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16.04.14 / 00:01
Heft 08/2014 Leitartikel

Zahnmedizin immer mitdenken



Foto: BZÄK-Pietschmann

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wie wichtig und richtig der Weg in der zahnmedizinischen Versorgung weg von der reinen Reparatur hin zur Prävention und damit hin zum bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnis war, haben die Erfolge in der Mundgesundheit der Deutschen offensichtlich gemacht. Die Deutschen Mundgesundheitsstudien – die V. befindet sich derzeit in der Feldphase – des Instituts Deutscher Zahnärzte belegen, wie Aufklärung, Prävention und zahnerhaltende Strategien sich positiv auf die Gesundheit aller Altersgruppen ausgewirkt haben. Diese Erfolge finden Anerkennung in der Gesellschaft, bestätigt durch die ausdrückliche Aufforderung der Politik an die Zahnärzteschaft, diesen Weg weiterzugehen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, in den gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Bezügen Zahnmedizin grundsätzlich immer mitzudenken.

Dennoch: Karies und Parodontitis sind nach wie vor Volkserkrankungen. Obwohl gerade bei der Karies wissenschaftlich abgesicherte Präventionsstrategien existieren. Doch insbesondere die Erkenntnis, dass die Zahn- und Mundgesundheit einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung anderer systemischer Erkrankungen, wie etwa dem Diabetes mellitus, leisten kann, dass die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft ganz andere Anforderungen an die zahn-/-medizinische Versorgung stellen wird, fordert auch zukünftig die Prävention in der Zahnmedizin. Wir wissen, wie wichtig es ist, ganz dezidiert auch Risikogruppen eine Teilhabe an Prophylaxemaßnahmen zu ermöglichen. Die Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit erfordert, dass besonders fürsorgebedürftige Bevölkerungsgruppen, etwa Kleinkinder, Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen, Migranten, Pflegebedürftige oder Menschen mit Behinderungen, diese Prophylaxe erreicht.

Hier steht aber die gesamte Gesellschaft in der Pflicht. Dass die Umsetzung unseres lebensbegleitenden Konzepts „Prophylaxe ein Leben lang“, nicht von uns Zahnärzten allein geleistet werden kann, dass es dazu der Motivation aller gesellschaftlichen Kräfte bedarf, haben wir aus den Handlungs- mustern zurückliegender Erfolge gelernt. Alles, was wir aus wissenschaftlich-medizinischer Sicht erarbeiten, was wir umsetzen wollen, bedarf der Unterstützung gerade auch politischer Entscheider und Multiplikatoren innerhalb dieser Gesellschaft. Dies betrifft Politikbereiche, wie Bildung und Forschung, Gesundheit, Wirtschaft, Verbraucherschutz, Arbeit und Soziales, aber auch die Finanzen. In der politischen Debatte findet das Thema Zahn- und Mundgesundheit trotz seiner hohen Relevanz für das Gesundheitssystem jedoch noch zu wenig Beachtung. Wir wollen die Zahn- und Mundgesundheit aller Menschen in Deutschland verbessern. Es geht dabei um die Herstellung von gesundheitlicher Chancengleichheit und gleichzeitig um die Wahrnehmung von Eigenverantwortung.

Das im Jahr 2012 gegründete Forum Zahn- und Mundgesundheit Deutschlands, eine Initiative aus Wissenschaft, Fachverbänden, Politik und Wirtschaft, hat sich genau dieser Aufgabe verschrieben. Unter Nutzung des gemeinsamen Risikofaktorenansatzes, gilt es fach- und politikübergreifende Präventionskonzepte zu erarbeiten und geeignete Pilotprojekte zu unterstützen. Wichtig zu wissen: Das Forum ist kein nationaler Alleingang, sondern bettet sich ein in ein europäisches Konzept. Die Better Oral Health European Platform (BOHEP) wurde 2011 gegründet und schafft einen Rahmen über nationale Grenzen hinweg. Eingebettet in diese europäischen Präventionsaktivitäten ist Deutschland durchaus in der Lage, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Dazu brauchen wir ganzheitliche, fachübergreifende und die zahlreichen Politikfelder betreffende Präventionsstrategien. Das Forum Zahn- und Mundgesundheit hat in seiner bisherigen Arbeit Wege aufgezeigt, die politischen Entscheider und gesellschaftliche Multiplikatoren gemeinsam mit uns Zahnmedizinern gehen können, um durch richtige präventive Ansätze die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten sowie zu verbessern. Wir werden auch in der neuen Legislaturperiode diesen Weg weitergehen und freuen uns über zahlreiche Begleiter.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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