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01.08.14 / 00:01
Heft 15/2014 Praxis
Finanzen

Wie man Anlagefehler vermeidet

Geld optimal anlegen ist kein leichtes Unterfangen, schon gar nicht in der aktuellen Niedrigzinsphase. Umso mehr kommt es daher darauf an, verschiedene Möglichkeiten auszuloten und die Angebote auf Herz und Nieren zu prüfen. Kluge Anleger informieren sich selbst und verlassen sich nicht nur auf Berater, die interessengeleitet nach den Provisionen schielen.




Das Anlageverhalten der Deutschen ist ein häufiges Thema für Studien. Oft sind Finanzdienstleister die Auftraggeber. Schließlich möchten sie sich genau auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen können. Gilt es doch, laut Bundesbank, ein Geldvermögen von mehr als 5,152 Billionen Euro zu verwalten. Zu den stereotypen Ergebnissen gehört die Tatsache, dass deutsche Anleger immer noch Aktien meiden, sich lieber auf sichere Zinsanlagen beschränken und sich überhaupt mit Finanzdingen nicht gerne beschäftigen. Das zeigte eine Untersuchung des Finanzdienstleisters Ypos Consulting. Eine Vergleichsrechnung, bei der eine Anlage von 10000 Euro über eine Laufzeit von zehn Jahren auf ein Sparbuch mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 0,8 Prozent und in den Dax, ergab einen eklatanten Unterschied im Ergebnis: Mit dem Sparbuch erzielte man noch nicht einmal 11 000 Euro. Dagegen steht ein Ertrag von mehr als 30 000 Euro bei der Aktienanlage. Das Privatbankhaus Metzler in Frankfurt untersuchte im vorigen Jahr das Anlegerverhalten und kam zu dem Ergebnis: „Der Deutsche spart zwar fleißig – aber falsch“. Man verglich dabei Amerikaner und Deutsche. Zwar erzielen die Deutschen mit elf Prozent eine deutlich höhere Sparquote als die Amerikaner mit vier Prozent. Doch konnten die US-Bürger ihr Vermögen seit 1981 um durchschnittlich 5,7 Prozent mehren während die Deutschen nur auf 4,8 Prozent kamen.

Aber was machen die deutschen Sparer falsch? Merten Larisch, Experte für Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Bayern in München, hat in der Diskussion mit seinen Kunden einen Kardinalfehler ausgemacht: „Die meisten Verbraucher lassen sich etwas verkaufen, anstatt selbst zu kaufen. Sie vertrauen auf Bank- und Versicherungsberater. Daraus folgen meiner Meinung nach alle anderen Fehler“.

Vermittler und Berater

Indem sie sich für den Vorschlag des Beraters entscheiden, verzichten die Sparer automatisch darauf, sich um Vergleichsangebote zu kümmern. Dazu Larisch: „Der Verbraucher kennt die Alternativen nicht. Und der Vermittler muss ihn auch nicht darauf hinweisen“. Ein typisches Beispiel dafür, sind die häufigen Fonds-Empfehlungen, mit denen die Bankberater vor allem die Produkte der Hausbank an den Mann oder an die Frau bringen wollen. Die Kunden glauben, dass es sich dabei um etwas besonders Seriöses handelt und kaufen Anteile oder schließen sogar einen Fondssparplan ab. An sich ist das in Zeiten niedriger Zinsen keine so schlechte Idee. Doch empfiehlt man ihnen vorzugsweise die häufig teuren und nicht immer besonders erfolgreichen Fonds, gemanagt von der hauseigenen Gesellschaft.

Kosten

Doch lauern auch dabei Fallen. Anleger, die sich für einen gemanagten Fonds entscheiden, begehen automatisch den nächsten Fehler, wenn das Produkt nicht eine besonders gute Performance aufweist. Denn für jeden Kauf fallen Gebühren an, bei Aktienfonds sind es beispielsweise zwischen vier und fünf Prozent. Dazu kommt eine jährliche Verwaltungsgebühr sowie je nach Fonds die inzwischen beliebte Erfolgsgebühr.

Barbara Claus, Analystin bei der auf Fonds spezialisierten Ratingagentur Morningstar, berichtet: „Investoren haben selten die Kosten einer Fonds-Anlage im Blick, obwohl sie erhebliche negative Auswirkungen auf die Wertentwicklung haben“. Dabei gibt es Alternativen, die schon allein deshalb gute Renditen verheißen, weil die Kosten sich in Grenzen halten. Gemeint sind Indexfonds. Sie benötigen kein Management, weil sie sich wie der jeweils zugrunde liegenden Index zusammensetzen und dessen Entwicklung automatisch mitmachen. Doch diese Produkte werden Berater ihren Kunden kaum anbieten, verdient doch die Bank so gut wie nichts dabei. Verbraucher, die den Tipp, in die günstigen Fonds zu investieren, bekommen und sich vertrauensvoll an ihre Hausbank wenden, um zu kaufen, erfahren dort, dass sie im Schnitt ein Prozent Kaufgebühr berappen sollen. „Wie erstaunt sind sie, wenn sie von uns hören, dass es dieselben Fonds bei einer Online-Bank auch für sechs Euro Gebühr gibt,“ berichtet Larisch aus seiner Praxis.

Nach dem Motto „Hin und Her macht Kassen leer“, dämpft häufiges Umschichten die Erträge. Der Kunde zahlt bei jedem An- und Verkauf die anfallenden Gebühren. Und diese Ausgaben muss er über die Performance seiner Wertpapiere erst einmal wieder hereinholen.

Risikobereitschaft

Viele Anleger setzen zu sehr auf Sicherheit und lassen sich so Gewinne entgehen. Dr. Ralf Scherfling, Anlageexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf kennt den Hauptwunsch der Vorsichtigen: „Alle Produkte, die Kurse enthalten, rauben diesen Sparern den Schlaf“. Andere wiederum schätzen Risiken zu gering ein. Die meisten können ihre eigene Risikobereitschaft nicht definieren. Sie sollten sich deshalb, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen, einer ehrlichen Selbstbefragung unterziehen. Dazu gehört die Überlegungen, wie viel Rendite man erzielen will und wie viel Prozent des Vermögens ist man bereit, als Verlust hinzunehmen? Diese Fragen sollte jeder gute Berater stellen, bevor er Empfehlungen ausspricht. Bernd Weber, Professor für Ökonomie und Neurowissenschaften an der Universität Bonn, sagt: „Es gibt gewisse Grunddispositionen im Umgang mit Risiken – und das sollte man auch bei der Geldanlage beachten“.

Wie wichtig es ist, seine Erwartungen genau zu definieren, zeigt ein anderes Ergebnis seiner Forschung. Danach treffen Anleger je eher Entscheidungen aus dem Bauch heraus, desto komplexer die Materie ist und desto weniger sie das Produkt verstehen. Das zeigen vor allem die bösen Erfahrungen in der Finanzkrise, die so mancher Sparer mit seiner Investition in Lehmann-Papieren machen musste. Auch damals kannten die meisten Sparer die damit verbundenen Risiken nicht.

Selbstüberschätzung

Martin Weber, Professor für Finanzanalyse an der Universität Mannheim, hat herausgefunden, dass „Anleger dazu neigen dazu, bei der Wahrnehmung und Verarbeitung des Risikos Fehler zu begehen“. Daraus folgert er: „Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass sie das Risiko von langfristigen Anlagen zu hoch einschätzen oder nach sehr guten Kursentwicklungen am Börsenparkett das Risiko als zu gering wahrnehmen“. Viele kaufen zum Beispiel einzelne Aktien in der Hoffnung, dass ausgerechnet dieses Papier abheben wird. Das kann einmal gelingen. Doch daraus gleich den Schluss zu ziehen, man hätte ein goldenes Händchen, wäre vermessen. Der nächste Versuch kann sich als Fehlgriff erweisen. Als typische Fehler gilt auch die Neigung, Gewinneraktien zu früh zu verkaufen und Verlustpapiere zu lange zu halten, immer in der Hoffnung, dass sich das Blatt noch wenden könnte.

Diversifikation

Eine Studie der Universität Frankfurt zeigt, dass mangelnde Streuung zu den Hauptfehlern der Anleger gehört. Untersucht hat man mehr als 3 000 Depots bei Onlinebanken. Die Zeitschrift Finanztest veröffentlichte die Ergebnisse: „Drei Viertel der Anleger haben teils verheerende Ergebnisse erzielt – viele von ihnen weil sie zu viel auf eine Karte gesetzt haben und ihr Geld nicht breit genug gestreut haben“. Professor Andreas Hackethal, Leiter der Studie, meint: „Mangelnde Streuung ist zugleich der teuerste Fehler. Er kostet die Anleger im Schnitt vier Prozent Rendite“.

Korrigieren lässt sich dieser Kardinalfehler ganz leicht, in dem das Geld mit dem Kauf eines weltweit investierenden Fonds automatisch verteilt wird und so die Risiken deutlich reduziert werden. Besonders geeignet sind kostengünstige ETF, die zum Beispiel auf internationalen Indizes basieren. Besser noch ist es, sein Vermögen auf verschiedene Anlageformen wie Festgeld, Anleihen, Immobilien und Aktien zu verteilen. Dann lassen sich Verluste an der Börse oder niedrige Zinsen besser verschmerzen und, die Sicherheit kommt nicht zu kurz.

Eigene Kenntnisse

„Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen“, das wusste schon Benjamin Franklin, und seine Aussage ist immer noch hochaktuell. Das haben auf schmerzliche Weise die Erfahrungen vieler Anleger während und nach der Finanzkrise gezeigt. Viele haben vor allem wegen der guten Renditeaussichten in Produkte investiert, die ihnen völlig unbekannt waren. Prominentestes Beispiel werden wohl die Lehman-Zertifikate sein. Verbraucherschützer wie Merten Larisch erlebt es immer wieder, wie wenig informiert seine Kunden sind: „Die Leute kennen die Produkte nicht, die sie kaufen. Sie schließen zum Beispiel einen Vertrag über eine fondsgebundene Lebensversicherung ab und wissen nicht, dass sie mit einem Sparplan in einen Investmentfonds viel günstiger fahren könnten. Wenn ich ihnen vorrechne, um wie viel höher die Rendite sein könnte, sind sie sehr erstaunt“. Larisch tröstet sich damit, dass aufgeklärte Verbraucher die alten Fehler nicht wiederholen. Und Kollege Scherfling sagt: „Wer ein Produkt richtig verstanden hat, kann es auch mit eigenen Worten erklären“.

Honorarberater

Sich selbst über die eigenen Zielvorstellungen im Klaren zu sein und sich über die angebotenen Produkte zu informieren, sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Geldanlage. Um sich einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten zu verschaffen, lohnt sich die Lektüre der Finanzseiten in der Presse und Fachliteratur. Geht es aber um die konkrete Planung, sollten sich private Anleger die Hilfe eines Honorarberaters gönnen. Anders als Vermittler oder Bankberater lebt er nicht von Provisionen sondern von den Honoraren, die ihm seine Kunden zahlen. Er kann unabhängig und ganz individuell auf die Wünsche seiner Klienten eingehen. Die Verbraucherschützer kämpfen dafür, den Honorarberatern in Deutschland bessere Bedingungen zu verschaffen. In den Niederlanden und Großbritannien wurden die Provisionen abgeschafft. In Großbritannien gibt es jetzt 200 000 arbeitslose Vermittler und Berater sowie 40 000 Honorarberater.

In Deutschland hat das Parlament gerade beschlossen, dass die Provisionen bei Versicherungsverträgen nun doch nicht offen gelegt werden müssen. Dazu der Kommentar von Verbraucherschützer Niels Nauhauser: „Das ist ein Kniefall vor der Versicherungswirtschaft“. Sparer sollten es inzwischen besser wissen: Die Anlageberatung bei der Bank und beim Vermittler ist nicht umsonst. Das Honorar ist in Form von Provisionen in das Produkt eingepreist. Langfristig billiger wird es beim guten Honorarberater.

Marlene Endruweit
Fachjournalistin für Wirtschaft
m.endruweit@netcologne.de




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