om
16.04.02 / 00:14
Heft 08/2002 Medizin
Antibiotika-Resistenzen

Wundermittel wirkungslos

Im Kampf gegen bakterielle Erkrankungen verlieren Antibiotika zunehmend ihre Wirkung. Der sorglose Umgang mit dieser Arznei hat dazu geführt, dass immer mehr Erreger Resistenzen entwickeln. Die Weltgesundheits- Organisation (WHO) spricht von einer weltweiten Gesundheitskrise.




Eigentlich war es – wie so oft in der Forschung – ein Zufall. Weil er vergessen hatte, seine Petrischalen über Nacht abzudecken, entdeckte Alexander Fleming 1928 das Penicillin. Der Siegeszug des Antibiotikums begann. Doch die Lage hat sich grundlegend geändert. Immer schneller verlieren Antibiotika an Wirkung – und die Zeit drängt.

„Alles was wir befürchtet haben ist wahr geworden“, sagt Dr. Stuart Levy, Direktor des Zentrums für Genetik und Antibiotika-Resistenz an der Bostoner Universität. Der renommierte Mikrobiologe und Berater der WHO plädiert schon lange für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Antibiotika.

Bisher vergeblich, denn die Unempfindlichkeit der Bakterien nimmt immer weiter zu. Seit einigen Jahren kommt es verstärkt zu Todesfällen auf Grund von Infektionen, bei denen die antibiotischen Wirkstoffe nicht mehr anschlagen. Das Problem ist selbstverschuldet: Multiresistente Erreger sind das Ergebnis eines jahrzehntelangen Missbrauchs von Antibiotika. Dass sich die widerstandsfähigen Bakterien entwickeln konnten, hat verschiedene Ursachen. Allzu locker verschreiben vor allem Hausärzte die Arznei ohne medizinische Notwendigkeit. Die Patienten tun ihr Übriges und dosieren zu niedrig oder zu kurz, so dass die Bildung von Resistenzen gefördert wird.

Vom Schwein zum Menschen

Forscher schätzen, dass rund ein Drittel aller Antibiotika unnötigerweise verschrieben wird. Von 10 000 Tonnen dieser einzigartigen Arznei, die seit 1997 in der EU zur Anwendung kamen, entfielen allerdings nur 50 Prozent auf die Humanmedizin, 33 Prozent kamen in der Tiermedizin zum Einsatz. 15 Prozent gehen auf das Konto von Landwirten, die die Antibiotika als antimikrobielle Wachstumsförderer in der Nutztierhaltung verwenden. Von der Menge her nicht viel und dennoch problematisch: Eine dänische Studie belegt, dass resistente Bakterienstämme durch den Konsum vom Fleisch der Nutztiere zum Endverbraucher gelangen (New Scientist Online News, 26. 9. 2000).

Besonders im Schweinestall ist die Verwendung von Antibiotika an der Tagesordnung. Die überzüchteten Schweine sind hoch empfindsam und gegen viele Antibiotika bereits resistent. Daher kommen auch – in Deutschland eigentlich verboten – Medikamente aus der Humanmedizin zum Einsatz. Diese verantwortungslose Praxis wird durch die Anwendungsweise noch verschlimmert. Als Leistungsförderer werden die Arzneien nur niedrig dosiert – das fördert das ungehinderte Wachstum der Tiere, übt aber einen hohen Selektionsdruck auf die Bakterien aus – die Folge sind Resistenzen en masse. Durch die Gülle gelangen schließlich die Antibiotika – und mit ihnen unempfindliche Bakterien – in Boden und Grundwasser, wo dieses Verhalten auf weitere Bakterien übertragen wird.

Resistenz ist ein internationales Problem. Im Zeitalter der Globalisierung wandern die unempfindlich gewordenen Bakterienstämme um den ganzen Erdball: „Widerstandsfähige Bakterien, die irgendwo auftauchen, können jedes beliebige Land dieser Erde erreichen. Sie folgen den Handelsund Reisewegen des Menschen“, betont der Bostoner Mikrobiologe Levy.

Resistent gegen Notfall-Antibiotika

Der Eitererreger „Staphylococcus aureus“ beispielsweise ist bereits seit längerem als multiresistent bekannt, doch es häufen sich die Fälle von Unempfindlichkeit gegen Vancomycin, das als so genanntes Reserve-Antibiotikum gilt. Bei diesen Mitteln bestanden bisher nur wenige Unempfindlichkeiten, sie sollen nur im absoluten Notfall angewendet werden. Als im Jahre 1996 eine erste Vancomycin-Unempfindlichkeit in Japan auftauchte, war die Wissenschaft alarmiert. Bereits kurze Zeit später traten erste Resistenzen in den USA auf, heute ist dieses Phänomen weltweit zu beobachten.

Dieses Problem ist längst keine Randerscheinung mehr. In einem Münchner Klinikum – so belegt es die interne Statistik – liegen die Resistenzwerte bei vielen Antibiotika zwischen 50 und 70 Prozent. Der Erreger Enterococcus faecium ist hier gegen zwei Antibiotika bereits vollständig unempfindlich geworden – bei einem dritten liegen die Werte deutlich über 90 Prozent. Der Freiburger Professor Manfred Kist vom Nationalen Referenzzentrum für Helicobacter rät daher zu Unempfindlichkeitstests vor einer antibiotischen Behandlung, um einer weiteren Fortsetzung dieser Entwicklung vorzubeugen. Solche Tests sind allerdings langwierig und teuer. Die Kosten im Kampf gegen die Erreger erreichen schon heute Schwindel erregende Höhen – und werden weiter steigen. Allein in den USA haben die sechs wichtigsten multiresistenten Bakterien – bei ausschließlich im Krankenhaus erworbenen Infektionen – innerhalb eines Jahres Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar verursacht, meldete kürzlich die Ärztezeitung.

Nationaler Alleingang ist sinnlos

Die WHO fordert mehr Problembewusstsein und internationale Zusammenarbeit, um der Lage Herr zu werden. „Keine Nation kann ihre Bevölkerung im Alleingang vor den Gefahren von Antibiotika-Widerstandsfähigkeiten schützen“, warnen Experten der WHO. Gesundheitsökonomen der Weltgesundheitsorganisation bezeichneten vor wenigen Wochen die Antibiotika-Resistenz von Erregern der Tuberkulose, Malaria und Meningitis als große globale Gesundheitsgefahr. Die WHO fordert deshalb ein internationales gemeinsames Handeln: In erster Linie müsse das Problembewusstsein geschärft und Datenmaterial gesammelt und abgeglichen werden. Auch finanzielle Anreize für eine verstärkte Forschung nach neuen Antibiotika sind laut WHO notwendig. Allerdings wäre es der falsche Ansatz, sich nur auf die Forschung zu verlassen: „Viele Leute glauben, dass Pharmafirmen ständig neue Medikamente entdecken, die die unwirksamen ersetzen könnten – in Wirklichkeit besteht aber ein großer Mangel an antibakteriellen Substanzen“ betont die WHO Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland.

Tatsächlich ist in den letzten 30 Jahren nur eine einzige neue Wirkstoffklasse auf den Markt gekommen. Mittlerweile dauert es nach der Einführung eines neuen Antibiotikums nur zwei Jahre, bis resistente Erreger auftreten – die Forschung kann mit der Geschwindigkeit der Bakterien kaum noch Schritt halten, heißt es vonseiten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). „Arms race“ – Wettrüsten, ist der martialische Begriff für diesen Wettlauf zwischen Forschung und bakteriologischer Evolution.

Keimfreie Umwelt

Die Werbung verschärft das Problem zusätzlich. Sie hat den Bedarf der Menschen nach keimfreier Umwelt erkannt (oder geschaffen?). Immer mehr antibakterielle Putz- und Spülmittel drängen auf den Markt, in Amerika werden inzwischen mit Antiinfektiva beschichtete Matratzen und entsprechend präparierte Telefonhörer angeboten. Dieser Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt ist nach Meinung des Robert-Koch-Institutes völlig überflüssig. In aller Regel reichten Konzentration und Einwirkdauer ohnehin nicht aus, um effektiv zu desinfizieren. Weiterhin bestehe die Gefahr, dass durch die Anwendung von Bakteriziden breit wirksame Resistenzmechanismen selektiert werden, die auch Antibiotika betreffen können, so die Wissenschaftler des Institutes.

Doch die Sensibilität für das Thema steigt. In Brüssel hat man jetzt reagiert: Die Kommission hat einen Gesetzesvorschlag verabschiedet, der die routinemäßige Vergabe von Antibiotika in der Schweinezucht verbietet. Das Gesetz sieht allerdings eine Übergangsfrist bis zum Jahr 2006 vor.

Die Forscher der MPG sind optimistisch, dass der Wettlauf mit den Bakterien gewonnen werden kann. Sechs Pharmafirmen beschäftigen sich zurzeit mit der Entwicklung von Medikamenten auf Grund neuer Erkenntnisse über die Wechselwirkung zwischen Antibiotika und bakteriellen Ribosomen, die die Forscher der MPG entschlüsselt haben. Die Entwicklung neuer Antibiotika bis zur Marktreife könne aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, so Dr. Frank Schlünzen von der Arbeitsgruppe Ribosomenstruktur des MPG. „Wenn der Missbrauch von Antibiotika eingedämmt werden kann, bin ich sehr optimistisch, dass wir die Wirksamkeit von Antibiotika auch in Zukunft aufrecht erhalten können“.

Nach wie vor sind Antibiotika für die meisten in der Zahnarztpraxis vorkommenden Infektionen das Mittel der Wahl. Im Hinblick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis schneiden die Penicilline am besten ab – so steht es in den „Informationen über Zahnärztliche Arzneimittel“ (IZA), herausgegeben von BZÄK und KZBV. Dort finden sich nicht nur allgemeine Richtlinien für die Anwendung von Antibiotika, sondern auch detaillierte Angaben und Therapieempfehlungen zu den verschiedenen gängigen Antibiotika. Das Handbuch beschreibt aber auch ausführlich das Problem der Resistenz, empfiehlt eine kritische Indikationsstellung und warnt vor der Antibiotika-Therapie als Routine-Anwendung. Das IZAHandbuch ist auf Anfrage bei allen Landeszahnärztekammern frei erhältlich.



Mehr zum Thema


Anzeige