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16.10.11 / 00:01
Heft 20/2011 Gastkommentar

Werde zeitig zum Greis ...

Neue Modelle zur Gesundheitsversorgung in unserer überalternden Gesellschaft sind überfällig, meint Thomas Grünert, Chefredakteur von Vincentz Network, Berlin.




„Vor nichts muss man sich im Alter mehr hüten, als sich der Lässigkeit und Untätigkeit hinzugeben“, wusste schon Cicero. Nur: Im alten Rom kamen anders als heute (Dank sei dem medizinisch-technischen Fortschritt) nicht viele in die Versuchung. Hoch wird in heutigen gesundheits- und gesellschaftspolitischen Diskussionen das so genannte „Konditional-Gut Gesundheit“ gehalten. Ohne geht nichts – solange der Mensch im Arbeitsprozess steht. Doch wo finden sich ernst zu nehmende gesundheitspolitische Konzepte für den dritten Lebensabschnitt? Fehlanzeige? Nicht ganz. Es gibt da etwas, das wie ein zart keimendes Pflänzchen Perspektiven für neue Chancen im Alter auftun könnte. Unter den „Zauberwörtern“ Nachhaltigkeit, Kapitaldeckung und individueller Leistungsanspruch sprossen unter dem Dach einer Reform zur Pflegeversicherung Ideen, die Mut machen. Freilich wäre es viel zu kurz gedacht, nur an eine Verbesserung und Absicherung der curativen Pflege zu denken, die derzeit noch als Teilkasko-Lösung im Rahmen der solidarischen Absicherung dahin dümpelt. Nachdem die liberale Spitze des Gesundheitsministeriums viele Ansätze und Versprechungen einer liberal-weitsichtigen Gesundheitspolitik buchstäblich zu Gunsten zentralistisch-planwirtschaftlicher Tendenzen versemmelt hat, könnte man hier wenigstens Boden gut machen: Mehr noch – man könnte bleibende Akzente setzen. Auch potentiell folgende Bürgerversicherungs-Protagonisten könnten das Rad nicht wieder zurückdrehen. Denn eines muss allen klar sein: Eine weitere Versorgungsebene, die speziell die Besonderheiten des Alters abfängt, ließe sich nicht mehr nur allein aus dem Solidartopf finanzieren, also nicht als Teil einer Bürgerversicherung.

Wohlgemerkt: Es soll und wird auch im Alter keiner durch das soziale Netz fallen. Aber höhere Lebensqualität und Leistungsfähigkeit im Alter bedingen vielfach ein Engagement über die bisherigen Absicherungssysteme hinaus. Die gesellschaftliche Einbindung der Menschen jenseits der derzeitigen Erwerbsgrenzen ist eine der bedeutendsten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Und dazu gehören auch gesundheitspolitische Antworten. Populistische Vorstöße wie der des CDU-Politikers Jens Spahn, pauschal monatlich fünf Euro mehr in die Pflegekasse zu zahlen, sind allerdings keine ernst zu nehmende Idee. Es geht eben nicht nur um die Teilkasko-Pflege, die über politische und finanzielle Hürden zu bringen ist. Vielleicht läge eine Lösung auch in einer radikalen Neuordnung des Leistungskatalogs. Solidargelder müssen da ankommen, wo Hilfe gefragt ist. Andere Leistungen müssen dem mündigen Bürger zugemutet werden. Alle Umfragen deuten darauf hin, dass dieser das auch akzeptiert, sofern er individuell entscheiden darf. Im Übrigen: gemessen am BIP steigen die Gesundheitsausgaben in Deutschland nicht, sondern sinken – von 10,6 auf 10,4 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz liegen sie fast zwei Prozentpunkte höher.

Versorgungsforschung ist das große aktuelle Thema – und das ist gut so. Aber es ist auch nicht so, dass es nicht schon vielversprechende Konzepte gibt, die schnell umgesetzt werden sollten. Dazu zählt zweifellos auch die von BZÄK und KZBV dringend empfohlene Einführung einer umfassenden Alters- und Behindertenzahnheilkunde. Wenn schon nicht im Versorgungsstrukturgesetz, so böte sich doch in einer weiter verstandenen Pflegeversicherung der gesetzliche Rahmen dazu. Aber hier reicht es nicht, dass Politiker den Mund spitzen, sie müssen auch pfeifen.

In Prävention waren die Zahnmediziner immer Spitze. Sie wären es auch in der Vorsorge für hohe Lebensqualität im Alter. Passen würde dazu noch ein Rat von Cicero: „Werde zeitig (gedanklich) zum Greis, wenn Du lange Greis sein willst…“.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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