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01.11.06 / 00:14
Heft 21/2006 Gesellschaft
FDI-Kongress Shenzhen 2006

Wissenschaftswelt zwischen West und Ost

Die chinesische „Boomtown“ Shenzhen war Gastgeberstadt des diesjährigen Kongresses des Weltzahnärzteverbandes FDI vom 22. bis 25. September. Die wissenschaftlichen Vorträge boten dem deutschen Besucher einen ungewöhnlichen Mix: Einblicke in die unterschiedliche Methodik der Zahnheilkunde in West und Ost.




Shenzhen liegt wenige Kilometer von Hongkong entfernt und hat seit dem Jahre 1980, als es als eine von vier ökonomischen Sonderzonen ausgewiesen wurde, eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Von ursprünglich 20 000 Einwohnern wuchs Shenzhen auf heute über zwölf Millionen an und war damit die am schnellsten wachsende Stadt Chinas. In den 90iger Jahren galt hier der Spruch: „Jeden Tag wird ein neues Hochhaus fertig gestellt und jeden dritten Tag eine neue Straße.“ Neben chinesischen Unternehmen der Computerbranche haben auch ausländische Unternehmen, wie zum Beispiel Apple hier Produktionsstätten. Über 7 000 Hong-Kong- Chinesen pendeln jeden Tag nach Shenzhen zur Arbeit und über 2 000 Schüler aus Shenzhen gehen in Hong Kong zur Schule. Wegen der günstigeren Lebenshaltungskosten leben aber auch viele Menschen in Shenzhen und pendeln nach Hong Kong zur Arbeit.

Erste internationale Tagung

Die FDI hatte ursprünglich geplant, die Jahrestagung in Peking abzuhalten. Da das dortige Kongresszentrum aber nicht rechtzeitig fertig wurde, hatte man den Kongress vor einem Jahr nach Shenzhen verlegt. Das Kongresszentrum ist neu und der FDI Kongress war die erste internationale Tagung, die darin stattfand. Es gibt sehr große Ausstellungshallen und Vortragsräume, so dass mehrere tausend Personen an der Eröffnungszeremonie teilnehmen konnten. Bemerkenswert war vor allem der Löwentanz, eine „vielarmige“ Darbietung. Es folgten ein klassisches Ballett und eine Kung-Fu- Vorstellung, so dass am Ende für jeden etwas dabei war.

Die lokalen Veranstalter erwarteten 5 000 nationale und 4 000 internationale Teilnehmer für den Kongress, was wohl nicht ganz erreicht wurde. Eine große Gruppe bildeten wie jedes Jahr die skandinavischen Kollegen, die jeweils gut 100 Teilnehmer stellten. Aber auch aus den USA kamen viele Besucher. Die deutsche Teilnehmerzahl war wesentlich geringer als im vergangenen Jahr in Kanada oder als sie im nächsten Jahr für Dubai erwartet wird.

Das wissenschaftliche Programm wurde vom FDI Fortbildungskomitee mit Prof. Dr. Peter Reichart, Berlin, als deutschem Vertreter unter Mitarbeit des lokalen Organisationskomitees erstellt. Die Fortbildungsvorträge boten insgesamt einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Endodontie, Füllungstechnik und auch Präventionsarbeit. Auf großes Interesse, auch bei den Chinesen, stieß ein Nachmittagsseminar über Praxismanagement.

Neben einem Public Health Symposium und Einzelveranstaltungen mit Themenschwerpunkten von der Kinderzahnheilkunde, Kieferorthopädie für den Allgemeinzahnarzt bis zu oralchirurgischen Fragen und aufkommenden Infektionen (von Tuberkulose bis SARS), fanden auch Symposien internationaler Dentalfirmen statt.

Noch vor dem eigentlichen Kongress, aber dennoch gut besucht – veranstaltete die japanische Firma GC ein ganztägiges Symposium über Minimalinvasive Zahnheilkunde mit Vorträgen zur Risikodiagnose und Remineralisation sowie zur minimalen Intervention bei Kindern von australischen und chinesischen Kollegen. Das CEREC-System mit Dr. Klaus Wiedhahn und die Laseranwendung mit PD Frank Schwarz waren weitere Themen deutscher Referenten.

Ästhetik im Vordergrund

Der erste Kongresstag stand unter dem Thema Ästhetik. Es gab ein Unilever Symposium über Verfärbungen und das Bleichen von Zähnen mittels Zahnpasten. Ein Colgate Symposium widmete sich dem Thema „Biofilm und Entzündung“. Nach der Darstellung des Ökosystems der Mundhöhle wurden die systemisch-oralen Wechselwirkungen am Beispiel kardiovaskulärer Erkrankungen und der Diabetes erläutert und zum Abschluss neue Entwicklungen bei den Zahnpasten aufgezeigt. Im Rahmen einer Veranstaltung zur aktuellen Situation der privaten zahnärztlichen Praxen trat als berühmter Gastredner der erste chinesische Astronaut Yang Liwei auf.

Im Rahmen eines Dentsply-Programmes stellten Prof. Reinhard Hickel und ein amerikanischer Kollege eine Präsentation von Kompositen und Keramiken in der restaurativen Versorgung der Frontzähne vor. Oral B und Procter & Gamble ließen über Kommunikation mit Kindern sowie Prävention für die alternde Bevölkerung (Prof. Dr. Frauke Müller, Mainz) und die Teamarbeit in der Prävention vortragen. Ein weiterer Fokus lag auf parodontologischen Themen, die von der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bis zu westlichen Vorgehensweisen der Risikoanalyse reichten.

Ein weiterer Schwerpunkt zeigte Gesundheitstrends in China und Präventionsprogramme für dieses Riesenland auf, in dem die Zahnärzte gerade auf dem Land sehr dünn gesät sind. GlaxoSmithKline hatte Vorträge zur Überempfindlichkeit und deren westliche wie auch östliche Behandlung ermöglicht. Weiterhin wurden Innovationen mit CEREC, Lasern und HealOzone vorgestellt. Daneben zeigten Beiträge aus dem Wissenschaftskomitee der FDI Methoden der Evaluation von zahnärztlichen Produkten, so wie es die US-amerikanische Zahnärztekammer (ADA) durchführen lässt.

Die Dentalausstellung war groß und bot, wie immer außerhalb Deutschlands, die Möglichkeit direkt einzukaufen. Neben den üblichen Produkten für die Zahnarztpraxis waren auch chinesische Dentallabors mit ihren Angeboten vertreten. Die Labors beschäftigen zum Teil bis zu 4 000 Mitarbeiter und werden geführt wie andere chinesische Firmen, bei denen die Mitarbeiter in Wohnheimen auf dem Firmengrundstück leben und versorgt werden.

Unterschiedliche Ansätze

Interessant war bei diesem Kongress einerseits die Möglichkeit, Vorträge über moderne westliche Methoden und Materialien zu hören und andererseits auch den chinesischen Blickwinkel mit den dazu gehörigen traditionellen Methoden kennen zu lernen. Sicherlich lassen sich die beiden Ansätze derzeit noch nicht evidenzbasiert vergleichen. Sehr offen wurden auch in manchen Präsentationen die großen Unterschiede in der zahnärztlichen Versorgung zwischen den chinesischen Großstädten im Osten und den ländlichen Gebieten diskutiert.

Prof. Dr. Elmar Reich
Rolf-Keller-Platz 1
88400 Biberach

Die FDI-Geschäftssitzungen

Insgesamt fanden über 50 Geschäftssitzungen vor und während des FDI-Kongresses statt. Die berufspolitisch wichtigsten sind die beiden Generalversammlungen, die Offenen Foren und die Ratssitzungen. Alle FDI-Komitees (für Wissenschaft, zahnärztliche Berufsausübung, Kommunikation und Mitgliedschaftsbeziehungen, Fortbildung, weltweite Mundgesundheitsentwicklung und Gesundheitsförderung) tagten während des Kongresses und trugen ihre Ergebnisse vor.

Stellungnahmen zu folgenden Themen wurden – teils nach heftiger Diskussion und Überarbeitung – verabschiedet: „Die Welt zu einer optimalen Mundgesundheit führen – die Rolle des zahnärztlichen Teams“, „Ethische Grundsätze für die internationale Rekrutierung von Zahnärzten“, „Unerwünschte Reaktionen auf direktes Füllungsmaterial auf Kunststoffbasis“, „Entsorgung von Amalgam“, „Auswirkungen von Dioxin auf die Zahnentwicklung“, „Wurzeloberflächenkaries bei Erwachsenen“. Die Stellungnahmen zu Zuckerersatzstoffe und ihre Rolle bei der Kariesprophylaxe und Verwendung der internationalen WHO-Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) wurden zurückgestellt und sollen voraussichtlich im nächsten Jahr nochmals zu Abstimmung vorgelegt werden.

Bei den Wahlen wurde der Brasilianer Prof. Noberto Lubiana für die lateinamerikanische Region in den Rat gewählt. Prof. Reiner Biffar, Greifswald, wurde für eine zweite Wahlperiode in der Wissenschaftskommission bestätigt. BZÄK-Vorstandsmitglied Dr. Peter Engel (Foto) ist nach wie vor Mitglied im Rat.

Neue Mitgliedsverbände wurden aufgenommen aus Angola, Saudi Arabien, Dominicana, Guyana, Haiti, Marokko und Bolivien. Der Antrag der International Federation of Dental Hygienists (IFDH) auf unterstützende Mitgliedschaft wurde mit großer Mehrheit abgelehnt, da die FDI sich als ein Verband von Zahnärzten versteht.

Zur Sprachenverwendung in der FDI gab es eine lebhafte Diskussion. Der Vorschlag des Kommunikationskomitees, von den offiziellen Sprachen der FDI: englisch, deutsch, französisch und spanisch aus Kostengründen zunächst das Deutsche zu streichen, stieß auf großes Unverständnis und heftige Kritik von Seiten der deutschen Delegation aber auch vieler anderer Delegierter. Es wurde eher für eine Ausweitung der gedolmetschten Sprachen in den Geschäftssitzungen votiert, damit die Delegierten aus vielen Ländern die Chance erhalten, sich in differenzierter Form an den Diskussionen zu beteiligen. Eine Entscheidung wurde jedoch nicht getroffen. BZÄK/bbk

■ Die verabschiedeten FDI-Stellungnahmen sind in Kürze auf den Internetseiten der FDI (www.worlddental.org) abrufbar.



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