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15.06.17 / 08:00
Heft 12/2017 Politik
Der neue KZBV-Vorstand im Interview

"Wir kennen das Spiel!"

Am 17. März wurden sie gewählt, am 26. April unterzeichneten sie ihre Verträge, am 1. Mai traten sie offiziell an: Dr. Wolfgang Eßer, Martin Hendges und Dr. Karl-Georg Pochhammer bilden den neuen KZBV-Vorstand. Was sie die nächsten fünf Jahre vorhaben, schildern sie hier.




Wolfgang Eßer, Karl-Georg Pochhammer, Martin Hendges – es heißt, Sie sind das neue KZBV-Dream-Team. Was zeichnet Sie als Vorstand denn aus?

Martin Hendges: Dream-Team – das ist gut! Fachlich betrachtet, kommen bei uns ja Erfahrungen und Expertise aus der KZBV- und aus der KZV-Welt zusammen. Wolfgang kennt das Spiel auf Bundesebene wie kein anderer, Georg und ich sind mit den unterschiedlichen Herausforderungen auf Länderebene bestens vertraut.

"Man merkt einfach, dass wir uns schon lange kennen!"

Dr. Karl-Georg Pochhammer: Wer uns erlebt, merkt einfach, dass wir uns schon lange kennen. Diese gemeinsame Basis prägt auch unseren Arbeitsstil. Wir arbeiten Hand in Hand.

Wie würden Sie Ihre Art der Zusammenarbeit beschreiben?

Dr. Wolfgang Eßer: Vertrauensvoll und loyal, gekennzeichnet durch hohe Expertise und eine große freundschaftliche Verbundenheit.

Kurz und knackig: die drei wichtigsten Ziele für diese Legislatur?

Eßer: Ganz oben steht für uns der Erhalt der zahnärztlichen Selbstverwaltung. Ohne die erforderlichen Handlungs- und Gestaltungsspielräume sind wir von der Politik ja quasi „kaltgestellt“ und können unsere Kolleginnen und Kollegen in der Praxis nicht zu 100 Prozent vertreten.

"Ohne die erforderlichen Spielräume sind wir quasi 'kaltgestellt'".

Das GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetz lässt sich nicht rückgängig machen – gerade deshalb müssen wir unsere noch vorhandenen Freiräume voll nutzen und alles daran setzen, weitere Beschneidungen zu verhindern. Absolute Priorität hat für uns auch – und das liegt mir wirklich am Herzen – die bedarfsgerechte Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Drittens, aber nicht minder wichtig, im Gegenteil: die Entwicklung einer neuen an den wissenschaftlichen Stand angepassten Behandlungsstrategie gegen Parodontitis.

Welche Kernbotschaften adressieren Sie an die Politik?

Hendges: Wir wünschen uns, dass die Politik den entsprechenden Rahmen schafft, damit wir Vertragszahnärzte weiterhin die Versorgung auf höchstem Qualitätsniveau sicherstellen können. Insbesondere vulnerable Gruppen wie alte Menschen, Pflegebedürftige und kleine Kinder brauchen hier verlässliche Fürsprecher. Unterstützung erwarten wir auch bei der Neuausrichtung der Parodontitistherapie, um diese Volkskrankheit rechtzeitig einzudämmen.

"Unsere Konzepte sind Erfolgsmodell!"

Pochhammer: Unsere Konzepte sind Erfolgsmodelle – das belegen schon allein die Ergebnisse der Studien zur Mundgesundheit, allen voran die aktuelle DMS V. Aber noch einmal: Ohne die notwendigen Freiräume und das damit einhergehende Vertrauen sind wir nicht in der Lage, diesen fachlichen Output für die Gesellschaft zu liefern und die zahnmedizinische Versorgung weiter voranzutreiben.

Wie wollen Sie denn die Politik davon überzeugen, dass die Parodontitistherapie als Standard etabliert werden muss, wenn das IQWiG – das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – ihr fast keinerlei Nutzen attestiert?

Eßer: Das IQWiG wurde ja beauftragt, die bestehenden Regelungen zur Parodontitistherapie zu überprüfen – mit dem bekannten Ergebnis, dass angeblich nahezu keine positiven Belege zum Nutzen existieren. Das ist aus unserer Sicht allerdings überhaupt nicht nachvollziehbar, weil das IQWiG bei seiner Bewertung einfach zahlreiche internationale Studien ignoriert hat – und damit wissenschaftlich international anerkannten Versorgungsformen den Nutzen fast per se abspricht.

Dies wirft generell die Frage auf, ob die starren Methoden des IQWiG zur Nutzenbewertung von Arzneimitteln überhaupt auf nicht-medikamentöse Therapien in der Human- und Zahnmedizin sinnhaft angewendet werden können. Denn wenn überall auf der Welt der Nutzen dieser Therapieverfahren als wissenschaftlich belegt gilt, ist es doch schleierhaft, warum ausgerechnet in Deutschland ein Institut zu diametral anderen Ergebnissen kommt.

Worin sehen Sie als Vorstandsvorsitzender die größte Herausforderung?

Eßer: Unseren Gesundheitsminister davon zu überzeugen, die demokratischen Strukturen der Zahnärzteschaft innerhalb der Selbstverwaltung zu erhalten.

Welche Probleme muss ein Gesundheitsminister aus Sicht der Zahnärzteschaft lösen?

Pochhammer: Unser Vorstandsvorsitzender hat es gerade gesagt! 

Was macht vor diesem Hintergrund gute Standespolitik aus?

Hendges: Wir bewegen uns im Spannungsfeld von internen und externen Themen. Vor diesem Hintergrund bedeutet moderne und gute Standespolitik, dass wir unsere Forderungen festlegen und eigene Versorgungskonzepte auf Basis der Beschlüsse der Vertreterversammlung entwickeln. Aber auch, dass wir die Positionen der Politik – zum Beispiel die Wahlprogramme der Parteien – kritisch würdigen.

"Wir werden uns den zahlreichen neuen Herausforderungen stellen!"

Zusammengefasst findet man diese Eckpunkte in der „Agenda Mundgesundheit 2017–2021“, die in unserer Vertreterversammlung im Juni abgestimmt werden soll. Ob man im Rahmen einer Standortbestimmung auf unser im EU-Vergleich hohes Versorgungsniveau blickt oder das Steuerungsinstrument der befundorientierten Festzuschüsse bei ZE nennt: Letztendlich sind das alles Beweise für kreatives Handeln und Gestalten seitens der Standespolitik – auf denen man sich aber natürlich nicht ausruhen darf. Deshalb werden wir uns auch in der anstehenden Amtsperiode den zahlreichen neuen Herausforderungen an den Berufsstand und die Standespolitik stellen.

Die drei Ds – Demografie, Digitalisierung und Datenschutz stehen ganz oben auf der Agenda der KZBV. Inwiefern wird sich die Arbeit des Zahnarztes durch diese Ds verändern?

Pochhammer: Stichwort Demografie: Der Zahnarzt wird zunehmend alte Patienten mit ihren altersbedingten Erkrankungen behandeln. Das heißt, die Praxen werden sich mehr und mehr – auch unter den Gesichtspunkten der Barrierefreiheit und Patientenansprache – auf diese Klientel einstellen.

Digitalisierung: Bildgebende Verfahren und die fortschreitende Vernetzung werden Diagnostik und Therapie und damit auch den Praxisalltag grundlegend verändern.

Und Datensicherheit: Wir leben heute längst in einer digitalisierten Welt, aber die Rechtsprechung hinkt mit ihren analogen Regelungen total hinterher. Nehmen wir als Beispiel die Gesundheitsapps: Viele Anbieter informieren die Nutzer überhaupt nicht darüber, dass sie die persönlichen Daten Dritten zur Verfügung stellen. Deshalb brauchen wir Gesetze, die auch für digitale Anwendungen den Datenschutz und die Datensicherheit gewährleisten.

"Qualitätsbürokratie fördert nicht die Qualität, sondern behindern sie!"

Welche Entwicklungen werden darüber hinaus maßgeblichen Einfluss auf die Arbeit des Zahnarztes haben?

Hendges: Wir werden immer mehr Kraft darauf verwenden müssen, den Besonderheiten der zahnmedizinischen Versorgung durch passgenaue und eigenständige Regelungen – und das am besten direkt im SGB V – Rechnung zu tragen. Das gilt auch für den Bereich der Qualitätssicherung, bei dem ich mit großer Sorge die Tendenz der Kassenvertreter im G-BA hin zur sektorenübergreifenden Ausrichtung feststelle. Institutionalisierungen und überbordende „Qualitätsbürokratie“ fördern nicht die Qualität zahnmedizinischer Leistungen, sondern behindern sie. Qualitätsförderung fußt vielmehr auf Akzeptanz und Selbstverständnis von qualitätsfördernden Maßnahmen.

Es wird aber auch unsere Aufgabe sein, die Mundgesundheitskompetenz unserer Patienten mehr und mehr zu stärken, um die zum Teil komplexen Prozesse im Bereich der zahnmedizinischen Versorgung noch besser und transparenter nachvollziehen zu können. Das bedingt allerdings auch unsere Forderung an die Politik, ein Vergütungssystem vorzuhalten, das die „sprechende Zahnheilkunde“ honoriert!

"Politik kann keine One-Man- Show sein!"

Sie sagen, politische Interessenvertretung sei keine „One-Man-Show“. Wie wollen Sie die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte ins Boot holen und inwieweit vertreten sie deren Interessen – etwa angestellt und in Teilzeitarbeiten zu wollen? Können Sie dieses Berufsverständnis überhaupt teilen?

Eßer: Politik kann gar keine One-Man- Show sein. Natürlich stehe ich zusammen mit meinen Vorstandskollegen meistens in der ersten Reihe. Es braucht aber viele gute Köpfe, um erfolgreiche Konzepte zu entwickeln und die entscheidenden Leute dann auch davon zu überzeugen. Zum Glück haben wir die!

Was den zweiten Teil der Frage betrifft: Ich selbst war lange Zeit in eigener Praxis tätig. Selbstständig sein, sein eigener Herr sein – das war in meiner Generation das einzig mögliche, aber auch angestrebte Berufsziel der angehenden Zahnärzte.

Dass Kolleginnen und Kollegen heute im Unterschied zu früher die Form der Berufsausübung frei wählen können, halte ich aber für sehr positiv, denn diese Vielfalt der Arbeits- und Lebensentwürfe bereichert unseren Berufsstand ungemein. Insofern kommt es nicht darauf an, ob Voll- oder Teilzeit, selbstständig oder angestellt: Wir vertreten alle Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte!

Wenngleich ich den jungen Kolleginnen und Kollegen auch Mut machen möchte: Chef sein ist gar nicht so schwer und hat Vorteile.



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