mg
29.08.14 / 06:00
Heft 17/2014 Titel
Günstige Alternative aus Fernost

Zahnersatz-Branche im Wandel

Zahnersatz boomt: Nach den neuesten Zahlen wuchsen die Ausgaben von PKV und GKV für diese Position von 2008 bis 2012 um gut 14,6 Prozent auf mehr als 5,2 Milliarden Euro pro Jahr. So weit die Fakten. Aber wächst auch der Markt Auslandszahnersatz? Oder hebt der Trend zum vollgefrästen Zahnersatz den Standortvorteil asiatischer Labore (bald) wieder auf? Wer nach Antworten sucht, trifft oftmals auf Schweigen – oder interessengesteuerte Beredsamkeit.




Wie hoch der Anteil von Auslandszahnersatz am Gesamtumsatz von 5,2 Milliarden Euro (ohne KFO-Leistungen) ist, lässt sich nur mutmaßen. Auf Nachfrage der zm nennen nur zwei der 14 größten Hersteller von Auslandszahnersatz ihre aktuellen Umsatzzahlen. Mehrere Brancheninsider schätzen unabhängig voneinander das Umsatzvolumen der etwa 50 deutschen Anbieter von Auslandszahnersatz auf mehr als 200 Millionen Euro – das entspräche aktuell mehr als 3,8 Prozent des Gesamtmarktes (Grafik 1). „Tendenz steigend“, heißt es noch, auch wenn mehrere Gesprächspartner eine Deckelung des maximal erreichbaren Marktanteils bei etwa zehn Prozent des gesamten deutschen Zahnersatzmarktes sehen.

Grundlage dieser Vermutung liefert vielleicht auch die im März 2009 erschienene Studie „Dentaltourismus und Auslandszahnersatz“ des Instituts der deutschen Zahnärzte (IDZ) in Kooperation mit dem Institut für empirische Gesundheitsökonomie (IfEG). Für diese waren von Ende August bis Mitte September 2008 unter anderem 300 Zahnärzte befragt und gebeten worden, den Anteil der Prothetikfälle grob zu schätzen, bei denen sie ausländischen Zahnersatz verwendet hatten. Ergebnis: Über alle Zahnärzte gerechnet beträgt der Durchschnitt knapp zehn Prozent. Die Vermutung: Da der Umsatzanteil aktuell bei nur etwa vier Prozent liegt, scheint es sich bei den Prothetikfällen mit Einsatz von Auslandszahnersatz eher um kleinere Eingriffe mit noch geringerem Umsatz zu handeln.

In der Zwischenzeit verstärkten vor allem die umsatzstärksten Unternehmen für Auslandszahnersatz in den vergangenen Jahren weiter ihre Werbe-und Vertriebsanstrengungen – jeder auf seine Art: Die im Frühjahr 2014 verkaufte Mamisch Dental Health AG (Mülheim an der Ruhr) investierte in die Produktion und Ausstrahlung von Endkunden-Fernsehwerbung, Permadental (Emmerich) beauftragte 2010 ein wissenschaftliches Gutachten zur Qualitätsbewertung ihres Aus-landszahnersatzes und Dentaltrade (Bremen) bewirbt im Web vor allem Zahnersatz zum Nulltarif und setzt auf Kooperationen mit verschiedenen gesetzlichen Krankenkassen.

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, betont, dass die Verantwortung für den eingegliederten Zahnersatz gegenüber dem Patienten allein der Zahnarzt trägt. „Natürlich muss der Patient über den Ort der Herstellung seines Zahnersatzes aufgeklärt werden“, sagt er. „Jedoch haben weder Patient und erst Recht nicht Krankenkassen oder Versicherungsunternehmen das Recht, vom Zahnarzt zu verlangen, ausländischen Zahnersatz zu nutzen. Sowohl die Einschätzung der Qualität als auch das Haftungsrecht sollten den Zahnarzt veranlassen seine Entscheidung gut abzuwägen.“

Die jüngsten Zahlen zur Nachfrage sind von 2008

Welchen Einfluss die Werbebemühungen der Hersteller auf die Akzeptanz von Kunden und Zahnärzteschaft gegenüber Auslandszahnersatz haben, bleibt offen. Die jüngsten wissenschaftlich belastbaren Zahlen zur Bereitschaft der Patienten, sich Auslandszahnersatz eingliedern zu lassen, stammen aus der Studie von März 2009. Seinerzeit hatte jeder siebte von mehr als 1 300 Befragten zwischen 30 und 75 Jahren „grundsätzlich schon einmal erwogen“, sich ausländischen Zahnersatz eingliedern zu lassen. Gleichzeitig nannten 92,4 Prozent der Befragten Qualitätsaspekte als Hauptbedenken. „Wir nannten das damals skeptische Qualitätsvermutung“, erklärt Dr. David Klingenberger, der als stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des IDZ seinerzeit Mit-Autor der Studie war.

Heute, sechs Jahre später, sei das damalige Gegenargument so nicht mehr haltbar, ist sich Klaus Spitznagel, Direktor des Zahnersatz-Herstellers Permadental BV, sicher. „Qualität zu definieren ist das größte Problem“, erklärt er, schließlich habe „jeder Zahnarzt sein ganz eigenes Qualitätsverständnis“. Dementsprechend bemüht sich die Branche seit Jahren um eine möglichst objektive Beschreibung von Qualität. Die meisten der Labore in den chinesischen Sonderhandelszonen Shenzhen und Shanghai sind nach internationalen ISO-Normen wie 9001 oder 13485 zertifiziert, die Mindestanforderungen an Qualitätsmanagement, Organisation und Produktsicherheit abbilden, und setzen in ihrer industrieartigen Herstellung auf Managementtechniken wie den „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“ (KVP oder japanisch „Kaizen“), die in anderen Wirtschaftsbereichen wie der Automobilindustrie schon lange Standard sind.

Der bildgewaltigen Anschuldigung, in Nichtedelmetallkronen würden alte Türklinken und sonstiges Altmetall vergossen, begegnete der Hersteller Permadental etwa, indem er Chargennummern für die Legierungsbestandteile bei seinen namenhaften deutschen Materiallieferanten einforderte und seitdem an Kunden weitergibt.

Info

Schweden kaufen deutschen Platzhirsch

Im heterogenen Markt Auslandszahnersatz gibt es Schätzungen zufolge nur wenige Unternehmen mit einem zweistelligen Millionenumsatz und viele kleinere importierende Handelsgesellschaften und Dentallabore. Das nach eigenen Angaben mit Abstand umsatzstärkste Dentallabor in Deutschland ist die MDH AG Mamisch Dental Health. Im Geschäftsjahr 2013 erwirtschaftete das Unternehmen mit seinen 150 Mitarbeitern in Mülheim an der Ruhr und mehr als 1 400 Mitarbeitern in China rund 45 Millionen Euro.

Im März 2014 wurde das Familienunternehmen an die schwedische Lifco Dental Group verkauft. Die Vertriebsgesellschaft von Dentalprodukten ist in 13 Ländern Europas aktiv und bildet mit 46 Prozent des Gesamtumsatzes den stärksten Geschäftsbereich innerhalb des Mutterkonzerns Lifco Group, der mit seinen rund 3 000 Mitarbeitern im vergangenen Geschäftsjahr 620 Millionen Euro umsetzte.

Ebenfalls Teil der Lifco Dental Group ist das Lübecker Zahnlabor Interadent, das eine Fertigung auf den Philippinen hat und Schätzungen von Branchenkennern zufolge sich aktuell ebenfalls unter den fünf umsatzstärksten deutschen Herstellern von Auslandszahnersatz befindet.

2010 gab Permadental dann bei Prof. Dr. Bernd Wöstmann, dem Leiter der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, eine Studie zur Untersuchung verschiedener Qualitätsparameter ihrer Auslandszahnersatz-Produkte in Auftrag. Untersucht wurden je zehn keramisch vollverblendete, hochgoldhaltige Einzelkronen, keramisch vollverblendete Nichtedelmetall-Einzelzahnkronen und Zirkonoxidkronen auf Fertigungsaspekte wie Randschluss, Okklusion, Approximalkontakt und Farbgebung beziehungsweise den Grad der Farbabweichung. Fazit von Wöstmann: „Die erreichte Passgenauigkeit der Restauration liegt für alle drei Materialien in einem hervorragenden Bereich.“ Bereits neun Jahre zuvor war Prof. Dr. Thomas Kerschbaum in einer anderen Studie zu dem Schluss gekommen, dass sich bezogen auf die Randschluss-Ungenauigkeiten keine deutlichen Abweichungen von Auslandszahnersatz zur Ergebnisqualität von deutschen Labors feststellen ließen (zm 19/2001, S. 44-46).

Hinsichtlich ihrer Okklusionsverhältnisse war an allen Kronen eine geringfügige Supraokklusion gegeben, „die sich aber durch Einschleifen schnell und unproblematisch beseitigen lassen sollte“, heißt es weiter in Wöstmanns Fazit. Die Differenzen befanden sich nach Angaben des Studienautors in dem Bereich einer Ungenauigkeit, wie er bei der Verschlüsselung des Oberkiefers mit dem Unterkiefer durch moderne Bissregistrierungsmaterialien „ohnehin zu erwarten ist“.

Für Wöstmanns Studie waren 121 Zahnersatzarbeiten aus dem Routinebetrieb aus Patientendaten des zahntechnischen Labors in Hongkong/Shenzhen randomisiert ausgewählt und untersucht worden. Die Bestimmung der im Labor erreichten Zahnfarbe erfolgte vor Ort in Shenzhen in Anwesenheit des Gutachters. Auch die Gestaltung der Approximalkontakte seit „durchweg gelungen“, beschreibt Wöstmann weiter, lediglich die Farbabweichung von maximal ΔE=2 könnte problematisch werden, falls „in Einzelfällen Abweichungen von der Zahnfarbe bemerkt werden könnten“ – was bei Frontzahnrestaurationen „denkbar“ sei. Wöstmann regt deshalb an, einen Wert von ΔE=1,7 anzustreben.

Studien der Branche wird mit Skepsis begegnet

Auch wenn die Wissenschaftlichkeit von Wöstmanns Studie von niemandem öffentlich angezweifelt wird, unken Teile der zahnmedizinischen Branche, wie unabhängig eine Studie sein könne, wenn ein Industrieunternehmen den Auftrag erteilt, die Qualität der eigenen Produkte zu untersuchen.

Interessanter Fakt: Noch ein Jahr zuvor, im Jahr 2009 also, hatten in der IDZ-Studie 29 Prozent der befragten 300 Zahnärzte die „schlechte, fragwürdige bzw. unbekannte Qualität“ als gravierenden Nachteil von Auslandszahnersatz benannt. Fast jeder Zweite (46 Prozent) bewertete damals außerdem die langen Kommunikations- und Transportwege als kritisch.

Heute haben alle großen Hersteller die Logistik nach eigenen Angaben soweit professionalisiert, dass zwischen Abholung des Abdrucks und Lieferung des fertigen Zahnersatzes meist nur sieben bis zehn Tage vergehen. Trotz der großen Entfernungen zu chinesischen oder philippinischen Laboren kann die Bearbeitung der in Deutschland vorab geprüften Abdrücke bereits nach eineinhalb Tagen beginnen. Vor Ort kümmern sich dann ausgebildete Zahntechniker um die weitere Bearbeitung des Auftrags. Dabei wird der Qualitätskontrolle ein besonderer Stellenwert eingeräumt, heißt es. Jeder Beschäftigte ist an seinem Arbeitsplatz nur für einen Arbeitsschritt zuständig – und kann die Weiterbearbeitung eines Werkstücks verweigern, sobald er meint, eine im vorangegangenen Schritt entstandene Unzulänglichkeit zu bemerken. Produziert wird ausschließlich mit Materialien deutscher Dentalfirmen, die Biokompatiblität ist gewährleistet, die Materialien entsprechen alle dem Medizinproduktegesetz. Die zweijährige Ausbildung der Zahntechniker erfolgt in China in sogenannten Dentalschools, wobei die Ausbildung neben den theoretischen Hintergründen auf den praktischen Teil konzentriert ist. Je nach Ausbildungsgrad und besonderer Eignung werden die Absolventen dieser Dentalschools in Teams integriert, wo sie von Zahntechnikermeistern betreut und weiter „on the job“ trainiert werden.

Vor dem Hintergrund eines auch in China bestehenden Fachkräftemangels sowie der kulturell höheren Wechselwilligkeit von Arbeitnehmern versuchen die Unternehmen, die ausgebildeten Zahntechniker neben einer angemessenen Bezahlung auch mit Sozial- und Freizeitangeboten zu binden.

Interview mit Guido Braun, Vizepräsident des Verbands Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI):

„Der Markt wird zurzeit von allen Seiten umgekrempelt“

Herr Braun, wenn Sie heute ein junger Mensch wären, würden Sie den Beruf des Zahntechnikers ergreifen – bei 315 Euro Ausbildungsvergütung im Monat?
Guido Braun:
Das Problem ist sicher nicht die Ausbildungsvergütung. Das Problem ist, dass wir aufgrund der Preis- und Erlössituation unsere Leute nicht ordentlich bezahlen können. Wir arbeiten heute zu den Preisen des Jahres 1993. Wenn es seitdem überhaupt zu Gehaltserhöhungen gekommen ist, ergaben sich diese durch eine gesteigerte Produktivität. Das Auftreten neuer Marktformen wie Auslandszahnersatz und der technische Strukturwandel haben zu einem gewaltigen Verdrängungswettbewerb geführt und zu Schwankungen, die wiederum dazu führen, dass Labore im Schnitt nur noch an sieben von zwölf Monaten voll ausgelastet sind. Die übrige Zeit warten sie auf Aufträge. Der Markt wird zurzeit von allen Seiten umgekrempelt. Einem jungen Menschen, der vor der Entscheidung steht, kann ich nur sagen: Man muss sich fast schämen, aber ein ausgelernter Zahntechniker kann keine Familie ernähren.

Betrachtet man die Dichte der Zahntechniker pro Einwohner, ist diese in Deutschland deutlich höher ist als in den EU-Nachbarländern. Was kann man daraus ableiten?
Braun:
Diese Zahlen sind schwierig zu vergleichen. In Frankreich findet zum Beispiel gar keine Versorgung statt, die sie mit der in Deutschland vergleichen könnten. Oder nehmen wir Italien. Da arbeiten Zahntechniker wie Zahnärzte. Das sind unglaubliche Verhältnisse. Ich bin nicht der Meinung, dass wir in Deutschland eine Überversorgung haben. Man sollte das Gebiss – so weit es geht – erhalten, weil es eine wichtige Grundlage für die gesundheitliche Gesamtsituation ist. Und wenn man das will, braucht man eine bestimmte Menge an Zahntechnikern.

Trotzdem steht die Branche vor einer Marktbereinigung, oder?
Braun:
Dazu muss man in die Geschichte zurückblicken. Nachdem 1975 das Bundessozialgericht entschieden hatte, dass fehlende Zähne eine Krankheit darstellen, wurde versorgt, bis beinahe jede Lücke geschlossen war. Dann gab es einen schrittweisen Wandel und spätestens seit Einführung der Festzuschüsse stellt sich die Situation ganz anders dar. Da ist damals etwas auf den Markt gerufen worden, was heute eventuell als Überbesetzung vorhanden ist. Wenn das so ist, wird sich das bereinigen, ja.

Wie groß ist die Bedrohung deutscher Dentallabore durch Auslandszahnersatz?
Braun:
Die Bedrohung ist groß, ganz klar. Da können die Zahnmediziner gar nichts dafür. Man hätte zu keinem Zeitpunkt Festzuschüsse einführen dürfen, weil diese die Qualität nicht fördern, sondern zu einem sogenannten Zitronenmarkt führen. In einem solchen Markt herrscht eine starke Informationsasymmetrie, das heißt, der Käufer kann die Qualität eines Gutes nur schwer beurteilen. Das führt wiederum dazu, dass er im Durchschnitt weniger zu zahlen bereit ist, als wenn es nur gute Güter gäbe. Er berücksichtigt damit quasi das Risiko, eine „Zitrone“ zu erwischen. Machen wir uns nichts vor: Der Patient weiß gar nichts – der Zahnarzt hingegen weiß, worum es geht. Und tut gut daran, auf die Qualität und den Service vor Ort zu setzen.

Haben die deutschen Labore denn erkannt, dass sie den Vor-Ort-Service in den Mittelpunkt ihrer Leistung stellen müssen?
Braun:
Natürlich wird der Serviceaspekt als Wettbewerbsvorteil begriffen, viele Labore tun sich jedoch schwer, daraus Marketingmaßnahmen abzuleiten. Wenn, dann sollten solche Maßnahmen den Zahnarzt als Kunden ansprechen. Die großen Hersteller von Auslandszahnersatz gehen den anderen Weg und bewerben direkt die Patienten, die wiederum bei den Zahnärzten Druck machen und auf günstige Produkte drängen. Trotzdem gehen wir davon aus, dass eine Marktsättigung mit Auslandszahnersatz bereits eingetreten ist.

Wieso das? Und wie hoch schätzen sie aktuell den Anteil von Auslandszahnersatz am Gesamtmarkt ein?
Braun:
Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2008 bereits 20 Prozent aller Zahnersatz-fälle mit Neuanfertigungen unter Verwendung von ausländischer Zahntechnik versorgt wurden. Da der Fallwert bei einer Neuanfertigung deutlich höher ist als bei Reparaturfällen, liegt bei einem Importanteil von 9,8 Prozent das monetäre Volumen des Importanteils entsprechend höher – und dürfte bei vorsichtiger Schätzung 2008 bereits 20 Prozent des Volumens für zahntechnische Leistungen erreicht haben. Ich mache mir aber die Hoffnung, dass dieser Markt stagniert. Anzeichen dafür könnte sein, dass die Aggressivität der Werbung zugenommen hat und sich Kliniken in Ungarn und Polen, die Dentaltourismus anbieten, mittlerweile gegenseitig unterbieten, was die Preise betrifft.

Welche Rolle werden in Zukunft vollanatomisch gefräste Kronen spielen?
Braun:
Natürlich wird die CAD/CAM-Fertigung eine immer größere Rolle spielen. Da hierfür hoch qualifiziertes Personal notwendig ist, werden sicher einige der heute noch existenten, handwerklicheren Stellen aus dem Produktionsablauf wegfallen. Ansonsten sehen wir den Trend, dass deutsche Fräszentren mittlerweile Aufträge für chinesische Unternehmen machen, in welchem Umfang, kann ich leider nicht sagen. Lohnmäßig ist da nicht mehr viel zu sparen. Es gibt heute schon Fräszentren in Deutschland, die laufen Tag und Nacht vollautomatisch. Da steht höchstens noch einer daneben mit dem Ölkännchen in der Hand. Entscheidend ist: Bei so einem Produktionsablauf, muss der, der die Daten schickt, wissen, was er tut.

Auch in Deutschland herrscht unter Zahntechnikern mit einer Arbeitslosenquote von weniger als zwei Prozent Vollbeschäftigung, wie der Branchenreport 2013 der Sparkassen-Finanzgruppe ausweist. Hintergrund ist jedoch, das viele Zahntechniker mit offenen Armen in der Automobil-, Elektro- und auch chemischen Industrie empfangen werden, wenn sie der Branche den Rücken kehren. Aus Sicht von Guido Braun, Vizepräsident des Verbands Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI, Kasten links) begann der schleichende Abstieg der Branche mit der Einführung des Festzuschusssystems, das auch zu einer Verschlechterung der Qualität beigetragen habe.

Dr. Jürgen Fedderwitz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), widerspricht. „Sicher hat das Festzuschussmodell zu keinen Qualitätseinbußen geführt“, sagt er. „Ob aufwendige Formen des Zahnersatzes oder eine eher einfache Versorgung – beides ist mit der gebotenen Qualität im Labor herzustellen.“ Im Übrigen bringe das Festzuschussmodell dem Patienten eher ein Informationsplus, da er über die verschiedenen Therapieformen informiert werde, so wie es der Gesetzgeber vorschreibt. Fedderwitz: „Es ist zu einfach, die hausgemachten Probleme des VDZI der Zahnärzteschaft zuzuschieben.“

Und diese Probleme sind vielfältig. Neben der geringen Auslastung vieler Labore plagt die Branche ein handfestes Nachwuchsproblem. Bereits 2012 benannte Walter Winkler, Generalsekretär des VDZI, die Misere.

Im Ergebnis sei die Zahl der Auszubildenden von 2000 bis 2010 um 29,8 Prozent auf 6  211 gesunken, schrieb Winkler im Verbandsmagazin Teleskop. Als Hauptgrund nannte er die weit unterdurchschnittliche Ausbildungsvergütung und verwies auf ein Ranking des Bundesinstituts für Berufsbildung, das 184 Ausbildungsberufe aus Industrie, Handel, Handwerk und Öffentlichem Dienst listet – von denen alle eine höhere Ausbildungsvergütung haben als Zahntechniker.

Auf Einkommensniveau mit Maurern und Straßenfegern

Konkret hätten die durchschnittlichen Ausbildungsvergütungen gestaffelt von 316 Euro im ersten Lehrjahr bis 479 Euro im vierten Lehrjahr gelegen. „Der Beruf des Zahntechnikers hatte einstmals eine Spitzenposition im Handwerk inne“, so Winkler 2012. „Die Einkommensentwicklung im Zahntechniker-Handwerk hat sich seitdem schleichend stark verschlechtert.“

Das gilt auch für die Einkommensperspektive der Auszubildenden. Das Statistische Bundesamt weist in seiner zuletzt verfügbaren Verdienststrukturerhebung einen durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst aller angestellten Zahntechniker in Deutschland von 2 484 Euro aus. Damit rangiert der Beruf unter den 332 aufgeführten auf Platz 212, noch hinter Berufsbildern wie „Maurer“, „Postverteiler“ oder „Straßenreiniger/Abfallbeseitiger“.

Laut Braun haben die oftmals bescheidene Erlössituation der Labore und damit die Verdienstmöglichkeiten ihrer Beschäftigten die Ursache in der mangelnden Auslastung. Schon heute seien die Betriebszahlen rückläufig. „Haben wir heute noch etwa 8 000 Labore, wird sich dieser Wert irgendwann bei 5 000 einpendeln“, erklärt er. Es bleibe aber in jedem Fall ein polypolistischer Markt mit einem knallharten Wettbewerb. Wenn 2015 der flächendeckende Mindestlohn kommt, habe die Branche ein Problem. Heute verdienen nach Brauns Aussage im Osten Deutschlands aktuell 31 Prozent und im Westen 11 Prozent der Zahntechniker weniger als 8,50 Euro pro Stunde.

Gleichzeitig ist eine Verbesserung des Marktes für deutsche Labore scheinbar nicht in Sicht: Laut Statistischem Bundesamt (Grafik 3) wuchs das Import-Volumen von „Zahnprothesen und Waren der Zahnprothetik“ allein von 2012 bis 2013 um 7,8 Prozent auf 186 Millionen Euro. Im gleichen Zeitraum schrumpfte das Importvolumen für „künstliche Zähne aus Kunststoff“ und „künstliche Zähnen aus anderen Stoffen“ insgesamt um zwei Prozent auf zusammen 59, 3 Millionen Euro.

Eine mögliche Erklärung ist ein Gerücht, dass wie eine Verschwörungstheorie aus der wirtschaftlichen Boomphase Chinas Anfang der 2000er-Jahre klingt. Es lautet: Chinesische Unternehmen haben begonnen, deutsche Dentallabore aufzukaufen und fräsen seitdem ihren Zahnersatz im Dreischichtbetrieb in Deutschland. Dazu Guido Braun: „Dass gekauft wird, kann ich mir gut vorstellen – der Markt ist da. Es gibt viele ältere Labor-betreiber, die aufgeben.“

Info

Dentaltourismus bleibt Randerscheinung

Häufig werden unter dem Begriff Auslandszahnersatz neben dem in Deutschland eingegliederten und im Ausland hergestellten Zahnersatz fälschlicherweise auch die Zahnersatzbehandlungen im Ausland verstanden. Korrekter ist jedoch die Unterscheidung in Auslands-Zahnersatz (im Ausland hergestellt) und Dentaltourismus (im Ausland eingegliedert). Diese Unterscheidung ist deshalb sinnvoll, weil Dentaltourismus im Gegensatz zum Auslandszahnersatz einen deutlich geringeren Stellenwert einzunehmen scheint. Die Studie „Dentaltourismus und Auslandszahnersatz“ von März 2009 ergab, dass lediglich 1,2 Prozent der mehr als 1 300 Befragten bereits einmal ins Ausland gefahren sind, um sich Zahnersatz eingliedern zu lassen. Auch wenn acht der zehn größten Krankenkassen die Zahl der Auslandsbehandlungen auf Nachfrage nicht mitteilen, zeigen die Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) und der DAK die Bedeutung dieses Marktes. So verzeichnete die DAK 2012 und 2013 jeweils einen Anteil von 0,09 Prozent und selbst bei der TK, die mit fünf Zahnkliniken in Ungarn und Polen kooperiert, macht Dentaltourismus nur einen Anteil von 0,2 Prozent aller Zahnersatz- behandlungen ihrer Versicherten aus.



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