sp
16.08.02 / 00:15
Heft 16/2002 Titel
Alterszahnheilkunde

Wenn die Zähne in die Jahre kommen

In der Bundesrepublik Deutschland werden im Jahr 2050 25,2 Millionen Menschen leben, die das 65. Lebensjahr überschritten haben. Heute sind es 18,4 Millionen. Das sind 36 Prozent der deutschen Bevölkerung. Etwa 500 000 von ihnen leben heute schon in Alten- und Pflegeheimen. Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) macht sich auf Grund dieser demografischen Entwicklung zunehmend Sorgen um die zahnärztliche Versorgung dieser Senioren. Auf einem von der BZÄK initiierten interdisziplinären Workshop (siehe auch zm 21/01, Seite 22) wurden Initialzündungen gesetzt. Erste Ziele sind nun abgesteckt.




Es ist 6.30 Uhr. Der Frühdienst kommt zum Waschen. Maria K. freut sich, dass endlich ein Mensch ins Zimmer kommt, denn seit fünf Uhr früh liegt sie wach und ist mit ihren Schmerzen und ihren Gedanken allein. Maria K. ist in diesem Frühjahr 90 Jahre alt geworden. Seit nunmehr sechs Jahren liegt sie hier in dem kleinen Altenheim im Aggertal in der Nähe von Köln auf der Pflegestation. Die meisten der Menschen, mit denen sie die ersten Jahre hier im Heim geteilt hat, als sie noch mobil war – aber zu immobil zum Alleinleben –, sind inzwischen verstorben.  

Die junge Pflegerin bettet und wäscht, versorgt den Katheter, richtet die Matratze zur Dekubitusprophylaxe. Nun setzt sie ihre Patientin auf – das geht elektrisch –, kämmt sie und hält die Schale mit den Zahnpflegeutensilien in der Hand. Die alte Dame kann nichts mehr greifen, sie muss sich helfen lassen. Der Trick mit dem Tennisball (siehe Foto) ermöglicht es ihr, die Zahnbürste zu halten.  

Das ist besonders schwierig, denn nicht wie bei den anderen Patienten im Heim kann die Pflegerin die Zahnpflege am Waschbecken unter fließendem Wasser durchführen, sondern Maria K. hat für ihr Alter ein ungewöhnlich gutes Gebiss. Als sie 50 Jahre alt war, bekam sie die erste Füllung, auf einer Reise befreite sie ein Zahnarzt von den plötzlich quälenden Zahnschmerzen kurzerhand mit dem Griff zur Zange, ohne sich Gedanken über andere Therapiemethoden zu machen. Erst vor wenigen Wochen, als wieder mal der obere rechte Fünfer aufmuckte, kam die Zahnärztin aus der Praxis, in der Maria K. Zeit ihres Lebens Patientin war, in das Altenheim. Aber am Krankenbett war auch keine Endodontie mehr möglich, der Zahn musste dran glauben.

Altersbedingte Funktionseinschränkungen

Ab dem 35. Lebensjahr nehmen alle körperlichen Funktionen fortschreitend und irreversibel ab. Dieses erfolgt progradient. Umwelteinflüsse, das persönliche Umfeld und damit verbunden die Lebenseinstellung können hiebei entscheidenden Einfluss auf den Verlauf nehmen, so dass das biologische Alter nicht immer dem kalendarischen Alter entspricht. Die altersbedingten Veränderungen der einzelnen Organe und ihre Funktionseinschränkung sind in der nebenstehenden Tabelle (nach Biffar) aufgeführt.  

Zahnprobleme im Alter

Wie der gesamte Organismus, so unterliegt auch das orofaziale System dem irreversiblen Altersprozess. Dieser erfolgt in verschiedenen Stufen. Jeder einzelnen Altersstufe ist demnach auch eine spezifische zahnmedizinische Versorgung zugänglich zu machen. Die Bundeszahnärztekammer hat das Thema Alterszahnheilkunde durch die enge Anbindung an den Prophylaxeausschuss und die Koordinierung durch den Vizepräsidenten Dr. Dietmar Oesterreich sowie die damit enge Anbindung an das BZÄK-Präsidium zur Chefsache gemacht. Gemeinsam ist hier für die einzelnen Stufen der Alterszahnheilkunde ein Maßnahmenkatalog (siehe weiter hinten unter Leitfaden) entwickelt worden.

Während des Alterungsprozesses kommt es zu einer generalisierten Atrophie der Muskulatur, die im Bereich des M. masseter eine Reduktion des Muskelquerschnitts von bis zu 40 Prozent ausmachen kann. Entsprechend ist die Kaukraft verringert. Die Schleimhaut verliert durch den Altersprozess an Elastizität und Feuchtigkeit, was sie mechanisch geringer belastbar macht: Es kommt leicht zu Druckstellen und Erosionen. Der Kieferknochen erfährt ebenso eine mehr oder weniger starke Destruktion wie auch das Kiefergelenk. 

Die häufigsten Erkrankungen des Patienten, der „in die Jahre“ kommt, sind aus zahnärztlicher Sicht die Wurzelkaries, Abrasionsgebisse, Schmelzrisse, abrasionsbedingte Abplatzungen, keilförmige Defekte, Sekundärkaries unter alten Füllungen und überhängenden Kronenrändern, Kiefergelenkdysfunktionen, meist prothesenbedingte Entzündungen und Druckstellen der Mundschleimhaut, Erkrankungen an der Zunge, zum Beispiel die diabetische Zunge sowie Prothesenreparaturen. Ebenso gehören alle parodontalen Erkrankungen, die ohne Behandlung bis hin zum Zahnverlust führen, in die gerostomatologische Sprechstunde. 

Nicht immer kommen Patienten mit diesen Symptomen rechtzeitig in die Zahnarztpraxis, soweit sie selbst noch mobil sind. Alte Menschen geben sich mit schleichenden Krankheitssymptomen zufrieden und rechnen sie einfach dem Prozess des Alterns zu. Sie nehmen wackelnde Prothesen als gegeben hin, stellen eher ihre Nahrungsgewohnheiten um, als dass sie an der Prothese etwas ändern lassen, um nur bei diesem Beispiel zu bleiben. Die Mehrzahl der älteren Menschen entwickelt infolge der physiologischen Reduktion der Sensibilität eine größere Toleranz gegenüber Schmerzen und Beschwerden. So ist zum Beispiel auch der Großteil der Prothesen, wie es inzwischen diverse Untersuchungen aus Altenheimen zeigen konnten, objektiv mangelhaft, der Patient jedoch hat sie subjektiv als zufrieden stellend bezeichnet. 

Häufig sind auch mangelhafte Prothesen, wie es eine Untersuchung der Universitätszahnklinik in Gießen an geriatisch betreuten Patienten in Alten- und Pflegeheimen bewies, mitverantwortlich für einen schlechten Ernährungs- und damit auch Allgemeinzustand der Patienten. Alte Menschen sind aufgrund dieser Sensibilitätseinschränkungen auch nicht immer leicht motivierbar, prophylaktisch aktiv zu werden. Gleichsam ist zu berücksichtigen, dass ältere Patienten aufgrund ihrer Polymorbidität, der Zahnheilkunde einen geringeren Stellenwert geben als der Allgemeinerkrankung und daher die zahnmedizinische Prophylaxe ins Hintertreffen gerät.   

Viele Allgemeinerkrankungen zeigen Symptome im orofazialen Bereich. Diese sind nicht immer vom Allgemeinarzt diagnostiziert, nicht selten ist der Zahnarzt der erste, der eine Verdachtsdiagnose stellt. Zur Abklärung ist der Patient dann weiter zu überweisen. Die Tabelle 3 stellt Allgemeinerkrankungen und ihre Symptome im Mundraum zusammen (nach Biffar 2002). 

Zahnärztliche Aufgabe sollte es daher sein, so postulierte der langjährige Referent für Alterszahnheilkunde in der BZÄK und Kammerpräsident für Thüringen, Dr. Jürgen Junge, vor noch nicht allzu langer Zeit, bei der Behandlung älterer Patienten unbedingt diese Kriterien zu beachten. 

„Einerseits muss die Berücksichtigung dieser systemischen Pathologismen zum Schutz des Patienten vor Schädigungen durch die Behandlung, zum Schutz des Behandlungsteams und schließlich zur langfristigen Sicherung des angestrebten Behandlungserfolges dienen“, so Junge in seinem Referat zum Thema Prophylaxe ein Leben lang.  

Therapie des betagten Gebisses

Zahnmedizinische Therapien werden beim jüngeren wie älteren Patienten mit der gleichen Zielsetzung eingesetzt. So soll vorrangig der Funktionserhalt gesehen werden. Eine Auswahl der Form der prothetischen Versorgung sollte immer individuell und unter Berücksichtigung des kognitiven, und manuellen Zustandes des Patienten erfolgen. Finanzielle Gesichtspunkte dürfen natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Da 24 Prozent aller alten Menschen unter schwersten Parodontopathien leiden, ist vor einer Therapieplanung entsprechend eine Parodontalbehandlung angesagt und zu überlegen, in wie weit die eine oder andere Prothetiklösung auch für ihn hygienefähig ist. Da heute der Wunsch nach komfortabler und vor allem ästhetischer Prothetik auch bei älteren Menschen eine große Rolle spielt, fragen auch 80-Jährige immer häufiger nach der Versorgung mit Implantaten. Hier sind natürlich der Zustand des Implantatlagers sowie die Hygienefähigkeit maßgebend für die Therapieentscheidung.  

So lieben es Ihre alten Patienten

Wenn ein junger Zahnarzt seine Praxiseröffnung plant, dann wird der Architekt zwar daran erinnern, dass möglicherweise breitere Türen eingeplant werden, damit ein Rollstuhlfahrer problemlos passieren kann, aber all die anderen Tücken, die alte Menschen in der normalen Zahnarztpraxis antreffen können, werden übersehen. Die Thematik mit dem Aufzug ist ja noch verständlich, kaum ein alter Mensch steigt freiwillig mehrere Treppen zu seinem Zahnarzt hinauf. Auch wenn die Füße das vielleicht noch schaffen würden – das Übergewicht, das Herz oder einfach nur die chronische Bronchitis oder gar die Raucherlunge, sie verhindern, dass ausreichend Luft zur Überwindung solcher Hindernisse bereitgestellt wird.  

Dann sind da die Augen: Das Schild am Klingelknopf ist mit zu kleinen Lettern versehen, der Zusatzzettel der Helferin „Bitte eintreten, Tür ist offen“ kaum zu lesen. Ganz zu schweigen von den Beschriftungen des Toilettenbereichs. Zwar passen die zwei Buchstaben, die oben in der Ecke in dezentem Grün angebracht sind, zu den Designvorstellungen des Innenarchitekten – doch unter Einbußen der Funktionalität für die Patienten. 

Schwellen zwischen den Räumen oder gar Treppen zu verschiedenen Ebenen stellen für alte Menschen wahre Stolperfallen dar, da ihre altersbedingten Gleitsichtbrillen den Bereich um die Füße nur verschwommen wiedergeben. Der Designerstuhl im Wartezimmer ist eine Augenweide, aber kaum ein alter Mensch kann hier ohne fremde Hilfe aufstehen, weil die Armlehne fehlt.  

Oft sind die Sitzflächen zu klein, die Lehnen für den schmerzenden Rücken nicht gerade genug, die Sitzhöhe zu tief.

Im Wartezimmer sollte nicht nur die PC-Zeitung, die Zeitschrift für Anlageberatung, jugendliche Mode in Größe 36, oder schöner Wohnen mit Low-Budget-Möbeln liegen, sondern auch Broschüren oder Magazine für Ältere. Gute Beleuchtung im Wartezimmer zum Lesen und auch mal ein Magazin mit großer Schrift, wird bei den Senioren genauso reißenden Absatz finden, wie die kindgerechte Spielecke für die Kleinen.   

Wenn die leise Hintergrundmusik dann auch noch so gewählt wird, dass sie Jung und Alt gefällt, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Noch ein Wörtchen zu dem Örtchen. Gerade ältere Menschen müssen öfter die Toilette aufsuchen und werden dankbar dafür sein, wenn hier kleine Hilfsmittel, wie der Griff an der Wand, der Haken für die Jacke, das Brett für die Handtasche und die Klingel für den Notfall, nicht fehlen. Sicherlich ist es auch ratsam, häufiger mal das eigene Personal in die Waschräume zu Kontrollzwecken zu entsenden. Die anderen Patienten werden es danken. 

Ein Herz für alte Patienten

Der Helferin, die liebevoll die alte Dame unter den Arm nimmt und sie in das Wartezimmer geleitet, weil sie der glattgebohnerte Fußboden schreckt oder Herrn Schmidt, der zwar noch jugendlich aussieht, aber stark unter seiner Arthrose leidet, in den Mantel hilft, wird bald das Herz all dieser durch ihr Alter in irgendeiner Weise eingeschränkten Patienten gehören. Auch, wenn diese „menschlichen Taten“ nicht unbedingt zu den grundlegenden Aufgaben einer Zahnarzthelferin gehören, so gehören sie doch unmittelbar in das Praxiskonzept einer Zahnarztpraxis, die auch ältere Menschen zu ihren Patienten zählen will.  

Die Dame am Empfang muss wissen, dass altersbedingte Schwerhörigkeit schon ab 50 beginnen kann, und so muss sie laut und vor allem langsam und deutlich mit ihren Patienten sprechen. Wenn diese etwas unterschreiben müssen, sollte noch einmal vorgelesen werden, was das Kleingedruckte bedeutet, denn selten hat ein alter Mensch immer die Lesebrille bei der Hand.  

Auch wenn man davon ausgeht, dass ältere Menschen immer Zeit haben – die Terminvergabe sollte sehr sensibel erfolgen. Der Frühaufsteher ist dankbar, wenn er zeitig zur Behandlung kommen kann, manch ein älterer Mensch braucht morgens eine längere Anlaufzeit. Manch ein alter Rücken kann nicht drei Stunden im Behandlungsstuhl verharren. Eine Einteilung in mehrere Konsultationstermine wäre hier sinnvoll.  

Auch sind viele ältere Menschen darauf angewiesen, von Angehörigen gebracht zu werden. So muss sich der Termin nach deren Zeiten richten. Wenn die Begleitperson während der Behandlung höflich zum Einkaufen „geschickt“ wird, schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Begleiter sind dankbar, Zeit gewonnen zu haben und der Behandler hat den Patienten ganz für sich und keinen der „mitreden“ will.

Neben den offiziellen Kostenplänen, die für die Krankenkasse erstellt werden, sollte der ältere Patient auch ein kurzes Anschreiben erhalten, das die Eigenleistungen zusammenfasst. Viele alte Menschen sind es gewohnt bar zu zahlen und verabscheuen Überweisungen oder gar Plastikgeld. Hier empfiehlt es sich, im Vorfeld die genaue Zahlungsform festzulegen, damit der Patient nicht mit größeren Geldsummen in der Tasche in die Praxis kommt, was für ihn gefährlich sein kann. 

Patienten, die das erste Mal und noch hoffnungsvoll in die Praxis kommen, könnten kurz die allgemein zugänglichen Räumlichkeiten gezeigt werden. Es ist kein Akt, die alte Dame oder den Herrn kurzerhand in das Wartezimmer zu geleiten und ihnen den Mantel abzunehmen. Gerade solche Kleinigkeiten geben dem alten Menschen das Gefühl, sich hier in der Praxis schnell zuhause zu fühlen. Und, wenn dann die Behandlung noch zur Zufriedenheit beiträgt, so ist der nächste Besuch sicher. 

Zahnheilkunde bei pflegebedürftigen Personen

Alte Menschen mit dauerhafter Pflegebedürftigkeit stellen aus zahnärztlicher Sicht eine besondere Risikogruppe dar. Diese ist flächendeckend bislang nicht erfasst worden. Zwar gibt es einige Studien, die in Stadtstaaten wie Berlin oder in einzelnen Heimen (Würzburg) durchgeführt wurden, die Ergebnisse dieser Untersuchungen jedoch sind aus der zahnärztlich-prophylaktischen Sicht äußerst verbesserungswürdig. In so gut wie keinem Pflegeheim wird den Patienten zweimal jährlich eine zahnärztliche Kontrolle angeboten. Wie eine Berliner Untersuchung aus dem Jahr 91 zeigte, wurden nur in jedem fünften Heim die Patienten zweimal jährlich zahnärztlich untersucht. Der Patient wird in den meisten Fällen nur dann zu seinem früheren Hauszahnarzt gebracht, – sofern sein Zustand den Transport überhaupt noch zulässt – wenn Probleme, wie Schmerzen, oder ein Defekt an der Prothese auftreten. Letztere werden sogar häufig durch das Heimpersonal in die Praxis zur Reparatur (wie ein paar Schuhe) abgegeben, ohne dass gleichzeitig die Passgenauigkeit kontrolliert wird.  

Außerdem sind zahnärztliche Behandlungen, egal, ob sie in der Praxis, in der Klinik oder direkt im Seniorenheim erfolgen, für die pflegebedürftigen Senioren in besonderem Maße eine körperliche aber auch psychische Belastung. 

„Man sollte die älteren Menschen auch ... als einen menschlichen Reichtum der Bevölkerung ansehen. Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriert sich bei den Älteren doch übermäßig auf die Demenzkranken. Das wiederum verstärkt den Negativ-Eindruck von den Älteren. Selbst von den über 90-Jährigen sind aber rund 75 Prozent nicht demenzkrank. Die Erfahrung, das Wissen, die Kompetenz älterer Menschen bleiben vielfach unbeachtet.“

Prof. Dr. Ursula Lehr, Gerontologin in Heidelberg und ehemalige Familien und Gesundheitsministerin in einem Interview im Kölner Stadt-Anzeiger vom 19.6.02

Nur wenige Heime in Deutschland verfügen über eine eigene Zahnstation, in der die hauseigenen Patienten von einem so genannten „Heimzahnarzt“ betreut werden. Dieser ist nicht fest angestellt, sondern aus der Nachbarschaft und betreut als so genannter Patenzahnarzt stundenweise die „hauseigene“ Zahnarztpraxis. Hier ist die regelmäßige Kontrollsituation und vor allem die professionelle Zahnreinigung dann optimal, eine Schmerzbehandlung kann schnell und mit Rücksprache des Pflegepersonals – wegen der sich oft ständig wechselnden Medikamentierung der Patienten – besprochen werden. Abgerechnet wird nach der geltenden BEMA/GOZ. Eine besondere Aufwandsentschädigung ist anzustreben. Eine solche Situation wäre bundesweit und flächendeckend erstrebenswert, aber sie scheitert wie so Vieles am Geld.  

Nur in einigen Pilotprojekten, wie es aus Bamberg und anderen Städten bekannt ist, funktioniert dieses Betreuungskonzept.

Erforderlich wäre, dass der Heimträger die Einrichtungs- und laufenden Kosten einer solchen Zahnstation übernehmen. Soweit es sich hierbei um private Trägerschaften handelt, vor allem im hochpreisigeren Sektor, werden derartige Angebote schon gemacht. 

Die meisten Alten- und Pflegeheime jedoch werden von den Gemeinden, der Caritas oder der Arbeiterwohlfahrt finanziert, hier ist bekanntermaßen das Geld knapp.

Eine anderes Problem stellt die Finanzierung des entsprechenden Personals dar. Auch wenn in den meisten Fällen ein dem Heim benachbarter Zahnarzt die so genannte „Patenschaft“ für die Zähne der Heimbewohner übernimmt und außerhalb seiner Sprechstundenzeiten mit der Helferin „anrückt“, so ist doch nicht immer die Kostenübernahme für diesen Mehraufwand geklärt.   

In Brandenburg bietet die AOK all den - Patienten, die eine Prothese tragen, als besonderes „Bonbon“ regelmäßige Kontolluntersuchungen an. 

Einige Zahnärzte betreuen pflegebedürftige Patienten direkt im Bett, indem sie mit der mobilen Einheit zur Konsultation ins Krankenzimmer kommen, wie es vor noch nicht allzu langer Zeit auch bei Maria K. erfolgte. Eine Zahnärztin des kleinen Ortes im Aggertal bei Köln extrahierte den oberen rechten Fünfer, der nur noch mit einer endodontischen Behandlung zu retten gewesen wäre. Aber diese Prozedur ließen der Allgemeinzustand der Patientin und das erforderliche Instrumentarium nicht zu.  

In einigen Landeszahnärztekammern stehen mobile Behandlungseinheiten im Koffer bereit, die für derartige Einsätze verwendet werden können. Einige Zahnärzte, die sich besonders zur Alten- und Behindertenbehandlung berufen fühlen, haben sich auf eigene Kosten einen solchen Behandlungskoffer angeschafft, damit er jederzeit zur Hand ist und nicht erst über unter Umständen weite Wege transportiert werden muss oder dann gerade verliehen ist, wenn er benötigt wird.  

Die mangelhafte und vor allem dem stark erhöhten administrativen und Behandlungsaufwand keinesweg entsprechende Honorierung der zahnärztlichen Betreuung in Pflegeheimen ist mit ein Grund, warum der Zahnstatus bei diesen Personen so schlecht ist.   

Würde die Vergütung des Arbeits- und Zeitaufwandes angemessen erfolgen, so wurde auf einer Veranstaltung in Greifswald vor einem Jahr deutlich, wäre es viel mehr Zahnärzten möglich, zusammen mit ihrem Personal die zahnärztliche Versorgung in Alten- und Pflegeeinrichtungen sicher zu stellen.  

Die Verbesserung auch dieser Situation hat sich der Arbeitskreis Altenzahnheilkunde zusammen mit den Länderreferenten unter der Schirmherrschaft der Bundeszahnärztekammer als nächstes Ziel auf die Fahne geschrieben.

Zahnunfreundliche Ernährung bei Senioren

Wenn Zahnärzte über zahnfreundliche Ernährung sprechen, dann meinen sie viel Rohkost, Gemüse, kaupflichtige Speisen, wie Vollkornbrot, Äpfel, wenig vergärbare Kohlenhydrate, wie Zucker und Weißmehl, und natürlich kaum Zwischenmahlzeiten. All diese Ernährungsgewohnheiten, die im Sinne der Kariesprävention und der Gesunderhaltung des Parodonts sind, kommen bei älteren Menschen kaum noch in Betracht. Auch wenn sich ein älterer Mensch um eine vitaminreiche Ernährung bemüht, so wird er freiwillig doch selten noch kraftvoll in einen Apfel beißen, sondern eher die Banane mit ihren Mineralien aber auch ihren kariogenen Tücken bevorzugen.  

Abhängig von der Beschaffenheit eines Zahnersatzes wird die Nahrung erfahrungsgemäß immer weicher. Während früher noch das Schwarzbrot auf dem Frühstückstisch stand, ist es jetzt der weiche Toast oder, wenn es ganz schlimm kommt, das helle Graubrot ohne Rinde. Hinzu kommt, dass sich die Geschmackspapillen auf der Zunge mit zunehmendem Alter erheblich verändern. Während früher Scharf und Sauer noch Gefallen fanden, so ist es heute ausschließlich die süße Geschmackskomponente, die die Hitliste des Speiseplanes der älteren Menschen regiert.  

Hinzu kommt eine altersbedingte Degeneration der großen Glandulae und die damit verbundene Oligosalie, die dafür sorgt, dass fester Speisebrei kaum noch rutscht. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt auch die verstärkte Medikation bei älteren Patienten. Viele Wirkstoffe, zum Beispiel gegen Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und vieles mehr, verursachen eine Verringerung der Speichelproduktion.   

Verständlich daher, dass immer mehr zum weichen Milchreis mit Zucker und Zimt, oder dem süßen Pfannkuchen gegriffen wird. Durch die damit verbundene Steigerung des Insulinspiegels, der dann aber ebenso schnell wieder abfällt, verlangen gerade diese Menschen innerhalb weniger Stunden nach einer weiteren (wieder süßen) Nahrung.  

Das für die Zahnprophylaxe wichtige Konzept der Vermeidung von Zwischenmahlzeiten ist auf diese Weise erfolgreich durchbrochen. Ganz abgesehen von den im Alter an Diabetes II erkrankten Senioren, die ihre Pflicht-BE-Einheiten in regelmäßigen Abständen zu sich nehmen müssen.  

Wenn man als Zahnarzt seinen älteren Patienten diese Veränderungen bewusst macht, so ist es sicherlich auch leichter, dass der Kartoffelbrei den Pellkartoffeln und der Milchreis den kernigen Haferflocken wieder mehr Platz verschaffen. Anders jedoch in Pflegeheimen, wo die Mahlzeiten durch diäterfahrenes Personal aufgrund ihrer Inhaltsstoffe zusammen gestellt werden. Patienten, die gefüttert werden müssen, können natürlich auch nicht mehr durch kaupflichtige Nahrung ihr Zahnfleisch gesund erhalten, sondern da muss das Pflegepersonal genau instruiert werden, damit ausreichende Mundhygiene für Zahngesundheit sorgt, wie es auch bei Maria K. der Fall ist.

Tagungen, Vorträge, „Gero“-Weiterbildung

Der Bedarf an Fortbildung zum Thema Alterszahnheilkunde ist groß. So haben fast alle deutschen Zahnärztekammern inzwischen Seminare zu diesem Thema in ihrem Jahres-Programm. Immer wieder nimmt die Thematik den Hauptteil der Vorträge bei den Jahreskongressen der Landeszahnärztekammern ein. Ende der 80er Jahre hat sich der Arbeitskreis für Gerostomatologie e.V. (AKG) etabliert und führt alljährlich seine Jahrestagungen durch.  

Ein schwarzes Loch in der zahnärztlichen Versorgung pflegebedürftiger Patienten stellt immer noch das in der zahnärztlichen Prophylaxe ungeschulte Pflegepersonal dar. Über 80 Prozent der Personen, die in der Altenpflege arbeiten, sind kein Fachpersonal. Hier ist ein Ansatz zu sehen, damitregelmäßig Unterweisungen erfolgen, damit die Pflegebedürftigen oralprophylaktisch eine bessere Unterstützung erhalten.

Auch auf Fortbildungsveranstaltungen für zahnmedizinisches Personal wird immer wieder der Umgang mit alten Patienten thematisiert. In diesem Jahr tagte der Arbeitskreis in Bonn mit über 200 Teilnehmern. Themen wie Prothetik bei Senioren, Situationen in Altenheimen und vieles mehr standen unter dem Hauptmotto „Lebensqualität im Alter“ auf dem Programm (siehe auch zm 15/02 Seite 58).

Der kleine Kreis der Teilnehmer, der sich nicht nur aus Zahnärzten, sondern auch Medizinern und Psychologen zusammensetzte, diskutierte eifrig die einzelnen immer wieder in diesem Fach auftretenden Probleme. Eines jedoch war deutlich: Der Stellenwert der Psychologie des alten Menschen und seine Begleiterkrankungen werden im Tagesgeschehen und im Praxisalltag immer wieder zu niedrig angesiedelt. Alte Menschen müssen gänzlich anders „genommen“ werden wie andere Patienten. Sie sind polymorbide und nicht selten psychisch retardiert. Durch ihre Dauermedikation kommt es zu Interaktionen mit vom Zahnarzt verordneten Medikamenten (Schmerzmittel) oder zu manuellen und visuellen Unzulänglichkeiten.  

Und hier liegt der Ansatzpunkt in der Weiterbildung für den Zahnarzt und natürlich in der gezielten Ausbildung der Studenten, die später mit den vielen Senioren in der Praxis umgehen müssen. Hier reicht nicht nur die Kenntnis über die vermehrt anzutreffenden Zahnerkrankungen der Senioren, wie die Wurzelkaries, Parodontopathien und Probleme mit der nicht mehr sitzenden Prothese und Ähnlichem, sondern der Zahnarzt wird zunehmend mehr als medizinischer Berater und Mundarzt seiner alten Patienten gefragt sein. Ein Ansatzpunkt zur „Weiterbildung“ wäre die strukturierte Fortbildung für Gerostomatologie, wie sie auch von der Bundeszahnärztekammer derzeit verstärkt gefordert wird sowie weiterführende Kenntnisse im Fach Psychologie und Psychosomatik, wie sie auch die Arbeitsgemeinschaft für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde seit Jahren in einem Grundsatzpapier verlangt.  

Kürzlich hat die Koordinierungskonferenz der Referenten für Prävention und Alterszahnheilkunde (seit kurzem ist Dr. Lothar Bergholz, Kammerpräsident von Thüringen, für die Alterszahnheilkunde verantwortlich) in enger Kooperation mit dem Ausschuss Prophylaxe einen Leitfaden für Zahnärzte verabschiedet. Der Leitfaden wurde von namhaften Hochschullehrern, die sich seit Jahren mit der Thematik der Alterszahnheilkunde beschäftigen, gemeinsam mit der BZÄK erarbeitet. Er geht auf die oben beschriebene Problematik mit alten Menschen in der Zahnarztpraxis ein und gibt für die Umsetzung der zahnärztlichen Behandlung und Prophylaxe sowohl für die Praxis als auch für die Behandlung in Pflegeheimen wertvolle Tipps und Hinweise. Dieser Leitfaden wird in den kommenden Wochen zur Drucklegung kommen und kann dann im Spätherbst über den zm-Leserservice bezogen werden. Ebenso ist eine „Mundpflegeanleitung“ für Pflegepersonal in der häuslichen- und Heimpflege im Druck, die dann von den Landeszahnärztekammern an die entsprechenden Einrichtungen, verbunden mit direkten Instruktionen, und in Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Thema abgegeben werden soll. Wie wichtig die Bundeszahnärztekammer das Thema zahnärztliche, altersstufengerechte Betreuung nimmt, drückt sich auch in der Tatsache aus, dass zur Bundesversammlung am 10. 11. 2002 in Hamburg der Dipl. Psychologe und Chef des Heidelberger Instituts für Gerontologie, Professor Dr. Andreas Kruse, einen Vortrag hierzu halten wird, um das Bewusstsein aller Degegierten zu verstärken, in diesem Sinne tätig zu werden.

 



Mehr zum Thema


Anzeige