elterlichen Erwartungen resultieren, sind die meisten der infrage kommenden Interventionen pädagogischer Art. Oft wirken speziell diese vorbeugend gegen die Entstehung psychischer Störungen. Bei der Verkürzung des schulischen Curriculums denkt man in der Regel an ein schnelleres Durchlaufen der Sekundar- und Oberstufe. Gerade im Hinblick auf das Risiko mangelnder Motivationsentwicklung muss aber auch erwogen werden, Klassen in der Grundstufe zu überspringen. Dabei ist darauf zu achten, dass die motorischen und sozialen Anforderungen für sehr gut begabte Kinder nicht zu hoch sind beziehungsweise kompensiert werden können. Solche Probleme zeigen sich etwa im Schreibtempo oder beim Sportunterricht. Eine Alternative zum Überspringen von Klassen der Mittel- und Oberstufe sind Auslandsaufenthalte, die Sprachkenntnisse komplettieren und den Erfahrungshorizont generell erweitern. Kommen Lösungen dieser Art nicht infrage, bedarf es einer Anreicherung des schulischen Curriculums. Idealerweise ist dies Angelegenheit der Schule, um begabte Schüler nicht in Abhängigkeit von ihrem Herkunftsmilieu zu benachteiligen.

Auch den Eltern stehen vielfältige Möglichkeiten offen, um zusätzliche Lernanreize zu schaffen, die für die Motivation förderlich sind (Fremdsprachen lernen, künstlerischer oder sportlicher Bereich). Vielerorts werden Ferienkurse für gut begabte Kinder angeboten. Zudem bestehen zusätzliche Lernmöglichkeiten wie etwa in Form der „Kinderuniversität“. Eltern oder Lehrer können Kontakte mit Gleichbegabten und Gleichinteressierten vermitteln. Dabei darf der Umgang mit Kindern vergleichbarer motorischer und sozialer Entwicklung nicht vernachlässigt werden.

Medizinische/psychologische Hilfen

Therapeutische Interventionen des Kinderund Jugendpsychiaters, klinischen Psychologen oder Pädiaters können sich auf die Behandlung einer Grunderkrankung oder komorbiden Störung richten. Oft zielen sie auf die Beratung des Umfelds und seine Sensibilisierung für die Probleme des einzelnen Hochbegabten ab. Gelingt dies nicht, ist die Alternative eine kognitive Umstrukturierung bei den betroffenen Schülerinnen und Schülern selbst, dass ungünstiges Verhalten ihres Umfelds nicht negativer Absicht, sondern mangelndem Verständnis entspringt. Da häufig eine unzureichende intrinsische Motivation besteht, ist es therapeutisch wichtig, dass das Kind den Zusammenhang zwischen eigener Anstrengung und schulischem Erfolg erkennt. Umgekehrt müssen perfektionistische Ansprüche reduziert werden. Schließlich können Techniken des Interaktionstrainings helfen, Beziehungen zu Lehrern, Eltern und Gleichaltrigen zu verbessern.

Von den oben geschilderten Risiken sind die Folgen unzureichender Leistungsmotivation langfristig am gravierendsten. Langzeitstudien an Hochbegabten zeigen, dass fast ein Viertel von ihnen deswegen seine potenzielle Leistungshöhe nicht erreicht. Die Rate psychischer Störungen bei hochbegabten Kindern bleibt während des Jugendalters leicht erhöht. Soweit bekannt gleicht sie sich mit dem Eintritt ins Studium oder mit der beruflichen Bewährung der Prävalenz in der Gesamtbevölkerung an. Mit steigendem Alter lösen sich intraindividuelle Entwicklungsdisharmonien auf, alterstypische Interaktionsstörungen gehen mit zunehmender Unabhängigkeit des Jugendlichen zurück.

Fazit

Das Hauptaugenmerk muss einmal darauf gerichtet werden, dass hohe Begabungen bei Mädchen oder Kindern aus Randgruppen oder Minderheiten nicht übersehen werden. Leistungsmotivation muss im Grundschulalter nachhaltig gefördert werden. Auch im weiteren Bildungsgang sind die Kinder entsprechend ihrer Begabung zu fordern. Begleiterkrankungen hochbegabter Schülerinnen und Schüler müssen erkannt und behandelt werden. Innerhalb des kindlichen Umfelds besteht die Hauptaufgabe darin zu verhindern, dass typische Verhaltensweisen sehr gut Begabter aus Unbequemlichkeit oder Unverständnis abgewertet werden. Weniger denn je kann unsere Gesellschaft im Zuge des augenblicklichen Globalisierungsprozesses auf Hochleistungen gut begabter Kinder und Jugendlicher verzichten.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Martin H. Schmidt
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
Quadrat J 5
D-68159 Mannheim

Nachdruck aus: MMW-Fortschr. Med. Nr.
47/2007 (149 Jg.)

INFO

Häufige Verhaltens weisen hochbegabter Kinder

• vielseitige Interessen

• Neugier, die den Dingen auf den Grund gehen möchte (unbequeme Fragen)

• unübliche Wege des Denkens und der Lösungsfindung

• Einfallsreichtum, Suche nach kurzen Lösungswegen

• Kreativität: Gegenstände werden in ungewöhnlicher Weise miteinander in Verbindung gebracht

• Beharrlichkeit beim Verfolgen eigener Ziele

• Überzeugung, Dinge bewältigen zu können, die ihnen andere (noch) nicht zutrauen

• beharrliches Hinterfragen fester Regeln und Gewohnheiten (wirkt oft störend)

• hohe eigene Sensibilität (gute kognitive und soziale Wahrnehmung)

• in der Regel ausgeprägte soziale Kompetenzen (rücksichtsvoll, integrativ)

• übernehmen oft die Führung



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