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01.04.14 / 00:03
Heft 07/2014 Politik
Neue Rahmenvereinbarung zwischen KZBV und GKV-Spitzenverband

Zahnärzte und Pflegeheime kooperieren

Drückende Prothesen, unbehandelte Entzündungen, mangelnde Mundhygiene – um die Zahngesundheit von Frauen und Männern im Pflegeheim war es bisher schlecht bestellt. Das soll sich ändern: Die KZBV und der GKV-Spitzenverband haben eine neue Rahmenvereinbarung getroffen, um die zahnmedizinische Versorgung von Heimbewohnern zu verbessern. Ab April können Zahnärzte direkt mit einzelnen Heimen kooperieren und auf dieser Basis die Patienten vor Ort betreuen.



„Gesund im Mund“ – das ist für Menschen im Pflegeheim in der Regel nicht der Ist-Zustand. Mit der neuen Rahmenvereinbarung wollen KZBV und GKV-Spitzenverband das ändern. Foto: picture alliance

Nicht nur, dass ihre Erkrankungen spezielle Therapien erfordern: Weil sie dement sind, herzkrank oder bettlägerig, können Pflegeheimpatienten oftmals nicht mehr in die Praxis kommen. Dennoch gab es für sie bisher keine systematische zahnmedizinische Betreuung – die Betroffenen fielen schlicht durch das ansonsten so engmaschige Versorgungsnetz. „Um die Zahngesundheit der Pflegebedürftigen hat man sich in den stationären Einrichtungen bis dato wenig gekümmert“, bestätigt der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer die missliche Ausgangslage. „Einziges Licht in diesem Versorgungsdunkel waren die Kollegen, die die Patienten in ihrer Freizeit behandelt haben. Doch diese Arbeit kann nicht ehrenamtlich durch einen Berufsstand geschultert werden – das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Das hat letztlich auch der Gesetzgeber erkannt und im SGB V § 119 b als Auftrag an die KZBV und den GKV-Spitzenverband verankert. Mit dem Ziel, eine aufsuchende Zahnmedizin sicherzustellen, die die besonderen Bedürfnisse pflegebedürftiger Versicherter berücksichtigt, haben jene im Benehmen mit den Vereinigungen der Träger der Pflegeeinrichtungen und den Verbänden der Pflegeberufe eine Rahmenvereinbarung erarbeitet. Sie ermöglicht den Zahnärzten, einzeln oder gemeinsam Kooperationsverträge mit stationären Pflegeeinrichtungen abzuschließen. „Die Vereinbarung soll eine die besonderen Bedürfnisse von pflegebedürftigen Versicherten berücksichtigende vertragszahnärztliche Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen sicherstellen“, heißt es in dem Übereinkommen.

Soziale Teilhabe stärken

Konkret kann der Zahnarzt eine routinemäßige Anamnese vornehmen und den Patienten danach regelmäßig auf Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten untersuchen und behandeln. Ein vorgefertigtes Formblatt hilft ihm, den Pflegezustand und Behandlungsbedarf zu dokumentieren. Eine enge Vernetzung zwischen allen Beteiligten wird dabei vorausgesetzt: So gibt das Heim dem Zahnarzt Zugang zu den Behandlungsräumen, nennt ihm Ansprechpartner und gewährt ihm Einsicht in die medizinischen Unterlagen. Der Zahnarzt wiederum unterrichtet seine KZV darüber, wenn und mit welcher Einrichtung er zusammenarbeitet. Wird der Vertrag modifiziert oder beendet, gibt er seiner KZV ebenfalls Bescheid. Abgerechnet wird über die neue Position 172 Bema. Voraussetzung dafür ist gemäß § 87 2J SGB V, dass der Vertrag die zwingenden Vorgaben der Rahmenvereinbarung einhält.

„Der Plan ist, dass jedes Pflegeheim in Zukunft eine solche Vereinbarung mit einem oder mehreren Zahnärzten eingeht“, erläutert Eßer das Abkommen: „Denn eine gute Mundgesundheit verhindert nicht nur lebensbedrohliche Erkrankungen. Sie verbessert gerade für Pflegebedürftige die Lebensqualität immens: Gute Zähne sorgen dafür, dass wir essen und sprechen können – eine wichtige Bedingung, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Mit unserer neuen Vereinbarung und den darin enthaltenen Qualitäts- und Versorgungszielen kommen wir diesem Ideal ein Stück näher.“

Info

Ziele der Verträge

• Erhalt und Verbesserung der Mundgesundheit einschließlich des Mund- und Prothesenhygienestandards und damit Verbesserung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (unter anderem Schmerzfreiheit, Essen, Sprechen, soziale Teilhabe)

• Vermeiden, frühzeitiges Erkennen und Behandeln von Erkrankungen des Zahn-, Mund- und Kieferbereichs

• regelmäßige Kontroll- und Bonusuntersuchungen

• zeitnahe den Lebensumständen des Pflegebedürftigen Rechnung tragende Behandlung beziehungsweise Hinwirken auf eine solche Behandlung

• Verminderung der beschwerdeorientierten Inanspruchnahme, Vermeiden von zahnmedizinisch bedingten Krankentransporten und Krankenhausaufenthalten

• Stärkung der Zusammenarbeit und Verbesserung des Informationsaustauschs zwischen den an der Pflege sowie der medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung der Bewohner beteiligten Berufsgruppen, den Bewohnern beziehungsweise gesetzlichen Vertretern sowie deren Angehörigen

Info

Aufgaben des Zahnarztes

Diagnostik

1. Bei einem neuen Patienten im Pflegeheim soll die erste zahnärztliche Untersuchung innerhalb von acht Wochen stattfinden.

2. bis zu zweimal jährlich: Der Zahnarzt nimmt eine eingehende Untersuchung zur Feststellung von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten vor, beurteilt den zahnärztlichen Behandlungsbedarf, den Pflegezustand der Zähne, der Mundschleimhaut sowie der Prothesen, macht Vorschläge zum Erhalt und zur Verbesserung der Mundgesundheit und dokumentiert den Fall anhand des Formblatts nach Anlage 1. Das Heim erhält die dokumentierten Informationen und kann das Formblatt als Anlage zum Pflegeplan nutzen.

3. Der Zahnarzt bestätigt die zahnärztliche Untersuchung im Hinblick auf die Erhöhung der Festzuschüsse zum Zahnersatz nach § 55 Abs. 1 Satz 3 ff. SGB V (Bonusheft).

4. bis zu zweimal jährlich: Er leitet das Pflegepersonal – gegebenenfalls praktisch – bei der Durchführung der obliegenden Aufgaben an und gibt Hinweise zu Besonderheiten der Zahnpflege sowie zu Pflege und Handhabung des Zahnersatzes.

5. bedarfsorientiert: die konsiliarischen Erörterungen mit Ärzten und Zahnärzten; insbesondere soll der Xerostomie durch Hinweise auf eine Prüfung und gegebenenfalls Änderung einer Mundtrockenheit bewirkenden Medikation entgegengewirkt werden.

6. bedarfsorientiert: Er unterrichtet die Pflegeeinrichtung über festgestellte Befunde, die nicht im Rahmen der zahnärztlichen Besuchstätigkeit behandelt werden können und empfiehlt beziehungsweise überweist zur weiteren Abklärung oder Behandlung von festgestellten Befunden an Experten.

7. bedarfsorientiert: Er spricht mit der Pflegedienstleitung, dem beliefernden Apotheker und anderen an der Versorgung Beteiligten im Hinblick auf Strukturen und Abläufe, die der Mundgesundheit der Bewohner förderlich sind.

Therapie

8. Unmittelbar nach der eingehenden Untersuchung oder an einem weiteren Behandlungstermin: Er behandelt beziehungsweise wirkt auf eine Behandlung entsprechend des festgestellten Behandlungsbedarfs hin. Dabei erfolgen in der Pflegeeinrichtung nur solche Maßnahmen, die dort fachgerecht erbracht werden können.

Info

Folgen aus dem PNG

Grundlage der Vereinbarung und der Kooperationsverträge ist das Anfang 2013 in Kraft getretene Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG). Darin hat der Gesetzgeber die Regelungen in § 119 b als Reaktion auf den demografischen Wandel neu gefasst. Infolgedessen werden auch in den Bema entsprechende Gebührennummern neu aufgenommen beziehungsweise geändert.



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