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01.12.03 / 00:13
Heft 23/2003 Titel
Deutscher Zahnärztetag

Wissenschaftlicher Fortschritt im Wandel der Zeiten

Vor rund 50 Jahren wurde die zahnmedizinische Heilkunde gesetzlich verankert. Damit waren die Grundsteine gelegt für einen Beruf, der inhaltlich bis heute an Attraktivität gewonnen hat. Die Entwicklung einer Disziplin aufzuzeigen, dazu waren anlässlich des Zahnärztetages in Berlin vier namhafte Wissenschaftler angetreten. Sie führten aus ihrem zahnmedizinischen Fachbereich die einzelnen Entwicklungsschritte auf und zeichneten damit den Weg von der rein kurativen zur fast ausnahmslos präventiven Zahnheilkunde, wie Prof. Dr. Heiner Weber, Tübingen, Präsident der DGZMK, in seinen einleitenden Worten feststellte.




Was früher das Doriotgestänge war, sind heute die Ultraschallturbine und das minimalinvasive Instrument. Statt „Extension“ heißt es heute „Prävention“ zum Erhalt biologischer Strukturen.

Prothetik

Der immense Wissenszuwachs der letzten 50 Jahre hat die Therapieausrichtung eines Faches erheblich verändert, was eine Angleichung der Ausbildungsverordnungen längst überfällig macht, so Weber. Der Tübinger Universitätsprofessor stellte Patientenfälle vor, die fachübergreifende Behandlung erfordern und aufzeigen, dass heute die medizinisch ausgerichtete Ausbildung des Zahnarztes wichtiger denn je ist. Er konnte beweisen, dass die in der Politik gängige Annahme, das Fach Prothetik sei bald überflüssig, unsinnig ist und präsentierte eine Reihe von Patientenbeispielen, bei denen der Prothetiker zusammen mit dem Zahntechniker Patienten äußerlich und damit auch seelisch rehabilitieren konnte und so einen erheblichen Beitrag zur Lebensqualität leistete.

Kieferchirurgie

Der Tübinger Kieferchirurg Prof. Dr. Dr. Siegmar Reinert machte deutlich, dass sein Fachbereich zwar im Vermeiden von Tumoren wie in der Frühdiagnostik präventiv tätig werden kann, aber ansonsten die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ein rein reaktives Fach darstellt. Im Schnelldurchgang streifte Reinert modernste Diagnostikmethoden, wie die Farbduplex-Sonographie zur Darstellung von Weichteilen sowie die Substraktionsangiographie (DSA) zur Identifizierung von raumfordernden Prozessen. Es hagelte Fachbegriffe aus Bereichen der Laser- und Mikrochirurgie, modernster Distraktionsverfahren sowie aufwändiger Implantations- und Reimplantationsmethoden. Um welches künstlerische, technische und manuell geschickte Verständnis sich dieses Fach dreht, zeigte der Operateur am Beispiel der Rekonstruktion von angeborenen Fehlbildungen (Mund-Kiefer-Gaumenspalten) und nach Tumorresektionen.

Kieferorthopädie

Prof. Dr. Peter Schopf, Frankfurt, begleitete seinen Fachbereich, die Kieferorthopädie, durch die letzten 50 Jahre und zeigte den Stellenwert auf, den diese Fachqualifikation heute interdisziplinär mit anderen Fachbereichen inne hat. Während bundesweit Anfang der 50er Jahre knappe 500 Kieferorthopäden den „normalen“ Praxen zur Seite standen, sind es heute genau 3 366 niedergelassenen Kieferorthopäden (siehe auch Abbildung), die sich in Zusammenarbeit mit Parodontologen, Kieferchirurgen und anderen für die Gesundheit der oralen Strukturen ihrer Patienten einsetzen. Schopf zeigte die Veränderung, teils sind es Vereinfachungen, teils sind es materialbedingte kompliziertere Strukturen des Fachgebietes, auf, das nicht nur funktionell, sondern auch bezüglich der Ästhetik einen großen Bereich in der Zahnmedizin abdeckt. Wo früher der Headgear zur Tortour für den Patienten wurde, steht heute die (fast) unsichtbare Lingualbebänderung, die, wenn die Indikation stimmt, patientenfreundlicher gar nicht sein kann.

Ästhetische Zahnheilkunde

Prof. Dr. Bernd Klaiber, Würzburg, hatte die Aufgabe, den Teil der Konservierenden Zahnheilkunde abzudecken. Dieser Fachbereich hat in den letzen Jahren die größten Fortschritte – zum Teil mit Spektakularität – erfahren. Wo früher Amalgam war, sicher und einfach zu inserieren als Langzeitversorgung, „schreit“ heute der Patient nach einer zahnfarbenen Restauration. Im Zweijahresrhythmus haben sich Materialien abgelöst. Mit großem Trommeln eingeführt, verschwanden sie mit leisem Schwanengesang wieder vom Markt. Erst seit kurzem scheint sich eine Kontinuität abzuzeichnen, die in Verarbeitbarkeit, in einer breiten Indikationsspanne und bei der Beständigkeit doch gewisse Zuversicht verspricht. Klaiber zeigte verblüffende Fallbeispiele, die heute in Klinik und auch in manchen Praxen durchaus schon zum Tagesgeschäft gehören. Andererseits stehen diese Versorgungen in ästhetischer Weise dem natürlichen Zahnschmelz in nichts nach, erfordern allerdings eine sachgerechte, aufwändige Verarbeitung, die ihren Preis haben muss. Die ersten Langzeitergebnisse einzelner Untersuchungen stimmen recht zuversichtlich, geben der Zahnheilkunde neuen Schwung und machen neugierig auf die Zukunft.

Prothetik und Implantologie

Das Zahnheilkundegesetz tritt 1953 in Kraft, etwa 20 Jahre später gibt es mit den Krankenkassen neue Verträge und die Prothetik erreicht schwindelnde Umsätze. Wo im Jahr 1979 etwa 40 Prozent des gesamten Welt-Gold-Umsatzes in deutschen Mün-dern saftige argentinische Steaks zermalmen, haben auch Zahntechnik und Werkstoffkunde ihre Höhepunkte. Das ist die Zeit, wo man sich Gedanken darüber macht, dass nicht nur Kronen und Brücken zum Zahnersatz gehören und wo bereits die ersten Implantatsysteme (meist als riesige und abenteuerliche Blattimplantate) den ersten künstlichen Zähnen bissfesten Halt geben. Professor Dr. Dr. Dr. h.c. Hubertus Spiekermann, Aachen, ist einer der ersten Pioniere, was „künstliche Zahnwurzeln“ anbelangt, und daher prädestiniert für einen geschichtlichen Rück- und Ausblick. Der Prothetiker, der seine meiste Zeit im Operationssaal verbringt, zeigt auf, was heute alles möglich ist. Sei es die feste Brücke bis zum Achter, oder das Implantat an der Stelle, wo zwar kein Knochen ist, dann aber „eben einer hingebracht“ werden muss, wie es der Referent schmunzelnd formulierte. Wichtig ist nur eines, so Spiekermann, um den Erfolg zu sichern: Vor jeder Implantation steht die prothetische Planung. Ist diese sicher, dann kann die Operation geplant werden, und schließlich das inserierte „Ersatzteil“ mit der prothetischen Versorgung bestückt werden. Dass das heute alles kein Hexenwerk mehr ist, und mittels Computersimulation aufs exakteste geplant werden kann, zeigte der Referent an einem Beispiel. Auch wenn diese neuen Methoden heute noch keine Praxisreife erlangt haben, sie sind schon längst nicht mehr nur die Zukunftsmusik, sondern schon ein Stück Realität von morgen. Aber auch bei ihnen gilt: Die Planung muss immer unter rein prothetischen Gesichtspunkten erfolgen. Erst dann ist der Erfolg sicher.



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