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16.04.14 / 00:05
Heft 08/2014 Politik
Zahnärzte und Fortbildung

Zertifikate für die Heldenwand

Vor zehn Jahren erließ der Gesetzgeber die sogenannte Zwangsfortbildung. Ob sich das Instrument bewährt hat, wie die Zahnärzteschaft die Qualität der Angebote sicherstellt und warum Schummeln keinen Sinn macht, erläutert Prof. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, im Interview.




1. Hat sich die vom Gesetzgeber eingeführte Pflicht zur Fortbildung in der Zahnmedizin bewährt?

Bei Zwang entsteht schnell ein negatives Gefühl, andererseits verstehen wir natürlich auch die Öffentlichkeit. Wer schaute nicht sparsam, wenn der Hausarzt sagen würde: „Als ich damals studiert habe, hab’ ich noch keine Therapie für Ihr Krankheitsbild gelernt.“

In der Zahnmedizin besteht der Vorteil, dass wir uns schon immer gerne fortgebildet haben und dabei auch weniger an Schnittchen als daran interessiert waren, wirklich was Neues zu lernen. Jetzt kommt leider die Dokumentations-Bürokratie dazu. Andererseits erlebe ich aber immer öfter, dass Kolleginnen und Kollegen, wenn sie sich schon mit dem Thema beschäftigen müssen, dann auch das eine oder andere Zertifikat an die „Heldenwand“ in ihrer Praxis hängen. Damit erreichen wir die Öffentlichkeit direkt und machen die beste Werbung für unseren Qualitätsanspruch.

2. Die Zahnärzte können sich bei der Kammer, bei einem Fachverband oder auch bei kommerziellen Anbietern fortbilden. Kritiker sprechen von Wildwuchs. Wie bewerten Sie die Fortbildungslandschaft in Deutschland im Bereich Zahnmedizin?

Wildwuchs klingt negativ, mir gefällt Vielfalt besser. Wildwuchs suggeriert schlechte Qualität, die sich schon allein die Kolleginnen und Kollegen nicht bieten lassen würden. Darüber hinaus wären solche Veranstaltungen nach den Leitsätzen der Bundeszahnärztekammer, der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung zur zahnärztlichen Fortbildung auch gar nicht genehmigungsfähig.

Dass wir hier die richtigen Hürden aufgebaut haben, zeigt sich an den vielen Anfragen, die uns von Veranstaltern erreichen. Vielfalt bedeutet dann, dass es Golf- und Mercedes-Fortbildungen gibt. Hier kann jeder selbst entscheiden, wo die eigenen Ansprüche liegen.

3. Was tut die Zahnärzteschaft, um auf diesem breit aufgestellten Markt die Qualität der Curricula sicherzustellen?

Die Leitsätze von BZÄK, DGZMK und KZBV sowie die Vorgaben zur Vergabe der Fortbildungspunkte in Verbindung mit der Antragsprüfung bei den Länder-KZVen sind ein wichtiger Garant unserer Qualitätsziele.

Der Veranstalter muss unterschreiben, dass die Leitsätze berücksichtigt wurden und da wird dann zum Beispiel „nachhaltige Erfahrung“ der Referenten und ihre „wissenschaftliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit und Neutralität“ gefordert. Wenn Kolleginnen und Kollegen hier Verstöße erleben, sollten sie diese bei den Genehmigungsgremien der Länderkammern oder KZVen benennen. Mit ihren Akademien sind die Kammern selbst am Fortbildungsmarkt stark vertreten. Damit können wir die Konkurrenz mit guten Angeboten zu vernünftigen Preisen auch indirekt positiv beeinflussen.

4. Vier Tage auf der Aida, tagsüber Sonnenbaden an Deck, abends eine Fortbildung mit Dinner und Cocktails – und alles für lau, denn zahlen tut die Industrie. In der Medizin sind solche Veranstaltungen gang und gäbe. In der Zahnmedizin auch?

Würde ein deutscher Veranstalter solch eine Veranstaltung genehmigen lassen wollen, hätte er weder bei den allgemeinmedizinischen Kollegen noch bei uns eine Chance. Handelt es sich um einen ausländischen Veranstalter, muss der Teilnehmer selbst den Nachweis führen, dass die Leitsätze der Bundesärzte- beziehungsweise der Bundeszahnärztekammer eingehalten wurden. Mit den heutigen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation macht Schummeln wenig Sinn. Da gibt man dann schnell mal den „Fortbildungs-Hoeneß“.

Was ich aber strikt ablehne, sind irgendwelche elektronischen Anwesenheitskontrollen im Hörsaal. Damit würde sich ein Misstrauen ausdrücken, dass unsere Kolleginnen und Kollegen nicht mal im Ansatz verdient hätten.

5. Gibt es auch entsprechende qualitäts- sichernde Maßnahmen im Fortbildungsbereich für die Zahnmedizinischen Fachangestellten?

Auch wenn für ZFAs keine Fortbildungspflicht besteht, ist das Interesse dennoch groß. Wer für eine Aufstiegsfortbildung ein Kammerzertifikat will, muss eine Veranstaltung besuchen, die sich an den Musterfortbildungsordnungen der Bundeszahnärztekammern orientiert und die mit einer Kammerprüfung abschließt.

Externe Anbieter haben keine Chance am Markt, wenn sie sich nicht anstrengen. Die ZFAs sind hier sehr kritisch, weil sie darauf schließlich ihren beruflichen Erfolg aufbauen wollen. Eine solche Konkurrenz ist dann aber auch gut, weil sie Monopole vermeiden hilft. Bei kleineren Fortbildungen außerhalb des Aufstiegsbereichs wäre ich nicht so kritisch. Hier muss die Chefin oder der Chef selbst verantworten, was in der Praxis umgesetzt werden soll und im besten Fall natürlich Veranstaltungen der Kammerakademien empfehlen.

Info

Christoph Benz

Prof. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer und Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer, ist im Vorstand unter anderem verantwortlich für die Bereiche Qualitätsförderung, Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in der Zahnmedizin und zahnärztliche Ausbildung. Er ist beteiligt an der Ausgestaltung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Zahnmedizin und an der Weiterentwicklung der Leitlinien. Benz leitet unter anderem den gemeinsamen Beirat Fortbildung von BZÄK und DGZMK arbeitet im Ausschuss Qualität in der Zahnmedizin sowie in den Weiter-bildungsausschüssen Oralchirurgie und KFO.

Info

Die Interaktive Fortbildung für Zahnärzte

Die Interaktive Fortbildung erfolgt in elektronischer, internetbasierter oder digitaler Form mit Auswertung des Lernerfolgs. Es gibt zwei Punkte pro Übungseinheit bei peer-reviewed – also gutachterlich geprüften – Beiträgen. Die Continuing Medical Education (CME) entspricht den Vorgaben des GKV-Modernisierungsgesetzes von 2006 und erfolgt gemäß den Leitsätzen von BZÄK und DGZMK auf freiwilliger Basis.

Die Anbieter müssen ihr CME-Angebot bei der zuständigen Landeszahnärztekammer oder KZV bekanntmachen und sich bereit erklären, die Fortbildungen nach den obigen Leitsätzen durchzuführen. Außerdem müssen sie nachweisen können, dass für alle Fortbildungsblöcke ein Review durch mindestens einen Experten erfolgte. Im Peer-Review-Verfahren werden die wissenschaftlichen Inhalte der Fortbildung begutachtet und beurteilt. Die Zahnärzt- lichen Mitteilungen haben beispielsweise einen wissenschaftlichen Beirat, der aus zwei Professoren der Zahnmedizin besteht und die CME-Beiträge beurteilt. Auch CME-Videos müssen wissenschaftlich geprüft werden.

An einen aufwendigen Beitrag – eine Übungseinheit à 45 Minuten – schließen sich zehn Wissensfragen an, die der Zahnarzt zu mindestens zwei Dritteln richtig beantworten muss, um zwei Fortbildungspunkte zu erhalten. Analog zur Punktevergabe bei Präsenzveranstaltungen können maximal acht Punkte pro Tag vergeben werden. Um als Zahnarzt an der CME- Fortbildung im Internet teilzunehmen, muss man sich beim Anbieter registrieren. Angaben wie Titel, Name und Adresse erscheinen dann auf dem Zertifikat, das als Nachweis bei der zuständigen Stelle eingereicht wird. Pro Fortbildung kann es bis zu maximal drei Versuche geben. Die Antworten werden gespeichert, das Zertifikat kann jederzeit vom Zahnarzt heruntergeladen werden.

Bei der Speicherung und der Verwendung von personenbezogenen Daten sind die Grundsätze des Online-Datenschutzes einzuhalten. Der Versand der Daten erfolgt über eine gesicherte SSL-Verbindung.



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