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01.04.12 / 12:40
Heft 07/2012 Politik
Kongress Armut und Gesundheit 2012

Zaghafte politische Signale

„Gesundheit für alle“ lautete das hehre Ziel, das vor 25 Jahren im kanadischen Ottawa auf der ersten internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung in einer Charta verabschiedet wurde. Der 17. Kongress „Armut und Gesundheit“ in Berlin bilanzierte das vergangene Vierteljahrhundert im Hinblick auf präventive Erfolge und blickte zugleich nach vorn – auch auf die Mundgesundheit.




Mit 2 200 Teilnehmern aus Wissenschaft, Politik und Praxis ist der Berliner Kongress das größte regelmäßig stattfindende Public-Health-Forum in Deutschland. In über fünfzig Foren und Workshops wird einmal im Jahr über Strategien zur Gesundheitsförderung speziell für sozial benachteiligte Gruppen der Gesellschaft debattiert.

Die Abschlussveranstaltung – eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung – stand in diesem Jahr unter dem Titel „25 Jahre Ottawa-Charta – Was sagt uns die Charta heute?“. „Uns fehlt eine politische Klammer und damit auch die politische Durchschlagskraft“, monierte Prof. Ilona Kickbusch, ehemalige WHO-Koordinatorin für Gesundheitsförderung mit Blick auf die nur schleppend verlaufenden Entwicklungen in der Politik und das im letzten Jahr gekippte Präventionsgesetz. Die internationale Perspektive beleuchtete auch Prof. Dr. Margaret Whitehead vom WHO Collaborating Centre for Policy Research on the Social Determinants of Health, University of Liverpool. Weitere Referenten thematisierten, dass die Herausforderungen vor allem in der Globalisierung der Gesundheitsrisiken, in der sozialen Ungleichheit und in der zunehmenden Kommerzialisierung der Gesundheit lägen. Zudem setze sich eine neue Vertikalisierung in Politik und Wissenschaft durch. Es gebe zu wenig Verbindungen zwischen einzelnen Handlungsbereichen und Politikfeldern (Umwelt, Wirtschaft, Arbeit, Soziales, Sicherheit). Die drei zentralen Herausforderungen im Gesundheitsförderungsbereich, die Nichtübertragbaren Erkrankungen (NCDs), die sozialen Determinanten der Gesundheit und eine nachhaltige Entwicklung seien strategisch kaum miteinander verbunden. Überraschend war in diesem Zusammenhang, dass sich – ähnlich der Occupy-Bewegung oder dem Attac-Netzwerk – eine starke lokal verankerte, aber vor allem grenzüberschreitende Gesundheitsbewegung als klassische NGO formiert (Peoples Health Movement), die sich zum Ziel gesetzt hat, neue Konzepte und Durchsetzungsformen für eine „social justice“ zu formulieren, um die wesentlichen globalen öffentlichen Güter mit Gesundheitsbezug, wie Sicherheit, Klimaschutz, Frieden oder sauberes Trinkwasser zukunftsfähig zu gestalten.

Die Präventionsarbeit hat begonnen

Wenn auch das Präventionsgesetz gekippt wurde, hat sich die Politik an anderer Stelle im Sinne der Prävention engagiert. Seit dem Milleniumsjahr 2000 erarbeiten gesundheitspolitische Akteure nationale Gesundheitsziele unter der Firmierung gesundheitsziele.de. Der Prozess geht auf eine Initiative von Bund und Ländern zurück. Insgesamt haben sich 70 Akteure unter dem Dach von gesundheitsziele.de versammelt, darunter Repräsentanten von Bund, Ländern, Kommunen, Kostenträgern, Leistungserbringern, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Patienten- und Selbsthilfeorganisationen, Wissenschaft und Industrie. Sie knüpfen an das Ziel „Gesundheit für alle“ der Weltgesundheitsorganisation an, das 1986 in der Ottawa-Charta festgeschrieben wurde (siehe Kasten). Als Gesundheitsziele gelten verbindliche Vereinbarungen der gesundheitspolitischen Akteure. Bis zum Jahr 2006 wurden sechs nationale Gesundheitsziele definiert.

Neu im Zielekanon – Gesund älter werden

Im Jahr 2008 wurde „Gesund älter werden“ als siebtes nationales Gesundheitsziel ausgewählt. In der Begründung hoben die Autoren darauf ab, dass die alternde Bevölkerung die gesamte Gesundheitsversorgung, aber auch andere Berufe wie Architekten und Stadtplaner, vor große Herausforderungen stellt. „Das nationale Gesundheitsziel ’Gesund älter werden’ ist kurz davor, das Licht der Welt zu erblicken“, so Rudolf Herweck, der das Ziel auf dem Berliner Kongress vorstellte. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Gesund älter werden“ von gesundheitsziele.de und unter anderem Vorsitzender des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Mit dem neuem Gesundheitsziel soll nicht die Verhütung von Krankheiten, sondern die Prävention und die Förderung von Gesundheit im Fokus stehen. Erreicht werden soll dies beispielsweise durch soziale Teilhabe, Bewegung und eine ausgewogene Ernährung. Insgesamt wurden im Bereich „Gesund älter werden“ von der zuständigen Arbeitsgruppe drei Handlungsfelder identifiziert:

• Gesundheitsförderung und Prävention

• Gesundheitliche, psychosoziale und pflegerische Versorgung

• Besondere Herausforderungen

Im ersten Handlungsfeld wird die „Erhaltung und Verbesserung der Mundgesundheit älterer Menschen“ als ein zentraler Punkt aufgeführt.

Themenschwerpunkt Mundgesundheit stärken

Obwohl sich die Mundhygienegewohnheiten in den vergangenen Jahren verbessert haben, „liegt ein umfassender Informations- und Aufklärungsbedarf der Bevölkerung über die Entstehung, Symptomatologie und Risiken von Parodontalerkrankungen sowie zur Prävention parodontaler Erkrankungen vor“, heißt es im Gesamtbericht zu „Gesund älter werden“, der den zm in Auszügen vor der Veröffentlichung vorlag. Die Experten sehen hier ein Zusammenspiel unterschiedlicher Ebenen wie Schule, Medien, öffentlicher Gesundheitsdienst, Pflege- und Fachdienste, Beratungsstellen, Fachgesellschaften, Ärzte, Zahnärzte und zahnärztliches Fachpersonal für angezeigt. Bestehende Informationsangebote, zum Beispiel der Tag der Zahngesundheit und Broschüren der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und wissenschaftlicher Fachgesellschaften, sollen weiter ausgebaut werden, so die Empfehlung. Damit ältere Menschen die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt auch wirklich regelmäßig wahrnehmen, sollen Krankenkassen und Hausärzte stärker eingebunden werden. Zudem fordern die Experten neben einer ärztlichen auch eine zahnärztliche Dokumentation, wenn ältere Menschen in eine Pflegeeinrichtung einziehen, damit die Leitung weiß, ob eine zahnmedizinische Behandlung notwendig ist. Außerdem könne man sich besser auf die individuellen Mundpflege-Bedürfnisse der Bewohner einstellen.

Der Bericht greift auch die Empfehlung der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) auf, dass das Pflegeheim im Rahmen des Qualitätsmanagements auf die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben nach SGB V der jährlichen dentalen Vorsorgeuntersuchung achtet. Von den LZKen, KZVen und Krankenkassen fordern die Experten, die Voraussetzungen für eine zahnärztliche Betreuung immobiler Patienten zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen zu schaffen. Darüber hinaus sollte der Medizinische Dienst der Krankenversicherung sein Wissen über die Mundgesundheit verbessern. Den Autoren ist bewusst, dass die aufsuchende – gegenüber der ambulanten – zahnärztlichen Behandlung „einen erheblichen organisatorischen, personellen und instrumentellen Mehraufwand“ erfordert. Darauf hatten in der Vergangenheit auch die Vertreter von BZÄK und KZBV mehrmals hingewiesen. Auch die Barrierefreiheit wird in den empfohlenen Maßnahmen angesprochen. Die Bundesregierung habe sich laut Bericht das Ziel gesetzt, unter ausdrücklicher Einbeziehung von Zahnarztpraxen, der Länder und der Ärzteschaft ein Konzept zu erarbeiten, wie mehr barrierefreie zahnärztliche Praxen geschaffen werden können. Insgesamt „sollte die Mundgesundheitspflege einen hohen Stellenwert im Behandlungskonzept aufweisen“, heißt es im Bericht. eb/sf

INFO

Die Ottawa-Charta ...

... wurde am 21. November 1986 von der Ersten Internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung verabschiedet, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einberufen wurde. Ziel war, „allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“

Dabei wurden fünf zentrale Handlungsfelder identifiziert:
• Eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik entwickeln
• Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen
• Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen
• Persönliche Kompetenzen entwickeln
• Gesundheitsdienste neu orientieren



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