zm
01.12.10 / 00:13
Heft 23/2010 Titel
Deutscher Zahnärztetag 2010 - Interview mit Dr. Fedderwitz

Wut im Bauch, Schweiß auf der Stirn

Die Zahnärzte sind enttäuscht von der Gesundheitspolitik der Koalition – und haben ihre Unzufriedenheit gegenüber der Politik immer wieder vermittelt, unter anderem bei der Anhörung des GKV-Finanzierungsgesetzes im Gesundheitsausschuss. Der Beirat der KZBV beschloss eine Kampagne gegen die Budgetierung – Bild brachte das Thema auf die Titelseite. Die zm fragten nach beim KZBV-Chef Dr. Jürgen Fedderwitz.




zm: Die Zahnärzte auf Seite Eins der „Bild“ – Fluch oder Segen?

Fedderwitz: Erst einmal beides: Fluch und Segen. Der Fluch war der erste Satz des Artikels: „Schlechte Nachrichten für Millionen Kassenpatienten: Sie bekommen bis Jahresende keine Termine mehr beim Zahnarzt!“

Für sich genommen ist der sicherlich erstmal keine gute Presse, abgesehen davon, dass ich diese Drohung niemals aufgestellt habe und auch niemals aufstellen würde. Aber: Es blieb ja nicht dabei. Dieser Bericht hat eine Riesenwelle losgetreten. Das war der Segen. Printmedien, Hörfunk und Fernsehen fragten nach. Und die meisten von ihnen vermittelten auch die Botschaft: Nach 20 Jahren Budgetierung ist die Politik endlich gefordert. Bei vielen Krankenkassen sind die Budgets überzogen, das Geld reicht nicht für die notwendigen Behandlungen. Das hat dazu geführt, dass diese Krankenkassen uns Zahnärzten jährlich 150 Millionen Euro für erbrachte und ja auch über die KZVen abgerechnete notwendige Leistungen schuldig bleiben. Anders gesagt: Wir behandeln jedes Jahr 1,7 Millionen Patienten umsonst. Damit muss Schluss sein!

Dass bei manchen Kassen die Budgets nicht ausreichen, ist doch nichts Neues. Warum gehen die Zahnärzte erst jetzt auf die Barrikaden?

Wir haben stets versucht, politische Überzeugungsarbeit zu leisten und bei jeder Gesundheitsreform alles daran gesetzt, das Thema ein- und die Budgets rauszubringen. Jetzt stehen wieder nachhaltige Reformen an, die Politik kennt die Berechtigung unserer Forderungen an. Wir sind die einzigen mit den tradierten Budgetfesseln. Und spätestens jetzt sind wir dran!

Wie sieht die Lage in den Ländern aus?

Zugegeben – sehr unterschiedlich. Wir haben ja drei Gruppen, die von den Budgets belastet sind: Da sind erst einmal die Krankenkassen. Nicht alle sind Schuldnerkassen, die die abgerechneten Leistungen der Zahnärzte nicht in vollem Umfang bezahlen. Hinzu kommt, dass die Listen dieser Schuldnerkassen von KZV zu KZV differieren. Dann sind die KZVen zu nennen, die aufgrund ihres Selbstverwaltungsauftrags unterschiedlichst versuchen, die Budgetprobleme und die daraus resultierenden möglichen Versorgungsprobleme zu entschärfen. Und schließlich sind die Zahnärzte vor Ort verschieden betroffen. Je nach HVM gibt es Praxen, die die Probleme nicht so spüren, wohingegen sie bei anderen merklich aufschlagen. Deshalb ist es uns wichtig, die Länder nicht über einen Kamm zu scheren.

Doch es bleibt dabei: Es gibt einen Mehrbedarf von rund 150 Millionen Euro an notwendigen Leistungen, die nicht bezahlt werden. Und dieses Problem muss bei einer Strukturreform gelöst werden. Die FAZ brachte dazu einen großen Leitartikel und forderte die Politik zum überfälligen Handeln auf – das war ein weiterer Segen.

Die FAZ zitiert Sie mit den Worten: „Wir haben Wut im Bauch und Schweiß auf der Stirn“.

Wir sind enttäuscht und unzufrieden. Enttäuscht, weil bisher von den großen gesundheitspolitischen Zielen nicht viel angepackt wurde. Unzufrieden, weil die von der Politik anerkannten Probleme im vertragszahnärztlichen Bereich weder in dem notwendigen Umfang angegangen werden noch präzise gesagt wird, wann man denn endlich damit anfangen will. Das erklärt die Wut im Bauch. Wir führen seit Monaten intensive, gute und ja auch vertrauensvolle Gespräche mit dem BMG und den Gesundheitspolitikern. Das wollen wir auch weiterhin tun. Dabei geht es sehr ins Detail und uns werden harte Fakten abverlangt. Das meint den Schweiß auf der Stirn. •



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