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01.02.12 / 12:50
Heft 03/2012 Leserforum

Zu invasiv

Zum Beitrag „Praxiskonzept Implantologie – So sollte jeder Patient behandelt werden“ in zm 22/2011:



Foto: Buchmann

Unter dem Kurztitel „Praxiskonzept Implantologie“ überschreiben die Kollegen Buchmann und Kochhan ihren Beitrag in den zm „So sollte jeder Patient behandelt werden“. Dies impliziert, dass jeder Patient, bei dem anders vorgegangen wird, falsch behandelt wird. Die Aussagen, dass vor jeder Implantattherapie im parodontal kompromittierten Gebiss eine parodontale Behandlung stehen sollte, und dass un behandelte schwere Formen von Parodontitis Einfluss auf die Allgemeingesundheit haben können, sind so richtig wie erwähnenswert. Dennoch bleibt zu hoffen, dass möglichst nicht jeder Patient nach dem von Buchmann und Kochhan vorgeschlagenen Konzept behandelt wird. Warum?

An verschiedenen Stellen im Text und prominent in den Abb. 3 und 4 wird das Konzept propagiert, Oberkiefermolaren mit einem Knochenabbau kleiner oder gleich 50 Prozent der Wurzellänge und Unterkiefermolaren mit horizontalem Knochenabbau und Grad-III- Furkationsbeteiligung frühzeitig zu entfernen und gegebenenfalls durch Implantate zu ersetzen. Dies wird damit begründet, dass in diesen Situationen die parodontale Zerstörung nicht aufgehalten werden könne und der Erhalt dieser Zähne die Voraussetzungen für enossale Implantationen verschlechtere. Aufgrund welcher wissenschaftlicher Grundlage stellen Buchmann und Kochhan diese Empfehlungen auf? In dem weitschweifigen Text bleiben sie uns gerade diese wichtige Information schuldig. Aktuelle Studien belegen, dass unter der Voraussetzung regelmäßiger Nachsorge auch furkationsbeteiligte Zähne über zehn Jahre (Pretzl et al. 2008) und tunnelierte Molaren (Grad-III-Furkationsbeteiligung) über knapp neun Jahre (Dannewitz et al. 2006) Überlebensraten von mehr als 90 Prozent haben. Solche Erfolgraten müssen für enossale Implantate im Molarenbereich erst gezeigt werden. Die Autoren sollten bedenken, dass bei Parodontitis nicht die Zähne das Problem sind, sondern die Prädisposition der Patienten, die nach enossaler Implantation mit einem erhöhten Risiko für biologische Komplikationen einhergeht. Schade, dass auf diese Problematik überhaupt nicht eingegangen wird.

Weiter sehen Buchmann und Kochhan die Ursache für „Vertikaldefekte“ in einer „Überlastung der Prothetikpfeiler“, in alters- und gebrauchsbezogener Bisssenkung, in Fehlfunktionen durch Habits sowie in der „Überalterung des Zahnersatzes“ und illustrieren dies mit zwei dreigliedrigen Brücken im Unterkiefer. Überlastung der Prothetikpfeiler bei dreigliedrigen Brücken als Rechtfertigung für die Entfernung des Zwischenglieds und enossale Implantation in regio 036 und 046?! Auch hier bleiben uns die Autoren die wissenschaftlichen Grundlagen für ihre Behauptung schuldig. Erst kürzlich war eindrucksvoll belegt worden, dass es so etwas wie Überlastung der Prothetikpfeiler im parodontal kompromittierten Gebiss nicht gibt (Lulic et al. 2007). Was ist eigentlich überalterter Zahnersatz? Seit wann hat Zahnersatz ein Verfallsdatum?

Ist eine „Restknochenhöhe“ von sieben Millimetern in regio 024 tatsächlich eine Indikation für eine externe Sinusbodenelevation? Warum in dieser Situation nicht auf ein kürzeres Implantat gegebenenfalls in Kombination mit einem internen Sinuslift zurückgreifen?

Buchmann und Kochhan formulieren klare Kriterien, wann parodontal erkrankte Zähne entfernt und durch Implantate ersetzt werden sollen. Leider bleiben uns die Autoren die wissenschaftliche Begründung ihrer Kriterien schuldig. Einerseits existiert ein effektives Therapiekonzept für Parodontitis und wir wissen heute sehr gut, dass bei parodontal therapierten Patienten unter effektiver Nachsorge weitere parodontale Zerstörungen und Zahnverluste sehr seltene Ereignisse sind. Andererseits existiert aktuell kein effektives Therapiekonzept für Periimplantitis. Deshalb sind die so allgemein vorgeschlagenen Kriterien zur Entfernung von Zähnen zu invasiv und es fehlt eine Betonung der besonderen Bedeutung der unterstützenden Parodontitistherapie/Nachsorge.

Univ.-Prof. Dr. P. Eickholz
Uniklinikum Frankfurt am Main, ZZMK
Theodor-Stern-Kai 7
60596 Frankfurt am Main



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